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Serie zu 50 Jahre Gebietsreform – Teil 1

Pfiat di Altlandkreis Wasserburg: Warum der Abschied von heftigen Protesten begleitet war

Die Proteste in Wasserburg waren groß, als die Auflösung des Landkreises drohte. Vor allem die Stadt Wasserburg fürchtete einen Bedeutungsverlust.
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Die Proteste in Wasserburg waren groß, als die Auflösung des Landkreises drohte. Vor allem die Stadt Wasserburg fürchtete einen Bedeutungsverlust.
  • Sophia Huber
    VonSophia Huber
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Das WS-Autokennzeichen symbolisiert bis heute: Viele Bürger fühlen sich auch 50 Jahre nach der Gebietsreform dem Altlandkreis Wasserburg eng verbunden. Folge eins einer Serie der Wasserburger Zeitung widmet sich den Hintergründen der Auflösung, die emotional tiefe Wunden hinterließ.

Altlandkreis Wasserburg – 27. Dezember 1971: Das Bayerische Gesetz- und Verordnungsblatt verkündet offiziell die Auflösung des Landkreises Wasserburg. Damit wurde auch die letzte Hoffnung der Wasserburger, ihren Landkreis zu behalten, zerstört. Die Auflösung erfolgte am 1. Juli 1972. Fünfzig Jahre ist das nun her, Grund genug das Thema in einer neuen Serie aufzugreifen. Denn trotz all der Zeit, die vergangen ist: Für viele ist die Gebietsreform weiterhin mit Emotionen besetzt.

Auch die Gemeindegebietsreform ärgerte viele. Hier einige Protestschilder aus Edling.

Denn: „Es geht um Identitätsverlust“, erklärt Peter Rink. Der ehemalige Schulleiter des Gymnasiums Wasserburg und Vorsitzende des Heimatverein s hat sich lange mit dem Thema „Gebietsreform“ beschäftigt, im Historischen Lexikon Wasserburg hat er dazu zwei Artikel veröffentlicht, einmal zur Kreis- und einmal zur Gemeindegebietsreform.

Ziel: Kommunale Selbstverwaltung stärken

Beides wird oft vermischt, erklärt Rink, obwohl es sich eigentlich um zwei verschiedene Gesetze handelte. „Die Kreisgebietsreform war zwischen 1971 und 1972. Die Gemeinden waren meistens später dran.“ Meistens bedeutet, im Jahr 1978 wurde bei vielen Kommunen die Zusammenfassung angeordnet, davor war eine sogenannte freiwillige Phase, in der sich die Gemeinden aus freien Stücken zusammenschließen konnten, gegen einen finanziellen Ausgleich. Lengmoos und Au und Mittergars haben davon beispielsweise Gebrauch gemacht .

In unserer Serie „Pfiat di Altlandkreis“ geht es ebenfalls um beide Reformen, denn ganz zu trennen sind sie doch nicht, immerhin verfolgten sie die gleichen Ziele. „Es ging in erster Linie darum, die kommunale Selbstverwaltung zu stärken“, erklärt Rink. Nach Ansicht der bayerischen Staatsregierung waren viele kleine Gemeinden sowie kleine Landkreise den öffentlichen Aufgaben nicht mehr gewachsen. „Ein Standesamt konnten viele zum Beispiel nicht betreiben, weil kein Geld da war.“

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Für Landkreise kam auch der Unterhalt der Schulen hinzu, der vor allem die Kleineren oft finanziell herausforderte. Deshalb sollten alle Gemeinden aufgelöst werden, die weniger als 2000 Einwohner hatten, Kommunen mit weniger als 5000 Einwohnern sollten sich möglichst zu Verwaltungsgemeinschaften zusammenschließen und Landkreise brauchten eine Einwohnerzahl von mindestes 80 000. Eine Hürde, die sich für den Landkreis Wasserburg mit seinen zu dieser Zeit etwa 55.000 Einwohnern als unüberwindbar herausstellen sollte, obwohl es weder an Ideen gemangelt hätte, noch an Widerstand aus der Bevölkerung mangelte.

Heftige Proteste aus Sorge um einen Bedeutungsverlust

Denn obwohl Wasserburg bei Weitem nicht der einzige Kreis war, der der Reform zum Opfer fiel, – aus den ursprünglich 143 Landkreisen in Bayern wurden 71 – waren vor allem in der Stadt die Proteste heftig. Heftiger, als in anderen Landkreisen und Städten. „Die Stadt Wasserburg befürchtete einen Bedeutungsverlust“, erklärt Rink. Zudem sahen die Protestierenden durchaus Chancen zu gewinnen und hätten es beinahe auch geschafft. „Der Landkreis war an der Grenze, doch zu überleben“, stellt Rink fest.

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Noch im Februar 1971, also nur wenige Monate vor der Gebietsreform, diskutierte die Staatsregierung über drei Varianten, um den Landkreis Wasserburg zu erhalten: eine Zusammenlegung mit dem Landkreis Ebersberg, eine Teilung des Kreises Ebersberg, um die östlichen Orte an Wasserburg anzugliedern, oder eine Hinzunahme von Gebieten aus den Nachbarkreisen. „Man wollte ohnehin schon an Wasserburg orientierte Orte aus Traunstein zum Landkreis hinzunehmen, zum Beispiel Schnaitsee“, erklärt Rink. Auch Teile des Landkreises Rosenheim, wie Halfing und sogar Bad Endorf, waren im Gespräch. Die Pläne scheiterten an heftigen Widerständen in den Orten. „Niemand wollte zu Wasserburg“, stellt Rink fest. Ein Thema, dass auch in den folgenden Gebietsplänen der Stadt aufkam.

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Der Grund hierfür ist schwierig festzuhalten. „Es lag vermutlich an dem Geist, der in Wasserburg geherrscht hat.“ Wasserburg, das sich schon damals als Stadt der Künstler verstanden hat und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg von einem Kommunisten regiert wurde, kam nicht gut bei den umliegenden Orten an. „Und auch in Wasserburg herrschte ein gewisses Burgen-Denken.“ Mit einer Vergrößerung war also nicht zu rechnen, den Tod des Landkreises hätte es trotzdem nicht bedeuten müssen. „Es gab auch Ausnahmen“, erklärt Rink. Garmisch-Patenkirchen beispielsweise erreichte die Zahl 80 000 zu dieser Zeit ebenfalls nicht.

Doch das Überleben des Landkreises Wasserburg wurde von zwei weiteren Faktoren erschwert. Zum einen war der damalige Landrat Josef Bauer auch als Bundestagsabgeordneter tätig, nach neuer Gesetzeslage durfte er aber beide Ämter nicht mehr bekleiden. Rink vermutet, dass dies ein weiterer Grund war, der es der bayerischen Regierung leichter machte, den Landkreis aufzulösen.

Peter Rink ist Experte für die Gebietsreform und ihre Auswirkungen auf Wasserburg.

Spielten persönliche Animositäten eine Rolle?

Zum anderen vermutet Rink, dass auch persönliche Animositäten zwischen bayerischen Spitzenpolitiken einen Einfluss hatten. „ Franz-Josef Strauß lebte damals in Rott, also im Landkreis Wasserburg, er war sehr verfeindet mit dem damaligen Innenminister Bruno Merk, der die Gebietsreform durchgeführt hatte“, erläutert Rink. Es sei gut möglich, dass auch dies Einfluss hatte. „Beweisen kann man das natürlich nicht.“ Dass er mit der Annahme aber nicht alleine war, beweisen auch historische Dokumente im Stadtarchiv Wasserburg, so kritisierte die Bürgerinitiave Wasserburg, dass nicht sachliche Gründe über die Auflösung des Landkreises entschieden hätten, „sondern persönliche Ressentiments von Regierungsmitgliedern gegenüber Landrat Bauer“.

Doch egal, was die Gründe waren: Emotional ganz überwunden ist die Gebietsreform auch ein halbes Jahrhundert später noch nicht.

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