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Vereinigung „dsai“ wendet sich an Gesundheitsminister

„Es geht um Menschenleben“: Patientenorganisation aus Schnaitsee sendet Hilferuf an Lauterbach

Die fröhlichen Gesichter täuschen, die Mitglieder von dsai sind in großer Sorge: (von links) Carmen Hellmeier, Michaela Scholtysik, Gabriele Gründl (Bundesvorsitzende), Andrea Maier-Neuner (Geschäftsführerin), Manuela Kaltenhauser und Sabine Aschekowsky.
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Die fröhlichen Gesichter täuschen, die Mitglieder von dsai sind in großer Sorge: (von links) Carmen Hellmeier, Michaela Scholtysik, Gabriele Gründl (Bundesvorsitzende), Andrea Maier-Neuner (Geschäftsführerin), Manuela Kaltenhauser und Sabine Aschekowsky.
  • Heike Duczek
    VonHeike Duczek
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Vor einer dramatischen Unterversorgung mit Blutplasma für Menschen mit der seltenen Krankheit eines angeborenen Immundefekts warnt die Schnaitseer Patientenorganisation „dsai“. Sie appelliert mit Nachdruck an Gesundheitsminister Lauterbach und bittet ihn in einem Brief um Hilfe.

Schnaitsee – Die Lieferengpässe, die derzeit die Weltwirtschaft in die Krise stürzen, können sogar lebensbedrohliche Ausmaße annehmen. Darauf weist die Patientenschutzorganisation dsai aus Schnaitsee hin. Nach ihren Angaben droht eine dramatische Unterversorgung mit Blutplasma für Menschen mit der seltenen Krankheit eines angeborenen Immundefekts.

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Diese sind laut dsai auf Präparate aus Immunglobulinen angewiesen, die aus menschlichem Blutplasma hergestellt werden. Rund 70 Prozent dieser Patienten sind auf eine subkutane Gabe ihres Medikamentes eingestellt, das heißt: Sie injizieren sich ihr Präparat eigenständig unter die Haut.

Lieferengpässe und Kostenstreit

Bereits drei Hersteller subkutaner Immunglobuline hätten aufgrund gravierende Lieferengpässe wegen eines Mangels an Plasma die Einstellung der Produktion angemeldet. Der verbleibende vierte Hersteller stelle den Verkauf seines Präparates in Deutschland ein. In diesem Fall stehe jedoch nach Aussage des Herstellers nicht der Plasmamangel für den Lieferstopp im Vordergrund, sondern Preisverhandlungen mit dem Spitzenverband Bund der Krankenkassen (GKV-Spitzenverband). „Es kann nicht sein, dass ein Kostenstreit auf dem Rücken der Patientinnen und Patienten ausgetragen wird“, stellt Gabriele Gründl, Bundesvorsitzende der Patientenorganisation für angeborene Immundefekte – dsai e. V., fest. „Der sowieso schon besorgniserregende Lieferengpass wird durch diesen Streit massiv verschärft.“

Gründl hat sich daher an Gesundheitsminister Karl Lauterbach gewandt, mit der dringenden Bitte, für die Situation schnell eine Lösung zu finden: „Es geht um Menschenleben. Wir brauchen Ihre Hilfe!“, hat sie dem Minister geschrieben.

Gründl appelliert mit Nachdruck an das Gesundheitsministerium, schnell etwas zu unternehmen, „um die unhaltbare Situation zu beenden“. Auch an das Paul-Ehrlich-Institut sowie den GKV-Spitzenverband hat sie sich gewandt. „Politik und GKV müssen sich umgehend zusammensetzen und dafür sorgen, dass wenigstens ein subkutanes Immunglobulin-Präparat zuverlässig verfügbar ist.“

Die Patientenorganisation haben zahlreiche Anrufe verzweifelter Patientinnen und Patienten erreicht: In keiner Apotheke in ihrer gesamten Region, unabhängig vom beliefernden Großhandel, nicht über Kliniken, nicht über den Hersteller sei das Präparat erhältlich. Viele dieser betroffenen Menschen, unter ihnen vor allem Kinder und Jugendliche, mussten wegen des Lieferverzugs der anderen subkutanen Immunglobine teils langwierig auf Cutaquig umgestellt werden. „Dass jetzt dieses Präparat nicht mehr erhältlich ist, bedeutet die absolute Katastrophe für die Patientinnen und Patienten – gerade auch für Eltern, die nun in Panik geraten, weil ihre Kinder nicht mehr mit Immunglobulinen versorgt werden könnten, wenn der rezeptierte Vorrat verbraucht ist“, berichtet Gründl.

Gravierender Mangel kann jeden treffen

Verschärft durch die Corona-Pandemie herrsche in Europa ein gravierender Mangel am Blutplasma. „Ich kann jedem gesunden Menschen nur nachdrücklich ans Herz legen, Plasma zu spenden“, betont Gabriele Gründl.

„Neben Menschen mit einem angeborenen oder erworbenen Immundefekt sind auch Personen mit Hämophilie, also die sogenannten Bluter, auf Plasmapräparate angewiesen. Aber auch Unfallopfer bekommen bei bestimmten Verletzungen Medikamente aus Plasma – jeder von uns kann also plötzlich dringend Plasma benötigen.“

Das sagt das Bundesgesundheitsministerium

Das Bundesgesundheitsministerium unterstreicht auf Anfrage der Wasserburger Zeitung, die gesicherte Versorgung der Bevölkerung mit Plasmaprodukten sei dem Ministerium „ein überaus wichtiges Anliegen“. Im Rahmen der Zuständigkeit würden alle Möglichkeiten ergriffen, um einem Versorgungsengpass mit Plasmaprodukten entgegenzuwirken. Derzeit würden Möglichkeiten zur Reduktion des Verbrauchs und zur Erhöhung des Spendeaufkommens geprüft.

Im Arbeitskreis Blut, einem beratenden Expertengremium des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG), seien zu verschiedenen Themen Unterarbeitsgruppen eingerichtet worden, um Empfehlungspapiere zu erarbeiten. Zudem stehe das Ministerium im kontinuierlichen Austausch mit den Blutspendediensten, der plasmaverarbeitenden Industrie und den Verbänden, um mögliche Lösungsansätze zur Versorgungslage zu erörtern.

Um kurzfristig dem pandemiebedingten Rückgang der Blut- und Plasmaspenderzahlen entgegenzuwirken, werden laut Pressesprecher Sebastian Gülde in diesem Jahr mindestens sechs aufmerksamkeitsstarke Aktionen zur Blut- und Plasmaspende durchgeführt – mit der Absichtl, durch gezielte Aufklärung neue Spender zu gewinnen.

Für die anstehende Revision der Blut- und Gewebegesetzgebung werde demnächst der Vorschlag der EU-Kommission erwartet. Das Bundesgesundheitsministerium werde sich bei den anstehenden Verhandlungen auf EU-Ebene insbesondere für die Gewährleistung der Versorgungssicherheit des europäischen und deutschen Marktes einsetzen.

Deutschland gewinnt viel Plasma

Deutschland gehöre neben Tschechien, Österreich und Polen zu den EU-Mitgliedstaaten, die in Relation zu ihrer Gesamtbevölkerung am meisten Plasma gewinnen würden. Die Versorgungsproblematik mit Plasmaprodukten unter anderem als Folge der Pandemie habe ihre Ursache in der global agierenden plasmaverarbeitenden Industrie. Durch Verschiebungen der Plasmakontingente auf dem Weltmarkt sei es grundsätzlich denkbar, dass sich Auswirkungen auf die europäische Versorgungslage in Form einer Verknappung ergäben. Der Großteil (67 Prozent) der Gewinnung des Plasmas zur industriellen Weiterverarbeitung erfolge in den USA wo nach Angaben der plasmaverarbeitenden Industrie die dortige Plasmagewinnung pandemiebedingt in den vergangenen zwei Jahren sehr stark zurückgegangen sei.

„Hinzu kommt ein steigender Mehrverbrauch an Plasma-Präparaten, zum Beispiel der Immunglobuline, als Folge von Indikationserweiterungen und einem damit zusammenhängenden geänderten Therapieverhalten der Ärzte. Zudem wird ein großer Teil des jährlich zum Beispiel in Deutschland gewonnenen Plasmas nicht in Deutschland weiterverarbeitet, sondern an herstellende pharmazeutische Unternehmer in Drittstaaten, hauptsächlich in die USA, exportiert. Die für Deutschland benötigten Plasmaprodukte müssen dann auf dem weltweiten Arzneimittelmarkt ohne verbindliche Kontingentierung eingekauft werden“, berichtet Gülde.

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