Arzt, Patienten und Apotheker verärgert

Wasserburg fehlt Grippe-Impfstoff, weil Großhändler dortige Apotheke „vergessen“ hat

Bundesweit mehren sich die Meldungen, dass nicht ausreichend Grippe-Impfstoffe vorhanden sind. Der Wasserburger Apotheker Jörg Heider ärgert sich darüber hinaus über den Pharma-Großhandel.
+
Bundesweit mehren sich die Meldungen, dass nicht ausreichend Grippe-Impfstoffe vorhanden sind. Der Wasserburger Apotheker Jörg Heider ärgert sich darüber hinaus über den Pharma-Großhandel.
  • Andrea Klemm
    vonAndrea Klemm
    schließen

„Spahn hat doch im Fernsehen gesagt, dass sich alle gegen Grippe impfen lassen sollen. Dabei sind keine Impfstoffe lieferbar“, ärgert sich ein Leser der OVB-Heimatzeitungen. Apotheker Jörg Heider bestätigt das. Auch er ist sauer, denn sein Pharma-Großhändler hat seine Bestellung „verbummelt“.

Wasserburg – Während die Mainzer Pharmafirma Biontech und ihr US-Partner Pfizer einen Durchbruch vermelden können, dass sich ein Corona-Impfstoff in klinischen Tests als höchst wirkungsvoll erwiesen habe und bald eine US-Zulassung erfolgen könne, mehren sich bundesweit die Meldungen, dass der Influenza-Impfstoff knapp wird, oder nicht lieferbar ist. „Ein Unding“, findet ein Leser der Wasserburger Zeitung, der verärgert ist, auch über Gesundheitsminister Jens Spahn.

Influenza-Serum nicht in Sicht

„Im Fernsehen hat er doch vor vier Wochen angekündigt, dass es genügend Impfstoff gibt, für alle Menschen, die sich gegen Influenza impfen lassen wollen. Ich bin 66 Jahre alt und will das auch tun“, sagt der Vogtareuther. Doch seine Apotheke in Griesstätt habe ihm gesagt, dass eine Lieferung des Influenza-Serums nicht in Sicht sei.

Lesen Sie auch:

Corona: Impfstoff-Durchbruch in Deutschland - Doch wird er zuerst im Ausland geliefert? Spahn wird deutlich

Nachgefragt bei der Alpen-Apotheke, die eine Filiale der Apotheke am Burgerfeld in Wasserburg ist, erklärt Tobias Reichenberger, „ja, es stimmt, der Impfstoff ist nicht lieferbar. Wir stehen in Kontakt mit dem Großhandel und wurden immer wieder vertröstet, nun auf Mitte November“.

„Kein Kommentar“ sagt Pharma-Großhändler

Leider erhielten die Apotheken „keine vernünftige Auskunft“, was schief läuft, erklärt er weiter. In den vergangenen Wochen hatte speziell ein Großhändler mit Sitz im Mannheim auch einige Bestellungen storniert. Dazwischen kamen noch einmal 20 Dosen an, aber seither hieße es: warten. Zu allem Überfluss seien die bestellten Vakzine „versehentlich“ an andere Apotheken ausgeliefert worden, wie Reichenbergers Chef, Jörg Heider, berichtet.

„Kein Kommentar“ heißt es aus der Pressestelle, des Mannheimer Pharma-Großhändlers auf Nachfrage der Wasserburger Zeitung, was denn hier schief gelaufen sei. Die Pressesprecherin verweist auf die Datenschutzgrundverordnung. Natürlich sei man mit dem Kunden in der Sache in Kontakt. Derweil ärgert sich Apotheker Reichenberger allgemein, dass sich „das Thema mit den Lieferengpässen seitens der Pharmaindustrie sich jedes Jahr wiederholt“. Er habe dafür kein Verständnis.

Hausarzt Dr. Christian Schrag aus Wasserburg berichtet von aufgebrachten Patienten und Auseinandersetzungen in seiner Praxis. „Es gibt schon lange keinen Impfstoff mehr gegen Grippe, der gegen Pneumokokken ist auch aus – egal bei welchem Großhändler. Eine richtige Auskunft von den Lieferanten bekommt man nicht“, sagt er.

Kritik an Spahns Aufruf zur Grippe-Impfung

Er führe eine lange Warteliste an Patienten, die geimpft werden wollen, täglich kommen neue Namen dazu. Rund 100 Dosen seien nachbestellt, ließen aber auf sich warten. Die Angst der Leute führe zu einer weiteren Spaltung in der Gesellschaft, plötzlich heiße es auch bei der Grippe-Impfung: „Ich bin doch der, der das braucht, und nicht der andere.“ Das beobachte er mit Sorge.

Angst vor Doppel-Infektion

Weil viele Menschen Panik haben, sich gleichzeitig mit Corona und Influenza anzustecken, gebe es einen Run auf die Grippeimpfung – auch durch Leute, die sie nicht unbedingt bräuchten. „Impfen lassen sollten sich Menschen mit chronischen Grunderkrankungen (Herz, Lunge, Diabetes, Rheuma u.a.) oder jene, die durch Immunsuppressiva (Chemotherapie) geschwächt sind. Und Menschen ab 65 Jahren“, rät Schrag, und ergänzt: „Meine persönliche Einschätzung: Spahn dachte sich, wenn wir gegen Corona noch keinen Impfstoff haben, müssen wir den Leuten etwas bieten. Also kam im Oktober der Aufruf, sich gegen Grippe und Pneumokokken impfen zu lassen.“ Er moniert, dass der Minister diese Aussage tätigte und nicht geprüft habe, ob ausreichend Impfseren vorhanden seien.

Kommentare