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Wenn Erwachsene an Depressionen erkranken

„Papas Seele hat Schnupfen“: Warum eine Wasserburger Klinik als Vorlage für ein Kindersachbuch dient

Erinnert an das Gabersee-Gelände: die Karte, illustriert von Nadia Faichney, auf Seite 34/35 im Buch „Papas Seele hat Schnupfen- Ein Muffin für Nele“.
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Erinnert an das Gabersee-Gelände: die Karte, illustriert von Nadia Faichney, auf Seite 34/35 im Buch „Papas Seele hat Schnupfen- Ein Muffin für Nele“.
  • Heike Duczek
    VonHeike Duczek
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Nele ist verzweifelt: Ihr Papa, ein Seilartist, ist krank. Seine Seele hat Schnupfen, haben die Erwachsenen dem Mädchen gesagt. Wie der an Depressionen leidende Vater therapeutische Hilfe erhält, erzählt ein Kindersachbuch, für das eine reale Klinik aus Wasserburg Pate stand.

Wasserburg – Wer das Buch von Claudia Gliemann auf der Doppelseite 34 und 35 aufschlägt, sieht anhand der Zeichnung von Illustratorin Nadia Faichney, welches psychiatrisches Fachkrankenhaus die Vorlage liefert: das kbo-Inn-Salzach-Klinikum (ISK). Die Karte zeigt das Gabersee-Klinikgelände – mit den typischen Pavillons, dem Park, mit Schule, Museum, Festsaal, Stationen, Therapiegebäuden, Friedhof, Turnhalle, Gärtnerei und Tennisplätzen.

Ärztlicher Direktor Professor Dr. Peter Zwanzger freut sich nicht nur darüber, dass das ISK Modell stand. Er ist auch von der Aufarbeitung der schwierigen Thematik begeistert.

Ärztlicher Direktor Professor Dr. Peter Zwanzger.

„Das Buch ist echt gut geworden“, sagt Zwanzger, „es gelingt außerdem auf wunderbare Weise, das komplexe Thema seelischer Erkrankungen kindgerecht aufzuarbeiten.“

Zwei Wochen in Gabersee hospitiert

Autorin Claudia Gliemann hat dafür zwei Wochen im Inn-Salzach-Klinikum hospitiert: Sie hat mit Pflegepersonal, Therapeuten und Ärzten sowie Patienten gesprochen, die Stationen besucht, am Krankenhausleben teilgenommen. Und aus diesen Erfahrungen sowie dem gesammelten Know-how heraus ihr Kinderbuch geschrieben. Es erklärt am Beispiel von Neles Vater, wie eine Therapie abläuft – in einer klaren Sprache, die nichts verheimlicht, nichts ausspart.

Kinder müssen wissen, was los ist mit Angehörigen, die seelisch erkranken, findet Zwanzger. Denn auch bei schweren psychischen Erkrankungen leide das ganze Umfeld mit. Heranwachsende hätten ein Recht auf Erklärungen. Denn Kinder haben nach seinen Erfahrungen ein sehr feines Gespür für gesundheitliche Probleme. „Zu glauben, dass ihnen eine psychische Erkrankungen verborgen bleibt, ist falsch.“ Kinder könnten durchaus verstehen, dass die Seele genauso leiden könne wie der Körper. Doch sie müssten kindgerecht aufgeklärt werden – auch darüber, dass eine Heilung oft Zeit brauche, so der Ärztliche Direktor. Das Buch trage sehr gut zur Entstigmatisierung depressiver Erkrankungen bei, findet auch Waldtraud Rinke, Vorstandsvorsitzende der Deutschen Depressionsliga. Auch diese war ebenso wie das ISK Kopperationspartner beim Buchprojekt.

Angesichts einer vermuteten Zahl von vier Millionen betroffenen Patienten wachsen viele Mädchen und Buben nach Zwanzgers Angaben als Kinder psychisch kranker Eltern auf. Nicht selten gehöre zur Genesung auch ein Psychiatrieaufenthalt. Doch der Weg dorthin – gerade für Eltern und noch mehr für alleinerziehende Mütter – sei oft lange und schwierig. Informationen seien wichtig, um sich von der unbekannten Welt einer psychiatrischen Klinik nicht abschrecken zu lassen.

Buch auch für Erwachsene geeignet

Zwanzger findet deshalb auch, das Buch von Gliemann sei auch für Erwachsene geeignet. Hier würden auch die Begrifflichkeiten aus der Psychiatrie erklärt, Berufsbilder vorgestellt, Therapien erläutert. Bei diesem Prozess hilft auch ein Briefwechsel zwischen Nele und ihrem Papa, der die Entwicklung des Vaters bei der Gesundung erklärt.

3 Fragen an Autorin Claudia Gliemann

Sie schreiben ja vorrangig im eigenen Verlag Bücher über die Höhen und Tiefen des Lebens, erklärt für Kinder. Ein Schwerpunkt: die psychische Gesundheit. Was hat Sie persönlich bewogen, solch komplexe und schwierige Themen kindgerecht aufzuarbeiten?

Claudia Gliemann: Das erste Buch zu einem schwierigen Thema, das ich geschrieben habe, war „Ohne Oma“, in dem es um den Tod der Großmutter geht. Durch die Reaktionen auf „Ohne Oma“, auch von Erwachsenen, habe ich gemerkt, dass es mir gelungen war, dieses traurige Thema gut in eine passende Sprache und gemeinsam mit Patrick Tritschler, dem Illustrator, gut in ein Bilderbuch umzusetzen, das an sich gewagt war: Es besteht nur aus Piktogrammen.

Von meiner Ausbildung her bin ich Übersetzerin und ich hatte schon fast 50 Bücher übersetzt, bevor ich angefangen hatte, selbst Bücher zu schreiben und im Jahr 2010 meinen eigenen Verlag gegründet habe: MONTEROSA. Und auch als Übersetzerin war ich oft bei schwierigeren Texten besser als bei den einfachen. Und schwierige Themen in Bilderbüchern so umzusetzen, dass Menschen sich gesehen und verstanden fühlen, ist auch eine Art von Übersetzung.

„Papas Seele hat Schnupfen“ ist entstanden, weil ich Menschen kannte, denen es wie dem Vater in der Geschichte ging. Durch die Arbeit an dem Buch und die Lesereise der letzten Jahre, die von der AOK und der Deutschen Depressionsliga e.V. gefördert wird, durfte ich viele Menschen kennen lernen: Betroffene, Angehörige, Fachpersonen, und mich mit ihnen unterhalten. Mit der Zeit sind so weitere Bücher rund um „Papas Seele hat Schnupfen“ entstanden, aber auch andere, wie beispielsweise „Rotkäppchen, wie geht es dir?“, in dem es um Trauma, Traumatherapie und Vertrauen geht.

An der Beschäftigung mit diesen „schwierigen“ und psychologischen Themen mag ich es sehr, dass ich das Gefühl habe und auch immer wieder höre und merke, dass ich es gut kann und dass das, was ich mache, den Menschen hilft oder helfen kann.

Autorin Claudia Gliemann

Was haben Sie bei Ihrer Hospitanz im Inn-Salzach-Klinikum über die stationäre Behandlung psychischer Erkrankungen gelernt? Was war neu für Sie?

Gliemann : Bevor ich ins kbo-Inn-Salzach-Klinikum kam, war ich auch schon in andere psychiatrische Kliniken eingeladen. Von daher kannte ich psychiatrische Kliniken. Ich könnte Ihnen vielleicht die Frage beantworten, weshalb ich überhaupt ein Buch zu diesem Thema schreiben wollte und weshalb ich gerade im kbo-Inn-Salzach-Klinikum hospitieren wollte: Bei meinen Lesungen und bei meinen Begegnungen im Rahmen von „Papas Seele hat Schnupfen“ hatte ich immer wieder gehört, dass Kinder teilweise ihre Eltern nicht in psychiatrischen Kliniken besuchen, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Ich habe mich dann gefragt, wie es mir ginge, wenn ich meinen Vater oder meine Mutter über so einen langen Zeitraum, was in einer psychiatrischen Klinik ja oft der Fall ist, nicht sehen würde. Als ich dann hier in Wasserburg im Jahr 2018 zu einer Lesung eingeladen war, hatte ich die Idee, ein erzählendes Kinder-Sach-Buch über den Klinikaufenthalt eines Elternteils zu schreiben, um Kindern zu zeigen, wo ihre Eltern sind, und Eltern etwas an die Hand zu geben, um es ihren Kindern zu erklären und auch, um die Zeit des Krankenaufenthalts für das Kind zu Hause zu verkürzen.

In Wasserburg selbst wollte ich gerne hospitieren, weil ich das Gelände einerseits so schön fand, weil ich da als Kinderbuchautorin in Bildern denke und mir vorstelle, wie man die Geschichte in Bildern umsetzen könnte.

An Wasserburg hat mich aber vor allem auch die Atmosphäre fasziniert, die ich in dieser Klinik als sehr wertschätzend, verständnisvoll und behutsam wahrgenommen habe. Bei meiner Hospitation war ich auf vielen unterschiedlichen Stationen, habe mich mit dem Klinikpersonal unterhalten genauso wie mit den Patient:innen und immer wieder gehört, wie froh die Patienten waren, dass sie in der Klinik waren und sich dort sehr wohl gefühlt haben und dass ihnen der Klinikaufenthalt hilft. Deshalb ist die Vorlage für dieses Buch auch das kbo-Inn-Salzach-Klinikum.

Was mich am kbo-Inn-Salzach-Klinikum noch interessiert hat - auch als Übersetzerin von Kinderbüchern zum Thema Geschichte - war die Geschichte des Klinikums, von der mir Mitarbeiter erzählt haben, die schon lange dort arbeiten, das Museum und einfach die Tatsache, dass die Klinik, so hatte ich zumindest den Eindruck, ein selbstverständlicher Teil der Stadt ist, was ich in meinem Buch auch beschreibe.

Haben Sie auch Vorurteile über Bord geworfen?

Gliemann: Ich weiß nicht, ob ich noch Vorurteile hatte, als ich zur Hospitation kam. Ich war ja schon vorher hier und, wie oben erwähnt, auch schon in anderen Kliniken. An Wasserburg fasziniert hat mich dieses große Gelände mit allem, was es darauf gibt. Dass es eine Kegelbahn gibt, früher sogar ein Schwimmbad. Toll fand ich auch einfach die Nähe zur Natur. Die Klinik in der Geschichte ist an Wasserburg angelehnt, aber die Geschichte spielt nicht in Wasserburg und auch das Gelände ist anders, wie man auch auf dem Lageplan aus unserem Buch sehen kann.

Was für mich vielleicht neu war, waren tatsächlich die unterschiedlichen Therapien wie Ergotherapie, Kunsttherapie, Musiktherapie, etc. Ich wusste zwar, dass es diese Therapieformen gibt, aber dann tatsächlich selbst zu malen oder Musik zu machen und sich darauf einzulassen, war etwas anderes. Schön fand ich auch zu sehen, dass Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen und Disziplinen gemeinsam daran arbeiten, damit es Menschen, die am Ende ihrer Kräfte angelangt sind, wieder besser geht und dass diese Menschen sich hier die Zeit nehmen können, sich mit sich selbst zu beschäftigen, Neues zu lernen und vor allem: wieder zu Kräften zu kommen. Und das alles in einer sehr wertschätzenden Haltung.

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