KZ-HÄFTLINGE ERMORDET

Ortsheimatpfleger Schuhbeck gedenkt „der grausamen letzten Aprilwoche 1945“ bei St. Leonhard

Gedenken an die Opfer der letzten Aprilwoche im Jahr 1945 am Reindl-Kreuz: Der Reindlbauer Peter Gäßl (links) und Ortsheimatpfleger Reinhold Schuhbeck.
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Gedenken an die Opfer der letzten Aprilwoche im Jahr 1945 am Reindl-Kreuz: Der Reindlbauer Peter Gäßl (links) und Ortsheimatpfleger Reinhold Schuhbeck.
  • vonJosef Unterforsthuber
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Viele Züge mit KZ-Häftlingen passierten im 2. Weltkrieg auch Herbstham, Kirchloibersdorf, St. Leonhard oder Hopfgarten. Mancher Einheimische wuchs über sich hinaus und rettete unter Lebensgefahr das Leben von Gefangenen. Zeitzeugen berichteten aber auch von furchtbaren Szenen.

Schnaitsee/St. Leonhard – Ein weiteres Jahr kann wegen der Pandemie die Gedenkfeier am Mahnmal für die ermordeten KZ-Häftlinge in Sandgrub bei Schnaitsee nicht stattfinden. Dafür erinnerten der Schnaitseer Ortsheimatpfleger Reinhold Schuhbeck und der Reindlbauer Peter Gäßl am alten Wegkreuz in Kirchloibersdorf an die schreckliche und grausame letzte Aprilwoche 1945. Nahe des Wegkreuzes waren die ermordeten KZ-Häftlinge in einem Massengrab unter die Erde gebracht worden. Einige Wochen später wurden die Leichen an einem heißen Sommertag exhumiert.

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Im Friedhof von Tötzham ließ Paul Wimmer vier ermordete KZ-Häftlinge beerdigen. In den Wäldern dahinter zwischen Hopfgarten und Sicking wurden mehrere Geflüchtete von jungen SS-Schergen erschossen.

Marianne Schmidinger geborene Gäßl, die im letzten Jahr verstorben ist, war damals 16 Jahre jung. Sie hat mehrmals in Gesprächen an diesen Tag erinnert. „Wir mussten alle auf Befehl der amerikanischen Soldaten am geöffneten Grab vorbeigehen und auf die verwesenden Leichen blicken. Ich kann auch nach vielen Jahren den Anblick und vor allen den unsäglichen Gestank nicht vergessen“, erzählte sie.

Einheimische retteten Häftlinge

Zu diesen Erzählungen seiner Tante erinnert Peter Gäßl noch weitere Aspekte, die er von seinen Verwandten erfahren hat: „Parteimitglieder mussten die Grabarbeit übernehmen. Amis suchten nach Dokumenten bei den Ermordeten.“ Nach der Exhumierung wurden die Leichname nach Flossenbürg umgebettet. Dazu gehörten wahrscheinlich auch die vier Ermordeten bei Hopfgarten, die zunächst im Tötzhamer Friedhof begraben waren.

Ortsheimatpfleger Schuhbeck hob hervor, dass zu jener Zeit als die armseligen Züge der KZ-Insassen mit ihren Peinigern durch Herbstham, Kirchloibersdorf, St. Leonhard oder Hopfgarten zogen, viele Einheimische zu wahren Helden wurden und unter Lebensgefahr das Leben von Häftlingen retteten.

Am Schoberbichl zwischen Kirchloibersdorf und Berg wurden 1945 zehn Häftlinge per Genickschuss exekutiert. Alfons Altenweger von Windgrad musste vom Elternhaus die Ermordung mit ansehen, schreiben Zeitzeugen.
Die im letzten Jahr verstorbene Marianne Schmidinger, geborene Gäßl, (hier an ihrem 90. Geburtstag) musste an einem heißen Sommertag 1945 an den exhumierten Leichen der ermordeten KZ-Häftlinge auf Geheiß der Amerikaner vorbei gehen. Die damals 16-Jährige ließ das Erlebnis zeit ihres Lebens nicht los.

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So versteckte Paul Wimmer in Hopfgarten 14 Mann im böhmischen Stallgewölbe, während in der Küche Wehrmachtsoffiziere über die weitere Strategie berieten. Zu gleicher Zeit streiften junge SS-Männer durch die Wälder und erschossen umherirrende Häftlinge.

Viel Wissen darüber ist den Aufzeichnungen von Peter Wimmer (1920-2004) enthalten, der nach seiner Heimkehr aus russischer Gefangenschaft Zeitzeugen, wie etwa seinen Bruder Paul, befragte und die Erinnerungen schriftlich festhielt.

Bedrückendes Schriftstück von Zeitzeugen

Aus diesem bedrückenden Schriftstück zitierte Schuhbeck 76 Jahre nach dem grausigen Geschehen:

„Das war die letzte Woche im April 1945. Vor dem Frauenbründlholz nach links ist eine Abzweigung nach Herbstham, wo die Kolonne einbog. Maria Sandner von Herbstham, damals 14 Jahre alt, meinte, die durch Herbstham getriebenen Kolonnen seien eingefangene Ausreißer gewesen. Immer wieder wurden einige Häftlinge erschossen, insgesamt vier. Auf halbem Weg von Herbstham nach Kirchloibersdorf ist rechtsseitig der Brandlberg. In diesem Bereich fanden mehrere Erschießungen statt. Zwischen Kirchloibersdorf und Berg ist der Schoberbichl. Dort erfolgte eine Exekution – zehn Häftlinge haben dran glauben müssen. Alfons Altenweger von Windgrad musste vom Stubenfenster aus sehen, wie die SS-Männer die Hinrichtung ausführten.

Versprengte Häftlinge baten beim Wimmer in Hopfgarten um Essen und Unterschlupf. Beim Wimmer war jetzt der ganze Hof voller Soldaten. Die Bauern mussten Pferdegespanne stellen für zurückflutende Einheiten. Paul Wimmer sen. schickte den jungen Polen Pawel in den Wald zwischen Hopfgarten und Sicking. Der 14-jährige Sohn Paul sollte den Polen mit den Pferden heimholen. Im Wald neben dem Weg lagen vier angeschossene Häftlinge. Zwei oder drei versteckte Häftlinge zogen Arbeitskleidung an und weitere Helfer aus dem Haus brachten mit einem Gespann die Angeschossenen zum Hof. Zwei waren schon verstorben. Der herbeigeholte Arzt Dr. Hartmann aus Bergersee konnte nur noch Schmerzspritzen geben, um das Sterben zu erleichtern. Die vier exekutierten KZ-Häftlinge ließ er im Friedhof von Tötzham beerdigen.

Schlimm war die Situation in der Pfarrfiliale St. Leonhard. Überall lagen exekutierte Leichen verstreut. Die Leichen wurden nach Kirchloibersdorf zusammengeholt. Ungefähr 50 Meter außerhalb vom Friedhof, beim Reindl-Kreuz sei der richtige Platz für ein Massengrab. 38 Häftlinge brachte man in dem Grab unter die Erde.“

Und an diesem geschichtsträchtigen Ort fand heuer das Gedenken im kleinsten Kreis statt. „Nächstes Jahr soll aber auf alle Fälle die Gedenkfeier wieder wie gewohnt am Mahnmal bei Sandgrub stattfinden“, hofft Reinhold Schubeck.

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