Vom Optiker bis zum Reisebüro: Die Wasserburger Geschäftswelt im Corona-Stresstest

Mit dem Radloder zu Fuß liefert Buchhändler Matthias Lehmann aus; sein Laden ist derzeit zu.
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Mit dem Radloder zu Fuß liefert Buchhändler Matthias Lehmann aus; sein Laden ist derzeit zu.

Ein neu eröffneter Optiker-Laden, der ohne Publikumsverkehr auskommen muss, ein Buchhändler, der mit dem Radl online bestellte Lektüre in Wasserburg ausliefert, ein Apotheker in Quarantäne, ein Hotel ohne Gäste und ein Reisebüro im Storno-Stress. Die Wasserburger Zeitung hat sich in der lokalen Geschäftswelt umgehört, wie sich die Geschäfte in Zeiten von Corona aufstellen.

Von Winfried Weithofer, Petra Maier, Heike Duczek und Andrea Klemm

Wasserburg – Eine Woche Wasserburg im Corona-Stresstest: Die Wasserburger Zeitung hat nachgefragt, wie es Vertretern verschiedener Berufsgruppen geht.

Der Apotheker

Diszipliniert stehen die Kunden in gehörigem Abstand voneinander vor der Apotheke am Burgerfeld in der Brunhuberstraße. Es sind etwa ein halbes Dutzend, die ihre Rezepte abgeben wollen. Drinnen werden sie von zwei Apothekerinnen bedient, auch hier wird auf Abstand geachtet. Jörg Heider, der Inhaber, ist nicht im Laden, er war in der vergangenen Woche noch im Axams zum Skifahren. Weil ganz Tirol mittlerweile zum Risikogebiet erklärt wurde, hat er sich testen lassen. Das Ergebnis erfährt er am Wochenende.

Aber bis es soweit ist, bleibt er an seinem Wohnort Rosenheim. In einem Telefonat mit unserer Zeitung will er aber dennoch loswerden, was ihm zurzeit am Herzen liegt. Heider bittet um Verständnis dafür, dass der Betrieb nur eingeschränkt läuft. Nur zwei Kunden gleichzeitig würden bedient, damit die Mindestdistanz von zwei Metern gewahrt werden könne. „Die Kunden sollen auch darauf achten, den Abstand zu meinen Mitarbeitern einzuhalten“, lautet sein nachdrücklicher Appell. „Sie sollten sich auch nicht über den Verkaufstisch beugen oder drauflehnen.“ Und sie sollten die Etikette bei Husten, Räuspern und Nießen einhalten. „Man glaubt gar nicht, wie oft das vergessen wird“, betont er.

Kranke Kunden hätten momentan im Laden sowieso nichts verloren. Heider hofft dringend auf Einsicht: „Wenn eine meiner Mitarbeiterinnen erkrankt, ist die Apotheke doch für zwei Wochen zu.“

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Und er weist darauf hin, dass es Möglichkeiten gibt, den direkten Kontakt so weit wie möglich zu meiden. „Die Patienten, vor allem die chronisch Kranken, sollen bitte anrufen, per E-Mail oder Fax bestellen oder die Apotheken-App benutzen. Wir liefern ihnen die Sachen nach Hause.“ Der Botendienst sei angewiesen, die Tüte vor den Hauseingang zu stellen, um kein Risiko einzugehen. Bezahlt werden könne per Rechnung – „oder in zwei, drei Wochen, wenn sich die Lage beruhigt hat“. Natürlich geht es ohne ärztliche Verschreibung auch in der aktuellen Lage nicht. „Zur Not holen wir das Rezept in der Praxis ab.“

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Die möglichst unbürokratische Belieferung gelte übrigens für alle Wasserburger Apotheken, sagt Heider.

Zur Dauer der Coronakrise äußert er sich zurückhaltend. „Das ist schwer einzuschätzen. Wir können uns darauf einstellen, dass es mindestens noch ein halbes Jahr mit den Schutzmaßnahmen so weitergeht.“ Eine Ausgangssperre sei nicht in seinem Sinne, aber die Leute würden anders nicht begreifen, dass sie zu Hause bleiben sollten. „Wir werden aber auch diese Krise überstehen“, ist er überzeugt.

Das Reisebüro

Vor der Tür spricht Larissa Eggerl vom Reisebüro Eggerl unter Wahrung des notwendigen Abstands mit der Wasserburger Zeitung. „Wir haben momentan keinen Überblick mehr, wie viele Reisen schon storniert wurden.Bei den meisten Veranstaltern kann man noch bis zum 27. März stornieren, teilweise geht es auch bis April. Das kommt immer auf den Veranstalter an. Ich bezweifle jedoch, dass die Krise bis Pfingsten vorüber ist.“

Viele Kunden seien verunsichert, weil sie nicht wissen würden, was sie machen sollten. „Wir haben aber auch schon Neubuchungen verzeichnet, und zwar von Leuten, die ihren Urlaub in den Herbst verlegen.“ Ihre persönliche Empfehlung: „Jetzt erst einmal abwarten und beobachten, wie sich die Lage weiter entwickelt. Die Veranstalter sind sehr kulant, auch wenn es so weitergeht. Ich wollte im Juni nach Mallorca, aber das fällt ins Wasser.“

Das Hotel

Auch im Hotel Fletzinger herrscht gähnende Leere. Verena Schröter, stellvertretende Rezeptionsleiterin des Hotels, muss täglich Stornierungen entgegennehmen. „Die Dienstreisenden fallen jetzt alle weg, Urlauber sowieso“, erklärt sie. Im Gastraum hängen noch verheißungsvoll die schönen Werbetafeln für ein Frühlings- oder Osterfrühstück. „Ob das was wird, ist ungewiss“, beschreibt sie die Lage, „Wir können momentan nur von Tag zu Tag planen.“

Der Einzelhändler

Am Montag in dieser Woche hat Optiker Andreas Götz seinen Optikerladen am Marienplatz neu eröffnet. Am selben Tag rief Ministerpräsident Markus Söder den Katastrophenfall für den Freistaat aus. Das öffentliche Leben kam damit beinahe zum Stillstand, die Auswirkungen auf die Wirtschaft sind enorm. Gestern folgte nun die Ausgangsbeschränkung. Für Götz ein Neustart unter extrem schwierigen Bedingungen.

„Als Optiker gehören wir zu den Grundversorgern. Die Kunden deckten sich im Anfang der Woche noch mit viel Kontaktlinsenmitteln ein, weil sie befürchteten, dass wir gleich wieder zusperren müssen“, so Götz junior. Derzeit kämen die Kunden, um Augen ausmessen zu lassen oder die Brillen anzupassen. „Wir halten Abstand, es sind nur wenige Personen im Raum und wir desinfizieren regelmäßig Oberflächen und Klinken. Zudem haben wir uns informiert, wie zu verfahren ist, wenn ein Mitarbeiter erkrankt.“ Grundsätzlich bleibe er „entspannt – aber wachsam“.

Ein Teil der Einzelhändler macht das Angebot, Bestellungen telefonisch oder via eMail oder den Online-Shop aufzunehmen und auszuliefern, wie Matthias Lehmann von der Wasserburger Bücherstube, der sagt , „wir liefern natürlich – so Gott und Söder es erlauben“. Im Stadtgebiet erledigt er dies zu Fuß oder mit seinem Bücherradl.

Auf der Seite des Wirtschaftsförderungsverbandes kann man sich informieren, welche lokalen Geschäfte diese Dienste in und um Wasserburg anbieten.

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