Ohne Medikamente straffällig

Manche Medikamente machen müde– doch kann auch das Weglassen der verordneten Arzneien zu unliebsamen „Nebenwirkungen“ führen, wie der Fall eines 33-jährigen Patienten vor dem Amtsgericht Rosenheim zeigt. dpa

Wasserburg/Rosenheim – Ohne seine Medikamente wird ein Deutsch-Kasache immer wieder straffällig.

Das Amtsgericht Rosenheim verurteilte ihn jetzt erneut zu einer Geldstrafe. Der 33-jährige gelernte Schlosser ist seit 2006 in psychiatrischer Behandlung, weil er an einer schizoiden Psychose leidet. Diese ist mit einer medikamentösen Depot-Behandlung gut unter Kontrolle zu halten.

Diese Behandlung ist jedoch für den Patienten recht unangenehm, weil Antriebslosigkeit und Müdigkeit die unerfreulichen aber nicht vermeidbaren Nebenwirkungen sind. Das ist der Grund, warum der Angeklagte – der derzeit erneut im Inn-Salzach Klinikum behandelt wird – diese Medikamente immer wieder absetzt, wenn er aus der Klinik entlassen wird.

Sein verständliches Ziel: selbstständig und ohne „Bevormundung“ sein Leben zu meistern. Dem steht jedoch seine Erkrankung entgegen. Dazu versucht er, den Misslichkeiten mittels verschiedener Drogen zu entgehen, was ihn natürlich erst recht in Schwierigkeiten bringt.

So versuchte er im Oktober 2018, als er vorüber gehend wieder in einer betreuten Wohneinrichtung in Rosenheim lebte, mit dem Auto ein wenig Freiheitsgefühl zu genießen.

Dumm nur, dass er keinen Führerschein besaß. So wurde er auf der Autobahn vor Würzburg kontrolliert und angezeigt. Schlimmer noch, er wies dabei einen gefälschten litauischen Führerschein vor. Nur zwei Wochen später stoppte ihn erneut die Polizei in dem selben Auto bei Furth im Wald.

Dazu kam, dass er gegen seinen Stiefvater in Burghausen tätlich geworden war. Als der ihm das Rauchen in seiner Wohnung verboten hatte, versetzte der Sohn seinem Stiefvater unvermittelt zwei Fausthiebe ins Gesicht.

Ohne Führerscheinerwischt

Rechtsanwalt Dr. Markus Frank erklärte als Verteidiger, dass sein Mandant umfassend geständig sei und ihm sein Fehlverhalten durchaus leidtue.

Gutachter Dr. Stefan Gerl, forensischer Psychiater aus dem InnSalzach-Klinikum in Wasserburg, beschrieb das Krankheitsbild des Angeklagten, kommentierte aber, dass dieser zu den jeweiligen Tatzeiten durchaus schuldfähig gewesen sei. Der Angeklagte müsse sich auch bewusst sein, dass er ohne die Einnahme seiner Medikamente sich und andere gefährde. Dazu komme, dass sein gesellschaftliches Umfeld einem adäquaten Verhalten entsprechend seines Krankheitsbildes nicht förderlich sei. Derzeit befinde er sich wieder im InnSalzach-Klinikum, wo ein Fehlverhalten wie in den angeklagten Fällen höchst unwahrscheinlich sei. Weil eine akute Drogenabhängigkeit jedoch nicht gegeben sei, käme eine Maßregelung nach § 64 StGB nicht in Frage.

Der Staatsanwalt hob die Tatsache hervor, dass durch das Geständnis des Angeklagten eine schwierige und aufwendige Beweisführung und Zeugeneinvernahme erspart blieb. Auch hatten die Faustschläge gegen den Stiefvater nicht zu größeren Verletzungen geführt. Der habe auch keinen Strafantrag gestellt. Andererseits hatte der Angeklagte bereits eine größere Vorstrafenliste. Der Staatsanwalt beantragte deshalb, den Angeklagten zu neun Monaten Haft zu verurteilen. Der Vorstrafen wegen sei eine Aussetzung zur Bewährung nicht möglich. Rechtsanwalt Dr. Frank verwies darauf, dass die Körperverletzung innerfamiliär geklärt sei, und hier keinerlei Strafverfolgungsinteresse des Geschädigten bestünde. Darüber hinaus seien alle Straftaten unter dem Gesamtbild der Erkrankung seines Mandanten zu sehen. Er beantragte, eine Geldstrafe auszusprechen, die, angesichts der bestehenden Einkommensverhältnisse, 600 Euro nicht übersteigen solle. Die Vorsitzende Richterin Julia Haager erkannte den Zusammenhang mit der Krankheit des Angeklagten an, was ihn aber nicht daran hindern dürfe, an der Behandlung positiv mitzuwirken. Zumal er um die Risiken bei einer Medikamentenverweigerung wisse. Sie verurteilte ihn zu einer Geldstrafe von 900 Euro, die er in kleinen Raten abstottern darf.

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