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Auf dem Seimlhof in Sicherheit

Obinger Schulbauernhof wird Unterkunft für 41 Flüchtlinge aus der Ukraine

Thomas Mitterer (ganz links) vom Seimlhof mit einigen seiner neuen Mitbewohner aus der Ukraine.
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Thomas Mitterer (ganz links) vom Seimlhof mit einigen seiner neuen Mitbewohner aus der Ukraine.
  • VonChrista Auer
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Thomas Mitterer vom Seimlhof hat 41 Männern, Frauen und Kindern eine Zuflucht in Ilzham bei Obing geboten. Was diese erlebt haben und wie es jetzt weitergeht.

Obing – Gewalt, Zerstörung und Verzweiflung – seit dem 24. Februar tobt der russische Angriffskrieg in der Ukraine mit unvorstellbarer Härte und unermesslichem Leid für die Bevölkerung. Laut dem Flüchtlingskommissariat der UN (UNHCR) sind rund 6,6 Millionen Ukrainer bisher aus ihrer Heimat in die europäischen Nachbarstaaten geflüchtet. 41 Männer, Frauen und Kinder haben auf dem Seimlhof in Ilzham Zuflucht gefunden. „Wir sind gemeinnützig“, sagt Thomas Mitterer vom Seimlhof. Daher sei es für die Verantwortlichen des Schulbauernhofs selbstverständlich, gewesen, den in Not geratenen Menschen Sicherheit und ein Dach über dem Kopf zu bieten.

Auch 2015 waren Flüchtlinge auf dem Seimlhof

Die Umweltbildungseinrichtung, die üblicherweise Schulklassen, Kindergärten und Familien beherbergt und mit einem umfangreichen Bildungsprogramm für eine nachhaltigere Lebensweise mit mehr Wertschätzung für Mensch, Tier und Natur eintritt, hat bereits Erfahrung als Flüchtlingsunterkunft. Schon während der Flüchtlingskrise 2015 wurden hier über mehrere Monate Flüchtende aufgenommen. „Das Landratsamt ist im aktuellen Fall gut aufgestellt, dennoch sind die bürokratischen und die menschlichen Herausforderungen enorm“, sagt Mitterer. Es habe Tage gedauert, bis die persönlichen Unterlagen der Angekommenen geordnet, Sozialleistungen beantragt, Bankkonten eröffnet und die Anmeldung in der Gemeinde und in der Schule erledigt waren. Dank Übersetzungsapp und zwei Ukrainern, die gut Deutsch sprechen, klappe die Verständigung ganz gut.

Für den 13-jährigen Sascha sei man gerade dabei, den Übertritt auf das Gymnasium zu ermöglichen und es gebe Überlegungen, mit einem Wald- und Bauernhofkindergarten eine Betreuungseinrichtung für die kleineren Kinder auf dem Hof einzurichten, berichtet Thomas Mitterer. Um die notwendige Struktur in den Alltag der Geflüchteten zu bringen, werde schon seit der Ankunft versucht, geeignete Arbeits- und Praktikumsstellen zu finden. Parallel dazu gebe es Angebote, um die Menschen – einige haben einen schwierigen sozialen Hintergrund - mit entsprechenden Programmen durch Fachpersonal weiterzubilden, ihnen die Sprache zu vermitteln und sie in die täglichen Arbeiten im Haushalt und der Landwirtschaft mit einzubinden.

Wichtig seien auch die gemeinsamen Mahlzeiten. „Genau wie daheim“, betont Mitterer. Es sei schön zu beobachten, wie die 26 Erwachsenen und die 15 Kinder im Alter von acht Monaten bis 15 Jahren zu einer Gemeinschaft zusammenwachsen. Eine Sozialpädagogin helfe ihnen, die schrecklichen Erlebnisse zu verarbeiten und individuelle Probleme anzugehen. Unterstützt werde sie dabei von einer Psychologin, die selbst aus der Ukraine geflüchtet ist.

Der 42-jährigen Olena Afanasieva aus Mariupol fällt es auch schwer. Weinend erzählt sie, dass viele Verwandte, darunter auch ihr kleiner Neffe getötet wurden und ihr Haus zerstört ist. Eine Woche sei sie mit ihrer Familie teils auf verminten Straßen auf der Flucht gewesen. Nach den erlebten Bombenangriffen, erschrecke sie noch heute beim Lärm eines Flugzeugs.

Mustafa (19) ist wütend auf Wladimir Putin

„Er hat die Zukunft von friedlichen Menschen nicht nur einmal zerstört“, beklagt der 19-jährige Mustafa Chava aus dem Donbass. Er kann seine Wut auf Wladimir Putin nicht verbergen. „Er ist wie eine Maus, er greift nachts an und die Menschen sind ihm gleichgültig“. Der Sohn einer Ukrainerin und eines Syrers hat bereits in jungen Jahren viele schreckliche Kriegswirren erlebt.

Noch heute betrauert er, dass die Familie die Großeltern in Syrien nie beerdigen konnte. 2012 floh er mit seinen Eltern und den beiden jüngeren Schwestern aus Syrien in die Donbass Region. Dort habe man eine zweite Heimat gefunden. Doch das habe nicht lange gehalten. Nach der russischen Annexion der Krim habe die Familie 2015 beschlossen, nach Deutschland zu fliehen. In Niedersachsen sei er vielen freundlichen Menschen begegnet, berichtet der 19-jährige, der fließend Deutsch spricht, dennoch habe die Familie vor zwei Jahren in die Heimat zurückkehren wollen. „Nun mussten wir wieder fliehen und alles zurücklassen“, betont Mustafa.

Dankesbrief der Geflüchteten

Die 22-jährige Natalii Bartseva hat im Namen aller Flüchtlinge, die auf dem Seimlhof sind, einen Brief an Thomas Mitterer verfasst. Darin bedankt sich die Lehrerin, die in ihrer Heimat an einer Schule in Mykolair Deutsch und Englisch unterrichtet, unter anderem dafür, „dass Sie uns und unseren Familien die Möglichkeit gegeben haben, in Deutschland zu bleiben und an diesem sicheren Ort zu leben, der nach dem Anfang des Krieges dank der unschätzbaren Unterstützung und Hilfe unserer Gastgeber zu unserem zweiten Zuhause geworden ist. In Seimhof haben unsere Familien und Angehörigen endlich inneren Frieden gefunden und mit dem Heilungsprozess angefangen. Unsere Kinder beginnen wieder zu lächeln und wir lernen langsam mit Stress umzugehen und das Kriegsgrauen zu überwinden, das wir mit eigenen Augen sehen mussten“. Es sei ihr ein Anliegen gewesen, ihren Dank auszusprechen, sagt Natalii, die ihre Schüler in der Ukraine mittlerweile vom Seimlhof aus online unterrichtet.

Zum zweiten Mal geflüchtet

Nataliia Astrakhantseva ist bereits zum zweiten Mal auf der Flucht. Die 32-jährige Drehbuchautorin aus Sewastopol floh mit ihrem Ehemann und den drei Kindern 2019 von der Krim nach Odessa. „Seit Ausbruch des Kriegs haben wir mit den Kindern bei Bombenalarm viele Nächte in einem Abstellraum ohne Fenster verbracht, dennoch war es schwierig, die Heimat ein zweites Mal zu verlassen“, erzählt Nataliia gefasst. Zum Wohl der Kinder habe sich die Familie schließlich im vollgepackten Auto und mit einer riesigen Tasche voller Bücher auf dem Dachgepäckträger auf den Weg gemacht. Sie stellt klar, dass sich ihr Hass auf die Regierenden, das Militär und Putin, nicht aber auf das russische Volk richtet. „Wir haben russische Freunde, die ihre Hilfe angeboten haben und beschämt über das Kriegstreiben sind“.

Eine Rückkehr in die Heimat schließt sie vorerst aus. Nun wolle sie sich mit ihrer Familie möglichst schnell integrieren und fleißig Deutsch lernen. Ihre zweijährige Tochter habe kürzlich mit „Danke“, ihr erstes Wort gesprochen, erzählt Nataliia gerührt. Ein Moment, der sicher auch in dem Drehbuch vorkommen wird, das sie über ihre Erlebnisse, Gefühle und Ängste während des Kriegs und der Flucht schreiben möchte. Die Botschaft ist bereits klar: „Egal welche Hindernisse auf dem Weg entstehen, es gibt keinen Grund aufzugeben, solange wir einander unterstützen und bereit sind, den Nächsten eine helfende Hand zu bieten“.

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