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Nachruf auf Inhaberin eines Eisenwaren- und Textil-Geschäftes

„Das Geschäft war ihr Leben“: Wasserburger Legende Anna Beyer mit 93 Jahren verstorben

Anna Beyer, fotografiert von Nachbarin Melitta Pöhmerer anlässlich ihres 90. Geburtstags.
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Anna Beyer, fotografiert von Nachbarin Melitta Pöhmerer anlässlich ihres 90. Geburtstags.
  • Heike Duczek
    VonHeike Duczek
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Bis zum 89. Lebensjahr stand die Wasserburger Geschäftsfrau Anna Beyer täglich acht Stunden lang an der Ladentheke. Mit ihrem Tod geht ein Stück Einzelhandelsgeschichte zu Ende.

Wasserburg – Bei ihr bekamen die Wasserburger noch Schrauben und Nägel – einzeln, nicht in Großpackungen. Bei ihr gab`s noch eine Kittelschürze für die Oma – und Feinripp-Unterwäsche für kalte Tage. Als Anna Beyer 2018 ihr Eisenwaren- und Textilgeschäft am Weberzipfel schließen musste, ging in Wasserburg ein Stück Einzelhandelsgeschichte zu Ende. Am Mittwoch wurde die Geschäftsfrau zu Grabe getragen. Sie wurde 93 Jahre alt.

Ein Nostalgieort: Das Eisenwaren- und Textilgeschäft Beyer am Weberzipfel in der Wasserburger Altstadt. Das Haus gehört zum historischen Denkmalensemble.

Bis zum 89. Lebensjahr stand Anna Beyer täglich acht Stunden lang an der Ladentheke. Das Geschäft, übernommen von den Eltern, war ihr ein und alles, erinnert sich Cousin Dr. Gerd Beyer im Gespräch mit der Wasserburger Zeitung. „Meine Cousine war Kauffrau mit großer Leidenschaft“, sagt er. Urlaub machte sie kaum, zeitaufwendige Hobbys hatte sie nicht, Freunde traf sie nicht oft, denn der Ratsch mit den Kunden reichte ihr: Anna Beyers Leben drehte sich um Ein- und Verkauf. Hin und wieder unternahm sie einen kleinen Ausflug, das war`s. Wenn sie außerplanmäßig den Laden zuschließen musste, den sie ganz alleine ohne Personal führte, hatte sie ein schlechtes Gewissen, berichtet ihr Cousin.

Das Geschäft war außerdem ein Treffpunkt in der Stadt: Hier kauften die Familien aus dem Wasserburger Land ein – in den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts die Männer Rechen, Heugabel und Spaten für den Garten oder die Landwirtschaft, die Frauen Geschirrtücher, Unterhemden, Taschentücher, die Sonntagsbluse und die Krawatte für den Anzug des Ehemanns. Kostenlos dazu gab es die Neuigkeiten aus dem Stadtleben. Das Eisenwaren- und Textilgeschäft war auch eine Nachrichtenbörse.

Anna Beyer war stets freundlich, bemüht, auch besondere Kundenwünsche zu erfüllen. Sie empfing bis kurz vor der Schließung noch klassisch Vertreter, die mit ihren Katalogen und Warenproben stets gern gesehene Gäste im Geschäft waren.

Das kaufmännische Geschick war Anna Beyer in die Wiege gelegt worden. Ihre Mutter brachte das Geschäft in die Ehe ein, führte es jahrelang gemeinsam mit dem Ehemann.

Anna Beyers ältere Schwester lernte bei der Post, arbeitete und lebte lange Zeit in München. Der Bruder fiel im Krieg, deshalb stand danach fest: Die jüngste Tochter übernimmt. Anna Beyer ging beim Vater in die Lehre, führte den Laden lange mit ihm, bis er Ende der 60er Jahre übergab. Die Familie wohnte über dem Geschäft.

Jahrelang pflege Anna Beyer ihre Eltern, später die erkrankte Schwester, die laut Dr. Gerd Beyer etwa ab dem Jahr 2000 ebenfalls in Wasserburg lebte. Die beiden Schwestern traten häufig zu zweit auf. Die Wasserburger kannten und schätzten sie sehr. Sie galten als freundlich und bescheiden.

Bis kurz vor ihrem 90. Geburtstag arbeitete Anna Beyer unermüdlich weiter. Die Frequenz ging nach der Jahrtausendwende jedoch zurück, das Online-Geschäft machte ihr Konkurrenz, erinnert sich ihr Cousin. Und doch: Viele Wasserburger kamen weiter – schließlich gab es hier noch die guten, alten Stofftaschentücher, die Klemmen für das Einkochglas, einen Porzellanfilter für den Bohnenkaffee, eine Wachstuchdecke für den Gartentisch.

Nach einem Unfall – Anna Beyer wurde von einem Auto angefahren – ging es ihr gesundheitlich jedoch nicht mehr gut, erinnert sich ihr Verwandter. 2018 musste sie auch die Wohnung über dem Geschäft, nach wie vor ausgestattet mit den Möbeln der Eltern, verlassen und ins Seniorenheim auf der Burg ziehen. Hier bekam sie bis zum Pandemiestart noch oft Besuch von Verwandten, ehemaligen Nachbarn sowie früheren Kunden.

Friedlich schlief Anna Beyer hier am 16. Juli ein. Das Schaufenster ihres Geschäfts, seit der Aufgabe unverändert und nicht ausgeräumt, erinnert mit den ausgestellten Waren aus längst vergangenen Zeiten weiter an sie.

Die Wasserburger interessiert außerdem die Frage, was mit den beiden Beyer-Wohn- und Geschäftshäusern geschehen wird: „Ich werde sie verkaufen“, sagt Dr. Gerd Beyer.

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