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Anwohner berichteten „von regelmäßig weinenden Kindern“

Nach Urteil gegen Prügel-Mutter aus Haag: Wie sollten sich Nachbarn verhalten?

Vor dem Landgericht Traunstein ist eine Mutter aus Haag zu vier Jahren Gefängnis verurteilt worden, weil sie ihr Baby schwer misshandelt hat.
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Vor dem Landgericht Traunstein ist eine Mutter aus Haag zu vier Jahren Gefängnis wegen Misshandlung ihres Babys verurteilt worden.
  • Heike Duczek
    VonHeike Duczek
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Vor dem Landgericht Traunstein ist eine Mutter aus Haag zu vier Jahren Gefängnis verurteilt worden, weil sie ihr Baby schwer misshandelt hat. Auch Nachbarn hätten vor Gericht ausgesagt und „von regelmäßig weinenden Kindern“ berichtet. Wie sollten sich Anwohner in einem solchen Fall verhalten? Wir haben nachgefragt.

Haag/Traunstein - Vor dem Landgericht Traunstein ist eine Mutter zu vier Jahren Gefängnis verurteilt worden,
weil sie ihr Baby schwer misshandelt hat. Vor Gericht hätten unter anderem Nachbarn ausgesagt, die „von regelmäßig weinenden Kindern“ berichtet hätten. Wie geht man in einem solchen Fall damit um? Wie sollten Nachbarn reagieren, die solche Verdachtsfälle mitbekommen? Wie reagiert das Jugendamt darauf? Wir haben beim Landratsamt Mühldorf nachgefragt.

Was rät das Jugendamt allen, die Beobachtungen machen und in Sorge sind, ein
Kind könne gefährdet sein?

Jeder, der sich Sorgen um ein Kind macht, kann sich im Jugendamt (natürlich auch anonym) beraten lassen, was man tun kann beziehungsweise sollte. Da jeder Fall individuell ist, gibt es unterschiedliche Möglichkeiten.

Wie wird das Jugendamt auf Verdachtsfälle aufmerksam? 

Dem Jugendamt werden Verdachtsfälle von vielen unterschiedlichen Seiten gemeldet. Überwiegend kommen Hinweise von Kindertageseinrichtungen, Schulen oder anderen Institutionen. Aber auch Nachbarn oder Bekannte beziehungsweise Freunde von Familien wenden sich an das Jugendamt, weil sie sich Sorgen um ein Kind machen.

Welche Rolle spielen dabei aufmerksame Nachbarn, Bekannte, Arbeitskollegen, Freunde?

Nachbarn, Bekannte und Freunde spielen eine wichtige Rolle, da sie die Kinder direkt in ihrem Lebensumfeld sehen und daher auf besondere Situationen aufmerksam werden. Weiter können der Familie nahestehende Personen, oft Eltern, noch auf freundschaftlicher Ebene dazu ermutigen, Hilfen aufzusuchen.

Wie ist die Vorgehensweise des Jugendamts, nachdem ein Verdachtsfall gemeldet wurde?

Das Jugendamt geht jedem Verdacht nach den gesetzlichen Vorgaben § 8a SGB VIII nach: Mehrere Fachkräfte schätzen die Gefährdung ein oder holen gegebenfalls noch weitere Informationen ein. Mit den Eltern und – altersadäquat – auch mit den Kindern werden die Inhalte besprochen. Fachkräfte machen sich einen Eindruck von der persönlichen Umgebung des Kindes und suchen gemeinsam nach geeigneten Hilfen und Unterstützungsangeboten. Das konkrete Vorgehen im Einzelfall wird immer individuell aufgrund der gemeldeten Inhalte bestimmt.

Welche Schritte werden eingeleitet?

In der Regel gilt es zuerst immer, die Eltern zur Inanspruchnahme von Hilfen zu motivieren. Hierfür finden mehrere Kontakte mit den Eltern und den Kindern statt. Wenn dies aber nicht gelingt und das Kind weiterhin gefährdet ist, wird das Familiengericht eingeschaltet oder bei akuter Gefahr das Kind in Obhut genommen.

Wann wird ein Kind aus einer Familie und in Obhut genommen?

Wenn eine akute Gefahr für das Kind besteht und die Eltern nicht in der Lage oder nicht gewillt sind, diese Gefahr abzuwenden, und eine Entscheidung des Familiengerichts nicht abgewartet werden kann, ist das Jugendamt verpflichtet, das Kind in Obhut zu nehmen. Darüber hat das Jugendamt das Familiengericht unmittelbar in Kenntnis zu setzen.

Wo wird das Kind untergebracht?

Je nach Alter und Entwicklungsstand des Kindes oder des Jugendlichen erfolgt die Unterbringung in einer Pflegefamilie oder in einer stationären Einrichtung der Jugendhilfe.

Was rät das Jugendamt Eltern, die überfordert sind?

Es gibt viele Beratungs- und Unterstützungsangebote. Wenn Eltern spüren, dass sie überfordert sind, sollten sie nicht zögern, sich Hilfe zu holen.

Müssen überforderte Eltern, die sich Hilfe suchen, Sorge haben, dass ihnen das Kind weggenommen wird? Ist diese Angst oft ein Hindernis, wenn es darum geht, dass eine Familie eigentlich Unterstützung benötigt?

Nein, das müssen Eltern nicht fürchten. Egal, wohin sie sich wenden, gilt es immer, zu helfen. Alle Beratungseinrichtungen und auch das Jugendamt selbst haben immer zum Ziel, die Familien zu unterstützen und mit entsprechenden Hilfen zu erreichen, damit Eltern und Kinder gemeinsam die Herausforderungen meistern. Eine Inobhutnahme eines Kindes ist nur die allerletzte Maßnahme, wenn ein Kind in der Familie stark gefährdet ist und die Eltern die Gefahr nicht abwenden. In der Regel ist die Angst vor einer Inobhutnahme nur zu Beginn ein Hindernis, wenn es darum geht, Hilfen in Anspruch zu nehmen. In vielen Fällen kann diese Angst durch Aufklärung - zum Beispiel bei einem der zahlreichen niederschwelligen Beratungsangebote – schnell genommen werden kann.

Die Grafik zeigt die Gefährdungseinschätzungen des Landratsamts Mühldorf von 2018 bis 2021.

Welche Hilfen gibt es für Eltern, die überfordert sind?

Eltern können sich in allen Fragen der Erziehung, zum Beispiel an die Erziehungsberatungsstelle wenden. Auch an den Familienstützpunkten im Landkreis werden sie gut beraten und gegebenfalls an andere Fachstellen weitervermittelt. Eltern und Kinder können sich zudem beim Jugendamt Hilfe holen (Telefon 08631 / 699 770). Die Kolleginnen von Netzwerk frühe Kindheit (KOKI) beraten und vermitteln ebenfalls an andere Beratungsstellen, wenn Eltern mit Kindern im Alter von 0 bis 6 Jahre Unterstützung brauchen. Darüber hinaus gibt es im Rahmen der Hilfen zur Erziehung auch Familienhilfen, die Familien ganz individuell begleiten können.

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