Nach Planungsfehler: Griesstätter Mieter leiden unter dem Rückbau des Dachgeschosses

Ein Sommer auf Balkonien sieht anders aus. Die Mieterin aus der Alpenstraße 12 ½ muss seit Mai Baulärm, Dreck und Wasserflecken dulden. Hintergrund ist: Das Dachgeschoss muss wegen eines Planungsfehlers rückgebaut werden.
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Ein Sommer auf Balkonien sieht anders aus. Die Mieterin aus der Alpenstraße 12 ½ muss seit Mai Baulärm, Dreck und Wasserflecken dulden. Hintergrund ist: Das Dachgeschoss muss wegen eines Planungsfehlers rückgebaut werden.
  • Andrea Klemm
    vonAndrea Klemm
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Der Planungsfehler bei einem Griesstätter Wohn- und Geschäftshaus sorgt weiterhin für Ärger. Das Dachgeschoss muss zurückgebaut werden – während vier Mietparteien in dem Haus leben. „Man kann eigentlich nur noch aus dem Haus flüchten, so belastend ist der Baulärm“, sagt eine 53-jährige Mieterin.

Griesstätt – Das Dachgeschoss eines Wohn- und Geschäftshauses in der Alpenstraße in Griesstätt muss wegen eines Planungsfehlers zurückgebaut werden. Nun meldet sich eine entnervte Mieterin zu Wort, die den Dauer-Baulärm und die Wasserschäden nach Starkregen seit Mai erdulden muss – genau wie drei weitere Parteien im Haus. Seit 2018 ist das Gebäude nämlich bewohnt.

„Es hieß, in sechs Wochen sei alles vorbei“, ärgert sich die Mieterin. Das Gespräch mit der Wasserburger Zeitung findet in ihrer Wohnküche statt. Es ist heiß. Die Fenster lässt die Frau dennoch geschlossen, denn der Lärm, das Gehämmer und Bohren, sei sehr belastend.

Erst ein Wasserschaden und jetzt Schimmel im Bad der Mieter.

Wasserflecken und Schimmel

„Seit einer Woche hab ich einen Bautrockner im Bad stehen, das eh nicht groß ist. Erst waren Wasserflecken an der Decke, jetzt ist da Schimmel“, sagt die 53-Jährige, die seit Mai 2019 im ersten Obergeschoss mit ihrem Kind wohnt. Erst im Juli 2019 erfuhr sie, was auf sie zukommen sollte.

Immerhin: Die Mieter bekommen 50 Prozent Mietminderung – so lange die Baumaßnahme andauert. Und die verlängert sich immer wieder – nicht zuletzt wegen Corona.

Mieterin vorab über Maßnahme nicht informiert

Als sie den Mietvertrag unterschrieben habe, sei sie nicht über die bevorstehende Baumaßnahme informiert worden, sagt die Mieterin. Generell lasse die Kommunikation seitens des Bauherrn, der Raiffeisenbank Griesstätt Halfing eG, „sehr zu wünschen übrig“, klagt sie.

Bank: Rückbau nicht von uns verschuldet aber unvermeidbar

„Der Rückbau war nicht von unserer Bank verschuldet, jedoch unvermeidbar. Dabei gab es für die Mieter Beeinträchtigungen und auch Baulärm, jedoch nicht permanent“, teilt Vorstandssprecher Florian Kreuz auf Nachfrage der Wasserburger Zeitung mit. „Zwischen den einzelnen Gewerken gab es Ruhepausen. Und auch wetterbedingt kam es zu Stillstandszeiten. Auch an den Wochenenden gab es keinen Baulärm. Soweit es den Wassereintritt betrifft, war Ursache ein unerwartet starker Unwetterniederschlag zur Unzeit. Und ferner kam es zu einem Wasserschaden durch ein versehentliches Anbohren einer Leitung. Es lag also eine Kette von sich aneinanderreihenden Unglücksfällen vor, für die die Raiffeisenbank Griesstätt Halfing nichts kann. Durch die Schließung des Daches und die Behebung des Rohrschadens ist die Ursache des Wasserschadens nunmehr unterbunden. Ferner wurden sogleich Trocknungsmaßnahmen unternommen. Auch die Trocknungsarbeiten sind nach Einlassung der Mieter nunmehr abgeschlossen. Schimmelbefall wird gleichfalls zeitnah entfernt. Die Zeitabläufe hierzu müssen mit den Mietern abgestimmt werden“, so Kreuz weiter.

Die Mieterin kritisiert: „Es gibt kein Wort des Bedauerns seitens der Bank für unsere Situation.“ Inzwischen hat sie einen Leitz-Ordner angelegt mit dem Schriftverkehr mit der Bauherrin.

Als das Dach weg war, gab es Starkregen. Die Platten, die den offenen Baukörper abdeckten, konnten die Wassermassen nicht zurückhalten und sie liefen ins Gebäude.

Mieter lassen sich von Fachanwalt beraten

Es gibt Fotos, die die Baustelle dokumentieren und auch, wie etwa das Regenwasser im Treppenhaus runter plätschert, weil Platten das abgetragene Dach nicht ersetzen können. „Mit den anderen Mietern habe ich mich von einem Fachanwalt beraten lassen.“

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Seit Mai 2020 ist das Haus eingerüstet und die Bauarbeiten für den Dachrückgang in Gange. Vier Mietparteien wohnen hier und ächzen unter der Belastung.

„Das Dachgeschoss war ja komplett bezugsfertig. Tolle hohe Räume und schön hell“, sagt die Mieterin. „Die Fliesen, der Estrich, die Dämmung – alles musste raus. Das ist doch ein ökologischer Wahnsinn“, so die 53-Jährige. An die 40 bis 50 Container für den Bauschutt habe sie gesehen, „schließlich hat man 60 Zentimeter runtergeschnitten, dabei war das Haus an sich nicht höher als die angrenzenden Gebäude“.

Kritik an Bürgermeister und Gemeinderat

Ihre Kritik gilt auch Bürgermeister Robert Aßmus und dem Gemeinderat. „Der Bau war doch abgesegnet. Und dann ist alles fertig und ein halbes Jahr später fällt ihnen der Fehler auf. Dann hätten sie das auch rückwirkend genehmigen können“, findet sie. Im Zuge der Bauarbeiten wurden auch die Garagen entfernt, die bereits im April 2019 Thema im Gemeinderat waren. Sie mussten ohnehin 65 Zentimeter zurückversetzt werden, wurde damals vom Gremium gefordert, weil der Abstand zur Straße nicht stimmte. Nach Abschluss des Dachrückbaus werden sie neu platziert.

Die Mietminderung wird wohl noch bis zum Spätherbst andauern. Aus einem Schreiben der Bank an die Mieter gehe hervor, dass sich die Arbeiten noch den ganzen September hinziehen würden, sagt die verärgerte Mieterin. „Für mich bedeutet das, dass ich fünf Monate meinen Balkon nicht nutzen kann – bei so einem Sommer.“

Angespannter Wohnungsmarkt

Eine andere Wohnung zu suchen, sei aufgrund des angespannten Marktes ein schwieriges Unterfangen, sagt die Griesstätterin. Ja, die Bank habe eine Alternativwohnung während der Bauphase ins Spiel gebracht. „Ich brauche drei Zimmer, möbliert und gutes W-LAN, wegen des Home-Schoolings. Einen kompletten Umzug zu organisieren, wäre einfach nicht gegangen neben meiner Arbeit – und auch wegen Corona.“ Die Bank habe nichts Passendes angeboten.

Statt Urlaub auf dem Balkon – diese Aussicht.

Gemeinderat gegen nachträgliche Genehmigung

Bürgermeister Aßmus (parteilos) sagt: „Es hilft nix. Auch wenn ich das im vereinfachten Freistellungsverfahren genehmigt habe, was auch das Landratsamt unterzeichnete, wenn die Baubehörde kommt und einen Fehler feststellt, muss Abhilfe geschaffen werden“.

Gemeinderat will keinen Präzedenzfall

Der Gemeinderat habe einstimmig entschieden, dass es keine nachträgliche Genehmigung gebe, um keinen Präzedenzfall zu schaffen. „Sonst haben wir ja dauernd solche Fälle. In der selben Straße scharren andere Bauherren schon mit den Hufen“, so Aßmus. „Wir müssen diesen Fall schmerzfrei betrachten. Und so sind wir auf der sicheren Seite“. Nun müsse die Isolierung des Daches auf der Innenseite aufgebracht werden – und auf die Außenseite komme ein neues Dach. Die Kniestockhöhe verringere sich damit von etwa 1,60 auf 1,20 bis 1 Meter.

Das sagt der Vorstandssprecher der Raiffeisenbank Griesstätt Halfing eG, Florian Kreuz:

Herr Kreuz, seit wann war klar, dass das Dachgeschoss rückgebaut werden muss?

Florian Kreuz: Mit Genehmigungsantrag zum Rückbau Mitte April 2019 war unserer Bank klar, dass zurückgebaut werden muss.

Wurden die Mieter, die zu dem Zeitpunkt schon drin wohnten, über die Maßnahme informiert?

Kreuz: Eine erste Information der Mieter erfolgte sodann Mitte Juli 2019 über ein gemeinsames Treffen.

So sah das Dachgeschoss während des Abbruchs aus.

Kreuz: Richtig ist, dass die Mieter, die Mitte März 2019 ihre Mietverträge abgeschlossen hatten, vor deren Einzugstermin Anfang Mai 2019 nicht über den anstehenden Rückbau informiert wurden, sondern erst nach dem Einzug. Dies lag daran, dass erst nach Mitte Juli 2019 die Zeitabläufe zu den Rückbaumaßnahmen konkretisierbar waren. Zu Mietvertragsabschluss Mitte März 2019 konnte der Rückbau nicht kommuniziert werden, weil noch zu anderen Lösungsmöglichkeiten verhandelt wurde. Ob eine Vorabinformation zum Rückbau, etwa im April 2019, die Situation der Mieter verbessert hätte, ist fraglich, weil die Mietverträge ja bereits im März 2019 abgeschlossen waren.

Was hat die Bank unternommen, um den Mietern entgegenzukommen?

Kreuz: Den Mietern wurden Alternativwohnungen angeboten. Eine Mietminderung wurde den Mieter angeboten und von ihnen auch angenommen, und zwar beginnend bereits vor Bauzeit bislang für die Bauzeit. Eine abschließende Bewertung der Mietminderungsansprüche seitens der Bank wird nach Beendigung der Baumaßnahme erfolgen. Zur Höhe der angemessenen Mietminderungsquote gibt es derzeit jedoch Differenzen.

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