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Nach acht Jahren endlich Azubi

Ali Mudassar macht eine Ausbildung zum Lagerlogistiker in einem Edlinger Siebdruckunternehmen. Mings

Wasserburg – Es ist still geworden im Modul der Pakistani an der Krankenhausstraße.

Die Küche mit dem Tischfussball ist meistens leer, als hätte es nie den lärmenden Betrieb beim Kicken und Kochen gegeben. Jetzt kommen Einzelne, nacheinander, in die Küche, backen ihre Brotfladen, setzen Reis an, schneiden Gemüse – gegessen wird meistens allein, vielleicht mit den Zimmernachbarn als Gesellschaft, meistens ist es das Handy.

Fast alle haben ihre Arbeit verloren, nachdem einer der bayerischen Abschreckungsversuche in Kraft gesetzt wurde, dass Asylbewerber mit geringer statistischer „Anerkennungswahrscheinlichkeit“ in der Wartezeit auf ihren Bescheid nicht selbst für ihren Lebensunterhalt aufkommen dürfen. Und so warten die jungen Männer seit vielen Monaten: während ihr Asylanträge im Klageverfahren feststecken, oder weil dem Einspruch gegen die Ablehnung stattgegeben wurde und der Fall erneut geprüft wird, oder sie nur geduldet sind. Andere wurden nach der endgültigen Ablehnung zur Ausreise aufgefordert, Abschiebung wurde angedroht. Bisher wurde niemand aus dem Modul abgeschoben. Trotzdem sind angesichts der drohenden Gefahr einige der Bewohner nach Italien oder Spanien ausgereist. Von den Meisten hat man nie wieder gehört.

Ein Mitglied der kaschmirischen Befreiungsarmee, geflohen vor Verschleppung und Misshandlung durch den pakistanischen Geheimdienst, wurde als Asylberechtigter anerkannt. (Wir haben in dieser Zeitung über seinen Fall berichtet) Er hat erfolgreich den Integrationskurs absolviert und kann ein Zertifikat für den B1 Kurs vorweisen. Nun wird er eine Ausbildung zum Schweißer beginnen.

Von den Übriggebliebenen im Modulhaus werden wohl einige schwarz arbeiten. Die anderen haben sich darin eingerichtet, dass es Geld für Abhängen gibt. Doch keiner macht den Eindruck, als wäre er zufrieden damit. Es ist ein Leben in ständiger Angst – vor der Abschiebung oder vor den Ansprüchen der Familie zuhause.

Die anfängliche Euphorie, als die Männer ihr Modul bezogen, ihre leuchtenden Augen, ein fast vibrierender Tatendrang und der von allen geäußerte Wunsch: arbeiten und Steuern zahlen in Deutschland – all das ist Lethargie gewichen. Nicht einmal Kricket spielen sie mehr, was früher Bewegung und Erinnerung an Zuhause bedeutete.

In der Diskussion um die Flüchtlingspolitik dominierten lange die Berichte über Problemfälle, aber es gab und gibt gelungene Integration, es gibt Erlebnisse, Erfahrungen und Geschichten, die von Solidarität und dem sehr pragmatischen Bemühen, Geflüchtete aufzunehmen, erzählen.

Faire Chancen in Unternehmen

Maßgeblich daran beteiligt sind auch Unternehmer. Sie haben den Ruf der Politik, den Ruf der Kanzlerin, ernst genommen und Flüchtlinge in ihre Betriebe geholt, überzeugt, dass diese eine faire Chance verdienen. Nun erleben sie, dass die Behörden dabei sind, ausgerechnet diese Leute zurückzuschicken, obwohl die heimische Wirtschaft Probleme hat, Arbeitskräfte zu finden.

Einer der Geflüchteten mit einer Chance ist Ali Mudassar, ein Schneider aus dem Süden Pakistans. Ali Mudassar kam im Herbst 2015 über Griechenland nach Deutschland. Er hat die Schule bis zur 5. Klasse besucht, danach als Schneider in einer kleinen Werkstatt gearbeitet. Geflüchtet ist er letztendlich vor den Folgen eines Streits um seine Cousine. Eine Gruppe junger Männern hatte ihr nachgestellt und belästigte sie. Ali Mudassar und sein Cousin, der Verlobte des Mädchens, kamen ihr zu Hilfe, und es entwickelte sich eine Schlägerei. Immer wieder wurden danach Ali und sein Cousin überfallen und geschlagen, bis ihre Eltern sie schließlich baten, zur Sicherheit aller das Dorf zu verlassen. Alis Cousin kehrte später in die Heimat zurück – und wurde ermordet.

Auf die Frage nach der wirtschaftlichen Situation der zehnköpfigen Familie in Pakistan antwortet er: „Wir waren arme Leute.“ Da stellt sich die Frage, wie ein Schneider aus einer armen Familie die Flucht nach Europa bezahlen konnte. Es ist die übliche Geschichte: die Familie verkaufte ein Grundstück, der Erlös und finanzielle Hilfe von Verwandten reichte für den Zug nach Karachi, den Bus zur letzten Stadt vor der iranischen Grenze. Von dort ging es in Etappen zu Fuß weiter, manchmal im Auto, manchmal im Bus, manchmal allein, manchmal mit anderen. In Griechenland endete die Reise zunächst, Ali musste erst wieder Geld für die Weiterreise verdienen. Schließlich schloss er sich einer größeren Gruppe an und sie machten sich zu Fuß auf den Weg nach Deutschland. In Ungarn wurden sie von der Polizei aufgegriffen, wurden gefragt, ob sie in Ungarn Asyl beantrage wollten und entschieden sich für Deutschland. Ein Zug brachte sie direkt nach München.

Ali Mudassar ist jetzt 27 Jahre alt, und seit insgesamt acht Jahren in Europa. Nach Stationen in München und Prien in Wasserburg angekommen, machte er sich – wie die anderen jungen Männer – auf die Suche nach Arbeit. Ali Mudassar gehörte zu den ersten Teilnehmern an einem Deutschkurs, den die VHS damals anbot, er arbeitete in der Küche eines neuen Restaurants, wo er um seinen Lohn geprellt wurde, er arbeitete in einer Schneiderei, bis sich die Besitzerin, trotz Sympathie und Hilfsbereitschaft, die fällig werdenden Abgaben und Versicherungen in ihrem Ein-Frau-Betrieb nicht mehr leisten konnte.

Auf der Suche nach Jobs für die Asylbewerber sprach eine Helferin unteranderem auch mit dem Geschäftsführer der Edlinger Firma Sefar, ein weltweit führendes Schweizer Unternehmen in Siebdruck und Filtertechnologie, seit der Gründung in Familienbesitz, mit Niederlassungen auf fünf Kontinenten. In der deutschen Niederlassung in Edling mit 38 Mitarbeitern begann Ali mit Putzarbeiten im Firmengebäude. Bald schätzte man ihn dort, er war zuverlässig und pünktlich und es stand die Möglichkeit einer Ausbildung zur Debatte.

Den Wettlauf mit der Zeit gewonnen

Es begann ein Monate dauernder Nervenkrieg um die Arbeitserlaubnis durch das Landratsamt. Mehrmals sprach der Firmenleiter vor, begründete seine Bereitschaft, den Flüchtling einzustellen, der Antrag wurde abgelehnt, es fehlte ein gültiger Pass. Mehrmals fuhr Ali nach Frankfurt zum pakistanischen Konsulat, um seinen Pass zu beantragen – es war ein Wettlauf mit der Zeit, denn wäre ein ablehnender Bescheid seines Asylbegehrens vor dem Pass eingetroffen, hätte ihm auch die Unterstützung seines Arbeitgebers nichts geholfen. Dann endlich die Zusage für eine Ausbildung in Lagerlogistik. Ali Mudassar und die Firma Sefar können hoffen, dass er die dreijährige Ausbildung beenden und danach weitere zwei Jahre im Betrieb arbeiten kann.

Ali Mudassar ist unverkennbar stolz auf die Arbeit. Im Wechsel mit einem Kollegen muss er die eingehende Ware kontrollieren und einlagern, oder, bei Versand, ausssuchen, verpacken und verschicken. An zwei Tagen der Woche besucht er die Berufsschule in Rosenheim, wo er Deutsch, Englisch, Sozialkunde und Warenkontrolle lernt. Außer ihm sind noch zwei Nicht-Deutsche in der Klasse. Drei Tage arbeitet er im Betrieb.

Schule heißt: Aufstehen um 4 Uhr, um pünktlich zum Schulbeginn in Rosenheim anzukommen, an einem Tag bis 16 Uhr Unterricht, anschließend in Wasserburg Deutsch-Unterricht bis 20 Uhr, an anderen Tagen bis 13 Uhr Unterricht, danach Arbeit in der Firma, und abends Nachhilfe bei Helferinnen. Die Personalchefin der Edlinger Sefar-Niederlassung sagt auf die Frage nach Problemen: „Er ist ein normaler Auszubildender, bei jedem gibt es mal Probleme, und mal auch nicht.“

Alis größtes Problem ist die Sprache, vor allem die vielen Fachbegriffe der Lagerlogistik. Zur Unterstützung richtet jetzt die Firma einen Deutschkurs für alle nicht-deutschsprachigen Mitarbeiter ein. Außerdem unterstützen Ali die übrig gebliebenen Helferinnen. Abends, nach seiner Arbeit.

Alle sagen, er gebe sich Mühe, und machen sich trotzdem Sorgen um ihren Schützling: Zu oft hat er Kopfschmerzen, zu oft wirkt er übermüdet. Kein Wunder, nach dem langen Hin und Her, den Anforderungen, die er an sich stellt, der Angst zu scheitern, und den schwierigen Gesprächen mit fordernden Familienmitgliedern am Telefon.

Wenn er abends nach Hause in die Unterkunft kommt, hat manchmal einer der anderen Modulbewohner für ihn mit gekocht.

Kontrollieren, einlagern, aussuchen, verpacken und verschicken – Lagerlogistik ist vielfältig. Und die Fachbegriffe sind schwierig.

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