Interview mit der Wasserburger Zeitung

Mundart-Rapper Monaco F aus Babensham: „Veranstaltungsbranche wird in Schmuddelecke gedrängt“

Jetzt ist es wieder da, das Lockdown-Gespenst, das die Kultur-, Gastro- und Veranstaltungsbranche in Angst und Schrecken versetzt. „Corona zieht einen runter“, sagt der bairische Mundartrapper und Internetcomedian Monaco F, der in Babensham mit seiner Familie lebt. „Von der Politik wurde die gesamte Veranstaltungsbranche monatelang vergessen.“

Von Andrea Klemm

Wasserburg/Babensham – Der studierte Philosoph, der mit bürgerlichem Namen Franz Liebl heißt, erzählt im Interview mit der Wasserburger Zeitung, wie es der Szene, die gefangen ist zwischen harten Beschränkungen, Rückschlägen und Pleiten, geht: schlecht. „Ich verstehe nicht, dass die Politik so mit der Kultur- und Gastro-Branche umgeht“, sagt der 41-jährige Monaco F der sich auch als #kulturretter engagiert.

Servus Franz. Was willst du die Politik fragen?

Monaco F: Dass die Politik so mit der Kultur- und Veranstaltungsbranche umspringt, ist echt traurig. Obwohl wir das seit Monaten alles mittragen, ja regelrecht Weltcup-Slalom durch Verordnungen fahren müssen. Man muss sich – vielleicht etwas polemisch – fragen, ob die Politiker wollen, dass diese Branche kaputt geht. Das perfekte Bauernopfer. Vielleicht weil sie ihnen grundsätzlich fremd ist oder sie ihnen immer schon irgendwie zuwider war, weil da ja auch viel politischer Gegenwind herkommt. Daher vielleicht auch dieser – meiner Meinung nach – völlig unangebrachte Duktus: Feiern wird nur noch als Ausschweifung, Zügellosigkeit und Exzess dargestellt. Man hat das Gefühl, wenn man um die Ecke ein Bier trinken geht, dann landet man im Skandalfilm „Caligula“. Die Veranstaltungsbranche wird total in die Schmuddelecke gedrängt. Und die vielen Alkoholverbote in der Öffentlichkeit? Das Bier als Symbol für die bayerische Geselligkeit wird plötzlich ins Zwielicht gerückt. Das hat die gute alte hoibe Bier nicht verdient.

Wie ergeht es Dir ganz privat zu Corona-Zeiten?

Monaco F: Corona zieht einen runter. Von der Politik wurde die gesamte Veranstaltungsbranche ja monatelang weitgehend vergessen, die Clubbetreiber sowieso. Und durch die neuen Maßnahmen gehen nun die letzten Möglichkeiten etwas zu machen für viele Kunstschaffende, aber auch Gastronomen und Veranstalter verloren. Finanziell geht es anderen schlechter. Auch wenn ich keine Live-Auftritte machen kann, ich hab ja noch meine Kolumne „Ein Bayer tut rügen“ bei PULS. Gefühlsmäßig aber hatte ich trotzdem schwere Monate. Am Anfang des Lockdowns dachte man noch, „cool, mal ein online Konzert“. Aber dann kam die große Leere und viel Zeit. Da fängt man schon mal zu grübeln an.

Was vermisst Du?

Monaco F: Die sozialen Kontakte gehen mir voll ab. Ich bin ein geselliger Typ, unterhalte mich gern mit wildfremden Menschen. Davon lebt auch meine Kunst, gibt mir viel Input. Ich bin der, der immer als Letzter heimgeht, den man vom Bartresen wegzerren muss. Im Lockdown waren wir plötzlich alle daheim, Frau, Kinder und ich hatte keinen Auslauf mehr. Das Homeschooling war zach. Unsere Kinder wollen sich nicht so gerne was von Mama und Papa lernen lassen. Sie sind eben sehr willensstark. Das feier ich! Aber Kinder brauchen was anderes, als Arbeitszettel zum Ausfüllen. Schule ist so viel mehr: Sie ist Gruppenarbeit, Freundschaft, Nähe, Trost.

Dein neues Album „Bierbankphilosoph“ kam im Februar raus, die Release-Party war ausverkauft und drei Wochen später kam der Lockdown. Diesen „Betonschuh“ bist du seither nicht wieder losgeworden, oder?

Monaco F: So ist es. Ich hab ja die Late-Night-Show „Ringlstetter“ im BR verlassen, um mich voll auf die Platte zu konzentrieren, hab viel Arbeit, Geld und mein ganzes Herzblut reingesteckt. Und dann lief es irgendwie ins Leere. Nahezu alle Konzerte wurden abgesagt. Das ist schon bitter.

„Bierbankphilosoph“ ist eine Geisteshaltung, sagst du. Worum geht es auf der Platte?

Monaco F: Ums Bayerisch sein. Grant, Hintersinn und Bierseligkeit prosten sich zu. Eine Bierzeltplatte ist das aber nicht. Das Philosophische in mir, das dahinter schauen – das fließt fast immer in meine Texte mit ein. Das Besondere an diesem Album ist, dass ich sie mit meinem Bruder Florian Liebl, der als Volksmusikant und Zitherspieler erfolgreich ist, aufgenommen habe. Zither und Rap sind eine einzigartige Mischung.

Als im Sommer wieder Lockerungen kamen, hast du zwei Konzerte unter strengen Auflagen geben dürfen. Also vor einer Partycrowd, die nicht eskalieren und aneinander pappen darf, sondern die gesittet an Tischen sitzen bleiben muss. Das war sicher schräg für Dich.

Monaco F: Anfangs ja. Ich war skeptisch. Bei meinen Konzerten tanzen, singen und springen die Leute normalerweise. Und sind durchnässt, die Bühne ist vollgetropft von Schweiß und Bier – grad schee is‘. Nun geht das halt derzeit nicht und das verstehe ich. Aber, wir haben in München im Backstage mit 200 statt 1000 Gästen bewiesen: Es geht! Man kann auch so eine gute Party, eine gute Zeit gemeinsam haben. Das Publikum brauchte zwei bis drei Songs, auch, sich daran zu gewöhnen, dass man sitzen bleiben muss. Aber dann war das Eis gebrochen.

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Muss man seit Corona das Party machen neu denken? Die Art des Ausgehens verändert sich doch sehr, denkt man nur an die Hygienekonzepte mit Einbahn-Regelung beim Ausschank und die Nachverfolgbarkeit der Kontakte.

Zither-Musik und Rap vereint Monaco F auf seinem Album „Bierbankphilosoph“, das im Frühjahr kurz vor dem ersten Corona-Lockdown erschien. Der bairische Mundartrapper lebt mit seiner Familie in Babensham. Corona, sagt er, zieht auch ihn runter. Und die Politik lasse die Veranstaltungsbranche seit Monaten im Regen stehen.

Ja, aber mit reduzierten Gästezahlen, Abstand, Hygienekonzept und registrierten Kontakten muss das möglich sein. Lieber sollen die Leute so weggehen, dass alles geregelt ist. Sonst kommen sie doch nur „unkontrolliert“ zu Hause zusammen und feiern da. Laut Studien stecken sich doch die Leute (um die 60 Prozent) daheim an. Nicht in der Gastronomie und in Veranstaltungssälen. Liebe Politik, lasst uns doch dieses letzte Bisserl machen.

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Welche ungewöhnliche Wege musst du wegen Corona gehen?

Monaco F: Ich gehöre zu den Künstlern mit mittlerem Bekanntheitsgrad. Wir müssen uns möglichst breit aufstellen. Aber derzeit werden einem auch noch die letzten Möglichkeiten genommen, das ist sehr schade. Bis kürzlich in München noch 22 Uhr als Sperrstunde galt, moderierte ich im Substanz-Club, wo sonst auch Lesungen, Poetry-Slams und Konzerte stattfanden, ein bayerisches Pub-Quiz. Das war sehr erfolgreich, knapp 60 Leute durften rein. Als dann die „Ampel auf dunkelrot“ sprang und Sperrstunde ab 21 Uhr war, machte es keinen Sinn mehr. Viele Leute arbeiten ja bis 19 Uhr. Mit dem Pub-Quiz wollte ich eigentlich auf Bayern-Tour gehen. Es ist als mehrstündiges Unterhaltungsprogramm gedacht. Ich denke mir tagelang die Fragen aus. Dass in Lokalen auch plötzlich Spiele-Abende nachgefragt waren, zeigt auch, dass die Leute ihre Gastronomen unterstützen wollen.

Nutzt Du die Corona-Zeit, um etwas Neues rauszubringen?

Monaco F: Ich überlege, meine Video-Kolumne, die es ja schon 13 Jahre gibt und die 550 Folgen hat, als Inspiration für ein Bühnenstück zu nehmen und ein Musikkabarett daraus zu entwickeln. Es ist ja eine wilde Mischung aus Hochpolitischem und manchmal auch Schmarrn. Oiso, Schmarrn mit Hirn. Früher hab ich in den Videos lauthals geschimpft, Wutausbrüche in Dauerschleife. Damals war das Internet noch freundlich, da war das lustig, so wild rumzugranteln. Das hat sich aber gewandelt. Es ist ja nur noch ein Dauer-Geschrei in den Sozialen Netzwerken. Da will ich nimmer mitschreien. Heute bin ich ruhiger und eleganter. Mit mehr Augenzwinkern (grinst).

Du arbeitest auch an neuen Songs?

Monaco F: Ja. Aber ich will ein gutes Gefühl vermitteln, nichts Negatives. Da suche ich gerade noch die Balance zwischen einem kritischen, aber auch lebensbejahenden Ton. Was nicht so einfach ist unter den gegebenen Umständen. Deswegen höre ich gerade viel alten Rap der 90er Jahre. Der versetzt mich in einen Zustand der Unbeschwertheit. Auch wenn die Stücke oft eine harte Message haben – durch Westcoastfunk zum Beispiel oder beschwingten Jazz versprühen sie Leichtigkeit. Das inspiriert mich gerade.

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Klingt wehmütig.

Monaco F: Und melancholisch. Wenn ich mir das Video anschaue, als ich mit „dicht & ergreifend“ vor einem Jahr vor 10.000 Zuschauern in der Olympiahalle auf die Bühne trat, dann denk ich mir: Ich will wieder in diese Welt!

Rappt auf Bairisch: Monaco F, der mit bürgerlichem Namen Franz Liebl heißt. Der Bayerwaldler hat in München unter anderem Philosophie studiert.

Du wirst heuer 42. Kann man mit Rap gut altern, ohne dass es peinlich wird?

Monaco F: In Deutschland ist das tatsächlich was Neues, mit Rap alt zu werden. In den USA nicht, siehe Ice Cube oder Jay-Z. Ich rappe seit 1992 und war immer schon politisch und bayerisch. Über das Bayerisch sein und was unter dem ganzen Kitsch liegt, darüber kann ich auch mit 50 noch erzählen. Klar, auf der Bühne lass ich mich nicht mehr so gehen, wie in meinen 20ern. Sprich: Ich trinke nicht mehr so viel. Und dann hat Rapper sein oft ja was Gockelhaftes und Aufgeplustertes – das brauch ich auch nicht mehr. Aber eine g’scheide Energie muss man schon noch haben und gut da oben stehen, gereift sein und trotzdem Action machen. Da ist also alles keine Frage des Alters, sondern der Einstellung. Mein Publikum ist 25 plus. Die Jüngeren sind dann eher „dicht & ergreifend“-Fans. Auch wenn das Hip-Hop-Duo ähnlich alt ist wie ich (lacht).

Was sagst du nun zum neuerlichen Lockdown?

Monaco F: Wenn der zu lange dauert, wird die Kultur- und Clubszene wohl komplett zerstört. Ich bin mir nicht sicher, ob Staatshilfen, wenn sie denn dieses Mal greifen, da was bringen würden. Es war ja eh schon 5 vor 12 für die Veranstaltungsbranche. Die Künstler und auch die Betreiber mussten schon ihre angesparte Altersvorsorge anpacken. Bühnen- und Tontechniker, Roadies, Barleute – die weichen auf andere Jobs aus. Wenn es mit der Szene irgendwann wieder losgeht – eventuell im Herbst 2021 oder erst Mitte 2022 – dann sind die weg. Wer macht das dann? Und die Spielstätten, die sich zuletzt noch mit ein bissl Essens- und Getränkeumsatz über Wasser hielten, sind dann vermutlich pleite. Wenn das alles kaputt geht, dann ist kein Boden für Kultur mehr da. Und ob das Publikum dann nicht schon total entwöhnt ist, vom Ausgehen? Vielleicht gibt es dann auch eine Explosion der Lebensfreude – das wär toll, aber wer weiß das schon?

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