Ein Münchner Kindl ist neuer Polizeivize in Was...

Christian Gollwitzer ist neuer Polizei-Vize in Wasserburg – hier vor der Inspektion in der Altstadt, ein den Beamten lieb gewordenes Gebäude, das jedoch nicht mehr den Anforderungen an eine moderne Polizei entspricht. Der Neubau in der Burgau soll Ende 2021 fertiggestellt sein.
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Christian Gollwitzer ist neuer Polizei-Vize in Wasserburg – hier vor der Inspektion in der Altstadt, ein den Beamten lieb gewordenes Gebäude, das jedoch nicht mehr den Anforderungen an eine moderne Polizei entspricht. Der Neubau in der Burgau soll Ende 2021 fertiggestellt sein.

Er ist ein richtiges Münchner Kindl – und hat trotzdem das Kleinstadtleben im ländlichen Wasserburg lieben gelernt: Christian Gollwitzer, Wasserburgs neuer Polizei-Vize, fühlt sich an seinem Arbeitsplatz sehr wohl, auch wenn sich die Polizeiarbeit sehr von jener in München unterscheidet. Denn hier war der Polizeihauptkommissar ständiger Einsatzleiter. In dieser Funktion war er stets in erster Front dabei.

Ein Münchner Kindl ist neuer Polizeivize in Wasserburg: Christian Gollwitzer über das Sicherheitsbedürfnis der Bürger und die zunehmende Gewalt gegen Einsatzkräfte

Von Heike Duczek

Wasserburg – Er hat die ganze Bandbreite der ad-hoc-Einsätze erlebt – unter anderem war Gollwitzer live dabei, als 2016 ein rechtsradikaler Anschlag im Olympia-Einkaufszentrum stattfand.

Nach 20 Jahren beim Polizeipräsidium München entstand der Wunsch nach Veränderung. Mit der Familie, zu der zwei Söhnen gehören, war er schon vorher in den Landkreis Ebersberg ins Grüne gezogen. Die Chance, stellvertretender Dienststellenleiter bei der Inspektion Wasserburg zu werden, nutzte Gollwitzer auch, um seine bisherigen Aufgaben um die Personalkomponente zu ergänzen.

Cyber-Crime nimmt deutlich zu

In Wasserburg, wo er seit dem 1. Februar tätig ist, kann der 44-Jährige seine große Einsatzerfahrung einbringen.„Denn auch hier schläft die Kriminalität nicht“, sagt er. Der Dienststellenbereich der PI Wasserburg mit den Kommunen Wasserburg, Albaching, Amerang, Babensham, Edling, Eiselfing, Griesstätt, Pfaffing, Ramberg, Rott, Schonstett und Soyen (321 Quadratkilometer) hat zwar einen hohen Sicherheitsstandard. Die Zahl der Straftaten ging 2019 um 5,7 Prozent erneut zurück. Die Aufklärungsquote ist mit 75 Prozent sehr hoch. Doch auch hier gebe es keine Kriminalitätsform, die es nicht gebe. Beispiel: Cyber-Crime. Sie nehme auch im Raum Wasserburg stark zu – und stelle für die Beamten eine große Herausforderung dar, berichtet Gollwitzer. Es gibt zwar Extra-Dienststellen bei der Kripo, die sich auf die Verfolgung dieser Straftaten spezialisiert haben, doch auch die PI Wasserburg muss sich der Thematik stellen.

Respekt gegenüber Polizisten nimmt ab

Auch illegale Drogen sind auf dem Land ein Thema, sagt Gollwitzer. Es sei heute eine große Herausforderung, Konsumenten auch zu erkennen. „Das 80er-Jahre-Bild vom Drogenabhängigen, der sich auf der Straße die Spritze setzt, gilt nicht mehr. Heute wird durch alle soziale Schichten hindurch konsumiert. Das kann auch der Herr im Anzug sein, der bei einer Fahrzeugkontrolle auffällt.“

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Mehr gefordert als früher sei die Polizei auch bei der Eigensicherung. Die Gewalt gegen Einsatzkräfte nehme zu, „der Respekt nimmt ab“. Die Hemmschwelle, verbal oder auch wortwörtlich um sich zu treten, sei in den vergangenen Jahren deutlich gesunken, stellt Gollwitzer fest. „Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, das auch unsere Partner in der Gefahrenabwehr, Feuerwehr und Rettungskräfte, spüren. Wir sind mehr als früher gefordert, uns selber zu schützen, damit wir auch wieder gesund zu unseren Familien heimkehren.“ Deeskalationsschulungen nähmen heute in den Fortbildungen deshalb einen großen Raum ein.

Corona: Viele Bürger sind verunsichert

Erster Großeinsatz, in dem Gollwitzer seine Erfahrung einbringen konnte, war der Fasching in Wasserburg. Danach kam jedoch schnell der Lockdown. Alle Veranstaltungen – unter anderem auch das Frühlingsfest – fielen aus. Auch das Nachtleben, ein weiterer Einsatzschwerpunkt, kam zum Erliegen. Langsam kehrt das Leben wieder zurück in die Städte und Gemeinden. Doch nach wie vor gibt es viele Fragen verunsicherter Bürger, die auch bei der Polizei aufschlagen: Was darf ich, was nicht? Grundsätzlich stellt Gollwitzer fest, dass sich die meisten Menschen im Dienstbereich an die Regeln der Ausgangsbeschränkungen gehalten haben „Es gab ein paar Ausreißer, doch im Großen und Ganzen sind wir zufrieden.“

Die Frage, ob es viele gab, die in „Blockwart-Mentalität“ Verstöße gegen die Ausgangsbeschränkungen meldeten, verneint er. Und weist schmunzelnd darauf hin: „Es gab vor Corona mitteilungsbedürftige Menschen, die gab es auch rund um den Lockdown und die wird es auch nach Corona geben.“

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„Wir beschweren uns außerdem nicht über Mitteilungen“, sagt Gollwitzer. Im Gegenteil: Wir sind darauf angewiesen, dass Bürger verdächtige Wahrnehmungen melden. Deshalb ist es wichtig, die Angst vor einem Anruf bei der Polizei zu nehmen. Lieber ruft jemand fünf Mal umsonst an, als einmal nicht, wenn er die Chance hat, ein Verbrechen zu verhindern.“

„Uns ist auch das subjektive Sicherheitsgefühl des Bürgers wichtig“, sagt der neue stellvertretende Leiter der Polizeiinspektion Wasserburg. Nicht immer würden beispielsweise die Zahlen der Unfallstatistik mit der Wahrnehmung übereinstimmen. Nicht immer sei eine gemeldete Ruhestörung auch wirklich eine, trotzdem fühle sich der Anlieger vielleicht mit Recht gestört. Hier seien die Beamten gefordert, sich ausgleichend einzubringen und die berechtigten Interessen der Bürger wahrzunehmen, findet Gollwitzer.

Wichtig: Präsenz zeigen

Wichtige Aufgabe der Polizei sei es, Präsenz zu zeigen. „Doch wir können nicht überall gleichzeitig sein“, betont er angesichts des großen Dienststellenbereichs. Die Inspektion Wasserburg mit 40 Köpfen sei personell knapp aufgestellt – angesichts der vielfältigen Aufgaben, der rasanten Entwicklungen bei den neuen Kriminalitätsformen des digitalen Zeitalters und der wachsenden Bevölkerung. Das kbo-Inn-Salzach-Klinikum sei außerdem noch eine regionale Besonderheit.

Präsenz zeigen, Einsätze steuern, Objektsicherung, Präventionsarbeit, ein besonders wichtiger Aufgabenbereich („Wir verhindern lieber ein Verbrechen, als es zu verfolgen“), Fortbildungsdruck, hohe Erwartungen in der Bevölkerung: „Bei der Personalstärke ist es eine Herausforderung, all dem gerecht zu werden“, findet Gollwitzer. Entspannung vom anstrengenden Berufsalltag findet er beim Angeln – „meine große Leidenschaft“. Mittlerweile wirft der 44-Jährige die Angel auch am Inn aus. Noch ein Grund, warum er sich am neuen Arbeitsort so wohl fühlt. Großen Anteil haben jedoch auch die Kollegen und Bürger des Dienstbereichs: „Ich bin überrascht, wie gut ich aufgenommen wurde. Es wurde mir sehr leicht gemacht.“

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