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VIDEODREH AN DER ALTEN ESSIGFABRIK

Mit der Wasserburger Band „Steam Skunk“ geht es zurück in die Zukunft der Vergangenheit

Wasti Huber hat geübt, damit der gläserne Augapfel elegant aus seiner Brille mit der Pralinenzangenhalterung purzelt.
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Wasti Huber hat geübt, damit der gläserne Augapfel elegant aus seiner Brille mit der Pralinenzangenhalterung purzelt.
  • Andrea Klemm
    VonAndrea Klemm
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„Hast du schon geübt, wie du den Augapfel rausfallen lässt?“ Der vermutlich einzige Ort, an dem diese skurrile Erkundigung keine weiteren Fragen aufwirft, ist das Set zum Videodreh der Band „Steam Skunk“ in der alten Essigfabrik in Wasserburg. Die Künstler planen ein Mini-Album und organisieren eine Crowdfunding-Aktion.

Wasserburg – Die Halterung der gläsernen Augen-Attrappe, mit der Bassist Sebastian Huber gerade kämpft, ist eine Pralinenzange, befestigt an einer Schweißerbrille – wie auch weitere Utensilien aus der Besteckschublade.

„Wasti, da musst du die Zange zusammendrücken, dann fällt das Auge raus. Hand drunter halten“, sagt Anna Schöll. „Und hier ist dein Hut, den nicht zamklappen, das ist eine Melone.“ Er soll sich beeilen, alles wartet auf ihn. Er musste nochmal heimradeln, weil er seine Hose vergessen hatte, erfährt man von Schöll, die lachend den Kopf schüttelt. Sie hält alle Fäden in der Hand.

Barfußprinz muss Schuhe anziehen

Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten, dem Sänger Ben Leinenbach, ist sie Gründungsmitglied der noch jungen Band „Steam Skunk“. Die Idee entstand bei einer gemeinsamen Faltboot-Tour durch Venedig vor einem Jahr.

Der Band-Name verrät es schon: Die Truppe, bestehend aus Anna Schöll (kreatives Multitalent und Grafikerin), Ben Leinenbach (Gesang, Gitarre), Slavko Spionjak (Schlagzeug und Kamera), Stefan Schrag (Saxophon), Christoph Riedenauer (Trompete), Tom Zimmer (Dohle, Leadgitarre) und Wasti Huber (Bass), bewegt sich bei diesem Projekt in der Steampunk-Subkultur (siehe Infobox).

Crowdfunding startet im Oktober

„Wir möchten im Februar 2022 eine Maxi-CD mit sieben Songs aufnehmen und am liebsten in einer Blechdose anbieten. Heute machen wir das Video zu ,Eve has a Gun‘ “, erklärt Anna Schöll.

Ziel sei es, das Projekt via Crowdfunding zu finanzieren, Start ist im Oktober. Das Ensemble besteht aus sieben Freunden, die alle aus Wasserburg und Umgebung stammen.

Zu Besuch beim Videodreh der Band „Steam Skunk“ in der Wasserburger Essigfabrik

Der bekannte Wasserburger Sänger Ben Leinenbach hat zusammen mit seiner Lebensgefährtin Anna Schöll und fünf Freunden eine Steampunk-Band gegründet. Die verrückte Brille gehört bei dieser Subkultur zur Grundausstattung.
Ihren Regieplan geht Anna Schöll mit Filmemacher Peter Ludwig, der eine Doku macht, durch.
Alle verrückten Brillen entstammen ihrer Kreativität – und ihrem Besteckschubladen: Anna Schöll.
Ben Leinenbach stimmt seine Gitarre, bevor der Dreh beginnt.
Zu Besuch beim Videodreh der Band „Steam Skunk“ in der Wasserburger Essigfabrik

Dazu kommen Helfer, wie etwa Martin Dau, der den erkrankten Trompeter im Video doubelt. Oder Fabian Pleizier, der heute für den bildscheuen Leadgitarristen einspringt und mit nacktem Oberkörper ein bizarres Instrument namens Dohle zum Quietschen bringt.

Pleizier ist in Wasserburg bekannt, nicht zuletzt als „Barfußprinz“. Der überzeugte Barfußläufer war in der Saison 2019 Faschingsprinz – und musste sich an seine Tanzgaloschen erst gewöhnen.

Essiggeruch und Nebelschwaden

„Du musst Schuhe anziehen“, sagt Schöll, die unter anderem zuständig ist für Regie und Kostüme – die sie alle selbst genäht, umgestaltet oder gebaut hat.

Wie die verrückten „Sehhilfen“, die sie aus Schweißerbrillen gefertigt hat, verziert mit verschnörkelten Tortenhebern, Teesieben, Zahnrädern und lustigem Krimskrams. Jedes Gestell ist ein Unikat.

„Für die Anna mach ich alles“, sagt Pleizier lachend. Er legt ihr, die die „Eve“ mitsamt Piratenpistole darstellt, das Kropfband an. Sie trägt einen weißen Rüschenrock aus einem alten Vorhang und zieht darüber ein kobaltblaues Brokatkleid mit bauschiger Turnüre an der Rückseite an. Die Hosenträger stammen von ihrem Opa.

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Der Videodreh findet im Inneren der still gelegten Essigfabrik zwischen den riesigen hölzernen Säuretanks statt. Der beißende Geruch ist präsent. Für den ersten Take braucht es viel Nebel. Die Maschine dazu bedient Stefan Hümmer und wedelt die Schwaden so, dass Kameramann Slavko Spionjak zufrieden ist. Auch der Wasserburger Filmemacher Peter Ludwig und Fotograf John Cater unterstützen das Projekt und dokumentieren den Drehtag der „Skunks“.

Tanzbar, schräg und rostig

Die Musik ist kraftvoll, tanzbar, schräg und rostig. So erklärt es Ben Leinenbach, der alle Stücke und Stimmen komponiert hat. „Funky, rockig, jazzig, brassig und ein bissl dreckig“, sagt er schmunzelnd.

„Und ein wenig Texmex, groovy, bluesig und fetzig“, ergänzt Anna Schöll. Die Texte sind auf Deutsch, Italienisch, Spanisch und Englisch. Auch ein paar Brocken Französisch und Russisch sind zu vernehmen.

Letzteres etwa im Song „Transsibirska“ – ausgestattet mit Geräuschen, etwa kreischenden Eisenbahnbremsen auf Schienen, die den Zuhörer in einen alten Zug katapultieren. Leinenbach: „Möglichst überraschend soll unsere Musik sein.“

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Stichwort Steampunk:

Ursprünglich bezeichnete „Steampunk“ eine literarische Gattung. Die Wurzeln einer ganzen Bewegung, die in den 1980er Jahren entstand, finden sich in den Romanen und Geschichten von Jules Vernes und H.G. Wells im ausgehenden 19. Jahrhundert. Werke wie „20.000 Meilen unter‘m Meer“ oder „Die Zeitmaschine“ gelten als frühe Science Fiction. „Steampunk“ begründet sich auf die Zukunftsvorstellung aus der Sicht der damaligen Zeit, als die Dampfmaschine (steam heißt Dampf, Anm. d. Red.) modern war. Die Nutzung der Elektrizität steckte in den Kinderschuhen. Das Stereotyp des verrückten Wissenschaftlers war ein gern verwendetes Bild. Die Subkultur, die sich vor etwa 40 Jahren entwickelte, bedient sich der Mode und und der Technikvorstellungen der viktorianischen Zeit. „Steampunks“ feiern die Ästhetik von Kolben, Bolzen und etwa Zahnrädern – das alles wird in die Retro-Kostüme eingearbeitet. Auch Werte und Etikette des viktorianischen Zeitalters spielen eine Rolle. So trifft man auf kultivierte Damen und Herren, aber auch fleißige, rußige Arbeiter der Unterschicht.

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