So meistert eine Soyener Großfamilie die Corona-Krise

Alle auf einen Streich:Familie Hartmann/Zimmermann mit (hinten von links) Mama Heidi, Papa Andre, Florian (13) und Julia (17) sowie (vorne von links) Paul (6), Felix (12), Theo (6 Monate), Erik (3) und Fabian (7) vor ihrem Maibaum. privat
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Alle auf einen Streich:Familie Hartmann/Zimmermann mit (hinten von links) Mama Heidi, Papa Andre, Florian (13) und Julia (17) sowie (vorne von links) Paul (6), Felix (12), Theo (6 Monate), Erik (3) und Fabian (7) vor ihrem Maibaum. privat

Viele Familien hatten und haben nach wie vor zu kämpfen mit dem Corona-Alltag. Doch wie sieht dieser aus, wenn man eine Großfamilie ist? Davon können Heidi Zimmermann und Andre Hartmann aus Soyen ein Lied singen: ein neunstimmiges sogar, denn die beiden haben sieben Kinder.

Von Jessica von Ahn

Soyen – Viele Familien hatten und haben nach wie vor zu kämpfen mit dem Corona-Alltag – ohne Schule und Kitas, mit Ausgangsbeschränkungen und Auflagen. Doch wie sieht der Corona-Alltag aus, wenn man eine Großfamilie ist? Davon können Heidi Zimmermann und Andre Hartmann aus Soyen ein Lied singen: ein neunstimmiges sogar, denn die beiden haben sieben Kinder. Die Großfamilie meistert die besondere Situation mit viel Routine und starken Nerven – und gestattet einen Blick hinter die Kulissen ihres quirligen Alltags.

Im Hause Hartmann/Zimmermann ist immer etwas los. Inzwischen wurden hier drei Geburtstage unter Einschränkungen gefeiert – darunter der zwölfte Geburtstag von Felix, für den es ein ganz besonderes Geschenk gab: Er bekam von seiner Familie einen ganzen Maibaum geschenkt.

Ein Maibaum zum zwölften Geburtstag

Das kam so: Kurz vorher hatte die Klassenlehrerin seines siebenjährigen Bruders Fabian in einem Brief aufgelistet, was derzeit alles ausfallen muss, darunter das Aufstellen der Maibäume. „Fabian war sehr traurig nach dem Brief. Da mussten wir etwas unternehmen“, berichtet die Mama. Gesagt, getan: Nach einem der täglichen Waldspaziergänge kamen Vater Andre und einige seiner Kinder mit einem langen Baumstamm zurück.

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Dann galt es, ihn blau und weiß zu bemalen. Im Internet haben die Eltern, die ursprünglich aus Brandenburg kommen, die bayerischen Rituale zum Maibaumaufstellen herausgesucht. Und schließlich wurde nach altbayerischer Tradition der Maibaum aufgestellt. „Die Burschen bringen den Baum hinein, während die Alten zuschauen“, rezitiert Mutter Heidi den Brauch. Sie lacht bei der Erinnerung. Denn so ermöglichten sie Felix noch einen erinnerungswürdigen Geburtstag.

Corona hat die Familie an den Rand der Kräfte gebracht

Doch nicht immer war es in der Familie so lustig. „Hätte mein Mann nicht gerade Elternzeit, hätten wir die Segel gestrichen. Das hätten wir nicht geschafft“, berichtet die Mutter.

Die Zeit der Ausgangsbeschränkungen und Schulschließungen hat die neunköpfige Familie an den Rand ihrer Kräfte gebracht. Nun haben die Schule und der Kindergarten für zwei Kinder wieder angefangen. „Das entspannt die Situation unglaublich“, erläutert Heidi Zimmermann.

Sie sitzt mit zwei Söhnen im Garten. An einem Biertisch unter einem Sonnenschirm machen sie Hausaufgaben. Beim Erstklässler begleitet die Mutter jeden Schritt. Geduldig erinnert sie ihn, seinen Namen auf jedes Blatt zu schreiben. „Fabian (7) besucht die Förderschule und darf daher noch nicht wieder in die Schule“, erläutert Heidi Zimmermann. „Er war so enttäuscht, als er es erfahren hat.“

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Siebtklässler Florian (13) arbeitet am Ende des Tisches selbstständig. Beide Brüder erledigen Matheaufgaben. Baby Theo sitzt auf dem Schoß seiner Mutter und bekommt Brei. Und der dreijährige Erik hüpft lachend durch den Garten.

Die 17-jährige Schwester Julia sitzt unterdessen mit am Tisch und assistiert ihrer Mutter mit dem Baby. Sie absolviert gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Kindergarten in Grafing. „Wir haben sie freistellen lassen“, erklärt ihre Mutter. „Es kann doch nicht sein, dass alle vorsichtig sein sollen, Julia jedoch verschiedene öffentliche Verkehrsmittel nutzt und das Virus so in die Einrichtung bringt.“

Vater und Sohn im Krankenhaus

Zudem hat die Familie selbst ein Kind, das als Risikoperson gilt. Der sechsjährige Paul war zu früh auf die Welt gekommen und ist seitdem beeinträchtigt. Erst kürzlich war Papa Andre mit ihm im Krankenhaus. „Ich habe meinen Sohn und meinen Mann ins Krankenhaus gebracht und die beiden eine Woche lang nicht gesehen“, erzählt Mama Heidi. „Besucher waren ja nicht erlaubt.“ Diese zwei Wochen, mit sechs Kindern allein zu Hause, sei die anstrengendste Zeit während der Corona-Krise gewesen. Zum Glück für die Familie kamen jedoch die ersten Lockerungen, sodass die Oma die Familie besuchen und unterstützen konnte.

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Die ständigen Änderungen der Corona-Einschränkungen, die wechselnden Bedingungen, unter denen das Familienleben funktionieren sollte, haben die Familie immer wieder belastet. „Anfänglich waren wir motiviert und sagten uns ‚Wir schaffen das‘. Doch wir wurden rasch ernüchtert. Immer wieder gab es neue Ziele, ständig neue Regelungen.“

Medienkonsum eingeschränkt, damit Hausaufgaben-Download funktionierte

Besonders herausfordernd sei auch das Bereitstellen der Hausaufgaben gewesen, erinnert sich Papa Andre: „Am Anfang haben wir erst einmal unser Datenvolumen erhöht und die Jugendlichen mussten ihren Medienkonsum einschränken, damit sie ihre Hausaufgaben downloaden konnten.“ Es gilt immer wieder einmal zusätzlich zu Arbeitsblättern, auch Videos herunterzuladen oder Filme zu streamen. „Hier auf dem Land ist das Internet so schlecht. Wir nutzen LTE und sind von der Empfangsqualität abhängig.“ Videochats mit den Klassen mussten daher ausfallen. „Dafür ist die Übertragungsrate zu gering.“

Spaziergänge im Wald sind nun Routine

Am allerbesten habe es ganz klassisch geklappt: Für den Erstklässler gab es die Hausaufgaben per Post. Immer freitags ruft die Lehrerin an und erkundigt sich nach ihrem Schützling. „Bei ihm läuft es von Anfang an prima“, berichtet Andre Hartmann – und seine Frau fügt hinzu: „Wir haben jetzt mehr Einblick in die Schule, wissen, wo unsere Kinder stehen.“ Die Familie sei noch mehr zusammengewachsen, Spaziergänge im Wald seien zur neuen Routine geworden.

Doch so langsam hätten sie auch dort alles entdeckt. Alle neun hoffen immer mehr, dass die alte Routine endlich wieder vollständig losgeht.

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