Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


Mission seines Lebens

„Mein Herz brennt“: Gebürtiger Ukrainer aus Wasserburg bringt Hilfsgüter an die Grenze

Jürgen Kisselmann (links) und Tobias Schlosser, Fachapotheker für Allgemeinpharmazie der St. Jakobs Apotheke in Wasserburg, sammeln für die Ukraine.
+
Jürgen Kisselmann (links) und Tobias Schlosser, Fachapotheker für Allgemeinpharmazie der St. Jakobs Apotheke in Wasserburg, sammeln für die Ukraine.
Alle Autoren
    schließen
  • Winfried Weithofer
    Winfried Weithofer
  • Heike Duczek
    Heike Duczek
  • Anja Leitner

Nächtelang hat er wach gelegen, voller Sorge um Freunde und Familie im Kriegsgebiet. Der Wasserburger und gebürtige Ukrainer Jürgen Kisselmann folgt jetzt dem Ruf von Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko nach schneller Hilfe.

Wasserburg – Man darf es – das ist wohl nicht übertrieben – die Mission seines Lebens nennen. In Windeseile hat Jürgen Kisselmann aus Wasserburg Hilfsgüter für die Ukraine gesammelt und den Transport an die polnisch-ukrainische Grenze übernommen.

Der Wasserburger, vor 36 Jahren in einem kleinen Dorf in der Mitte der Ukraine geboren, ist am späten Dienstagabend noch losgefahren. Auf der Fahrt durch Österreich erreichte die Wasserburger Zeitung ihn über Handy. Kisselmann sitzt auf dem Beifahrersitz, sein Vater Viktor fährt. Die Reise geht bis nahe an das vom Krieg erschütterte Land.

Große Anspannung auf der Fahrt

„Wo wir genau die Übergabe machen, kann ich ihnen leider nicht sagen“, sagt der zweifache Vater, der seinen Einsatz durch nichts gefährden will. Die Anspannung, die auf ihm lastet, ist ihm deutlich anzumerken. „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie müde ich bin“, sagt er. „Wir bringen Medikamente, darunter Ibuprofen, Spritzen, Verbandsmaterial, Erste-Hilfe-Kästen, Desinfektionsmittel, jede Menge“, zählt er auf. „Wir haben auch noch Essen, Kleidung und Schlafsäcke im Transportfahrzeug und im Anhänger geladen. Alles zusammen wiegt etwa eine Tonne.“ In einem weiteren Auto sitzen nach seinen Angaben zwei Helfer, die bei der Rückfahrt Flüchtlinge mitnehmen können.

+++ Weitere Artikel und Nachrichten aus der Region Wasserburg finden Sie hier. +++

Ob er die polnisch-ukrainische Grenze passieren will? „Nein, nein, nein“, sagt Kisselmann. „Auf keinen Fall.“ 20 Kilometer davor will er halt machen. „Da laden wir unsere Sachen ab, dann kommt ein Mann, der sie abholt und weitertransportiert in die Ukraine, nach Lemberg.“

Jürgen Kisselmann (rechts) mit seinem Vater Viktor auf dem Weg zur polnisch-ukrainischen Grenze. Die Fahrt dorthin hat er via Facebook dokumentiert.

Dort sei das Ziel aber immer noch nicht erreicht: Eine Gewährsperson – ein alter Kamerad seines Vaters – stehe bereit, um die Güter zu einem Sammelplatz für Medikamente zu bringen. Den Ort will Kisselmann „aus Sicherheitsgründen“ nicht nennen. Ein Aufenthalt in Polen ist nicht geplant, es gehe sofort wieder zurück. Die Aktion will er wiederholen: „Ich möchte das bis zum Kriegsende machen, wenn ich grünes Licht dafür bekomme“, erzählt der Heizungsbauer und Mechaniker, der sich zurzeit zum IT-Systemmanager umschulen lässt.

Die Geschäftswelt von Wasserburg unterstützt ihn jedenfalls mit Hilfsgütern und auch Spenden. Mit von der Partie sind unter anderem etwa das Innkaufhaus, der Hagebaumarkt, die Ballesterschützen Wasserburg und die drei in der Stadt befindlichen Apotheken. Überall habe er überwältigende Solidarität erfahren. „Es ist der Wahnsinn, ich bin überwältigt“, sagt Kisselmann. Sein Aufruf für Spenden in den sozialen Medien hat eine Welle der Hilfsbereitschaft ausgelöst. „Ich danke allen, die mitmachen.“

Die Caritas ist ebenfalls an der Grenze vor Ort, um zu helfen. Sie geben Kaffee, Tee und heiße Getränke an Geflüchtete aus.

Die Sorge um die Menschen in seinem Heimatland treibt ihn an: „Wir wollen helfen, wir wollen den Krieg stoppen, wir wollen nicht, dass Menschen sterben. Mein Herz brennt.“ Wie gelähmt sei er in den beiden Tagen nach dem russischen Überfall gewesen: „Ich war so am Boden, so verletzt, habe Nächte nicht geschlafen.“ Dann aber habe er sich zusammengerissen und den Appell von Vitali Klitschko, dem Bürgermeister von Kiew, beherzigt, der um rasche Hilfe gebeten habe, denn die Menschen in seinem Geburtsland, das der 37-Jährige mit 18 verlassen hat, sind in großer Not.

Dauerangst vor Bombenangriffen

Kisselmann steht per Whats-App und Mail in Kontakt mit Freunden, Klassenkameraden und Verwandten. Unter anderem lebt noch eine Cousine in der Ukraine. Was sie und Freunde schreiben, kann er kaum in Worte fassen. Die Menschen, sagt er, leben in Dauerangst vor Bombenangriffen, immer wieder würden Sirenen Fliegeralarm geben. Dann heiße es, Zuflucht in Kellern zu suchen.

Der Krieg sei noch lange nicht vorbei, prophezeit Kieselmann, „Putin hat nichts mehr zu verlieren“, ist er überzeugt. Er warnt vor allem vor gezielten Desinformationen russischer Propaganda über die sogenannten sozialen Medien. „Jetzt brauchen die Ukrainer die Unterstützung von Europa und Amerika“, sagt er. Und aus Wasserburg, denn derzeit gehe es vor allem ums eins: schnelle Hilfe für Verletzte, Vertriebene, Flüchtende und Obdachlose.

Lesen Sie auch: Stadt Wasserburg sucht Unterbringungsmöglichkeiten für Ukrainer

Fahrt nach Polen

Auf Anfrage berichtet Jürgen Kisselmann von der Fahrt an die polnisch-ukrainische Grenze. „Wir waren bestimmt zwölf Stunden unterwegs“, berichtet der 37-Jährige. Dort angekommen haben sie die Waren ausgeladen. Sie hätten auch Ukrainer mitgenommen, doch es war kein Bedarf. „Stundenweise fahren Busse, um die Geflüchteten über die Grenze zu bringen“, erklärt er. Die Hilfsbereitschaft sei gigantisch: Menschen aus Tschechien, Polen, Frankreich und Deutschland würden mit Transporter Hilfsgüter heranschaffen. „Wirklich Wahnsinn“, resümiert der engagierte Helfer.

Kommentare