Vor 25 Jahren

Ein Spenderherz ist das bisher schönste Weihnachtsgeschenk für diesen Obinger

„Durch die Transplantation wurde mir ein zweites Leben geschenkt. Die Dankbarkeit für diese gewonnene Lebenszeit begleitet mich jeden Tag“, betont Martin Waritschlager und blättert in einem Fotoalbum, das an seinen Krankenhausaufenthalt erinnert. Seine Mutter hatte seine Geschichte in einem Tagebuch festgehalten.
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„Durch die Transplantation wurde mir ein zweites Leben geschenkt. Die Dankbarkeit für diese gewonnene Lebenszeit begleitet mich jeden Tag“, betont Martin Waritschlager und blättert in einem Fotoalbum, das an seinen Krankenhausaufenthalt erinnert. Seine Mutter hatte seine Geschichte in einem Tagebuch festgehalten.

Die Pandemie macht auch vor Weihnachten nicht Halt. Das Fest des Schenkens steht in diesem Jahr unter anderen Vorzeichen. Martin Waritschlager aus Obing hat sein schönstes Geschenk vor 25 Jahren bekommen. Solange lebt der 35-jährige nämlich schon mit einem Spenderherz.

Obing – Mit acht Jahren änderte sich Martins Leben schlagartig: Die Diagnose „Herzinfarkt“ – als Spätfolge des Kawasaki-Syndroms, stellte die Welt des aufgeweckten Buben komplett auf den Kopf. Der ärztliche Befund der pädiatrischen Abteilung des Klinikums Traunstein war für die Familie damals unfassbar. „Von einem Herzinfarkt bei Kindern hatten wir bis dahin nie gehört“, erzählt Martins Mutter. Doch es sollte noch schlimmer kommen. Ein Jahr später folgte der zweite Herzinfarkt und die Konsequenz: „Herztransplantation“.

Infiziert mit Kawasaki-Syndrom

Das Schicksal hatte bereits im Oktober 1993 die Weichen gestellt. Damals war achtjährige lebensbedrohlich an Meningitis erkrankt. Untersuchungen ergaben im Nachhinein, dass er sich wohl zeitgleich auch mit dem selten auftretenden Kawasaki-Syndrom infiziert hatte. Da einige Symptome wie beispielsweise hohes Fieber aber zu beiden Krankheitsbildern passen, sei die Krankheit damals nicht diagnostiziert und folglich auch nicht behandelt worden, berichtet die Mutter. Ein Versäumnis, dass ihrem Sohn ein halbes Jahr später zum Verhängnis wurde, denn das Kawasaki-Syndrom hatte zu dauerhaften kardialen Schäden geführt.

Der neunjährige Martin nach der Operation: Langsam geht es aufwärts. Die lange Narbe erinnert an die Transplantation. Die Narben unter den Pflastern stammen von Hauttransplantationen, die von den lebenserhaltenden Maßnahmen mit dem Kunstherz stammten. Die Abdrücke im Gesicht sind von der Beatmungsmaske.

Nach einem vermeintlich harmlosen Radlsturz brach der Bub damals zusammengebrochen. Im Krankenhaus wurde dann der erste Herzinfarkt festgestellt. Das Blutgerinnsel, so groß wie eine Zwei-Euro-Münze, konnte aufgelöst werden. Nach elf Tagen durfte Martin das Krankenhaus verlassen. Die Zeit danach sei nicht einfach gewesen, denn der kleine Wirbelwind habe ständig eingebremst werden müssen. „Doch trotz unserer Sorge waren wir guter Dinge“, erzählt die Mutter.

Im März 1995 kam der erneute Rückschlag. „Ich bin nachts aufgewacht, weil mir mein Herz so weh tat“, erinnert sich Martin. Es folgte die Fahrt mit dem Sanka ins Krankenhaus nach Traunstein und der Transport mit dem Hubschrauber ins Klinikum Großhadern, denn der Gesundheitszustand nach dem zweiten Herzinfarkt verschlechterte sich drastisch. Nur ein Spenderherz konnte das Leben des Neunjährigen noch retten.

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Nach etlichen Tagen rang sich die Familie zu dem Schritt durch, Martin auf die Transplantationsliste setzen zu lassen. Das sei keine leichte Entscheidung gewesen, erinnert sich Martins Mutter. Es habe wenig Erfahrungswerte bei Kindern gegeben. Die Hoffnung „auf ein paar Jahre mehr Leben“ habe letztlich gesiegt. Bis zur erfolgreichen Transplantation folgten Wochen des Hoffen und Bangens auf der Intensivstation. Ein Kunstherz im geöffneten Brustkorb hielt den Buben während dieser Zeit am Leben. Nach der Transplantation folgte der mühsame Schritt zurück ins Leben.

Heute lebt Martin ein fast normales Leben. In seinem Beruf als Metallbauer fühlt sich der gelernte Schreiner nicht eingeschränkt. Drei lange Narben erinnern an die lebensrettende Operation. „Das Herz ist mein Herz“, sagt der 35-jährige. Er ist sich bewusst, dass er großes Glück gehabt hat. Sein Spenderorgan hat vom Gewicht und Alter her genau gepasst und ist auch mitgewachsen. Damit es zu keiner Abstoßungsreaktion des Körpers kommt, muss er zweimal täglich sechs bis sieben Tabletten einnehmen, die sein Immunsystem herunterfahren, aber daran hat er sich längst gewöhnt.

„Glücklicherweise bin ich nicht besonders krankheitsanfällig“, betont der 35-jährige. Seit einem Jahr stärkt er mit täglichem Schwimmen seine Abwehrkräfte. Zudem ernährt er sich schon von jeher gesund und er schwört auf je einen Löffel Schwarzkümmel- und Leinöl täglich. „Gut für die Nieren“.

Gewonnene Lebenszeit

Als chronisch Kranker zählt Martin in Corona Zeiten zur Risikogruppe. Seit rund sieben Monaten kann er deshalb nicht mehr arbeiten. Das Risiko einer Infektion wäre zu groß. Auch darüber hinaus hat ihm das Virus einen Strich durch die Rechnung gemacht. Zu gerne hätte er seinen 25. Herzgeburtstag heuer im Mai mit seiner, Familie, seinen Freunden und seinen Ärzten ausgiebig gefeiert. Wie schon viele Herzgeburtstage zuvor.

Die frühe Konfrontation mit der eigenen Endlichkeit hat den jungen Mann geprägt. Er hat gelernt, die Feste zu feiern wie sie fallen. Denn die Haltbarkeit transplantierter Herzen ist nicht unbegrenzt. Zehn bis fünfzehn Jahre schätzen die Ärzte, in einigen Fällen aber auch länger. 25 Jahre sind schon außergewöhnlich, das weiß auch Martin. Dinge aufzuschieben mag er deshalb nicht. „Schließlich weiß ich nicht, ob es im nächsten Jahr noch geht und ob es noch einmal ein passendes Herz für mich gibt“. Den Angehörigen seines Spenders würde er gerne persönlich danken.

Zweite Lebenschance

Dass viele Menschen noch immer keinen Organspendeausweis haben, kann Martin nicht verstehen, „denn der Tod gehört zum Leben“. Tausende Patienten – darunter auch viele Kinder – hofften auf ein geeignetes Spenderorgan. Zehn bis 15 Prozent der Betroffenen würden sterben, weil sie nicht früh genug ein neues Herz bekämen. „Meine Geschichte zeigt, dass durch eine Organspende eine zweite Lebenschance ermöglicht wird“, sagt Martin Waritschlager.

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