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Marketingfrau kritisiert „Haag aktiv“: 50.000 Euro Steuergelder für „alte Hüte ausgegeben“

Die Geschäfte in Haag sind im unfreiwilligen Corona-Winterschlaf und sollen in der Krise mit Marketingmaßnahmen unterstützt werden. 50.000 Euro Zuschuss gibt es von der Gemeinde. Nun wird Kritik laut, die Steuergelder würden „für alte Hüte“ ausgegeben.
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Die Geschäfte in Haag sind im unfreiwilligen Corona-Winterschlaf und sollen in der Krise mit Marketingmaßnahmen unterstützt werden. 50.000 Euro Zuschuss gibt es von der Gemeinde. Nun wird Kritik laut, die Steuergelder würden „für alte Hüte“ ausgegeben.
  • Andrea Klemm
    VonAndrea Klemm
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„50.000 Euro Steuergelder werden verprasst für alte Hüte“, sagt Bianca Spiegel aus Haag. Die Marketingexpertin kritisiert, dass der Zuschuss der Gemeinde für die Wiederbelebung des Einzelhandels vom Gewerbeverein „Haag aktiv“ nicht zukunftsorientiert und nachhaltig eingesetzt werde, sondern für „altbackene Ideen“ und Eigenwerbung.

Haag – Wie kann man den Konsum bei den örtlichen Geschäften ankurbeln? Welche Maßnahmen sind geeignet und wie kann eine Kommune helfen? Um diese Grundsatzfrage ist in Haag eine Debatte entbrannt.

Bei dieser Diskussion wird schnell klar: Alle Standpunkte sind nachvollziehbar. Die Berichterstattung „Hilfen im Lockdown - Haag schnürt ein Förderpaket für die Geschäftswelt“ hatte Reaktionen hervor gerufen.

In einem offenen Brief an „Haag aktiv“, Bürgermeisterin Schätz, die Haager Geschäftsleute und die Gemeinderatsmitglieder kritisiert Bianca Spiegel aus Haag, Betriebswirtin und erfahrene Marketingfrau, „50.000 Euro Steuergelder werden verprasst für alte Hüte“, zudem sei nicht transparent definiert, was mit dem Geld passiere.

Blumenstöckchen und Schokoherzen seien laut Bianca Spiegel „ganz nett“. Give-aways für Stammkunden haben eine Berechtigung, zögen aber keine neuen Kunden an und verursachten in der Regel keine Kaufentscheidungen. Gutscheine und eine Kassenzettel-Tombola lockten eher Schnäppchenjäger an oder kannibalisierten den eigenen Preis. „Man verkauft sein Produkt oder seine Leistung unter Wert“, so Spiegel. Im schlimmsten Fall entstehe zwischen den Betrieben eine Rabattschlacht und man mache sich gegenseitig die Preise kaputt.

Grundsätzlich befürworte sie sehr, dass „Haag aktiv“ und die Gemeinde die krisengebeutelten Gewerbetreibenden und Dienstleister unterstützen wolle. Doch mit 50.000 Euro Steuergeldern müsse man verantwortungsvoll umgehen. Sie moniert, dass zu viel Geld ausgegeben worden sei, für eine teure, zwölfseitige A4-Hochglanzbroschüre inklusive Papierveredelung anzufertigen und per Post zu verschicken. Umweltfreundlicher und günstiger wären dagegen Informationen, die online oder via Mail zu den Adressaten gelangen.

Blumenstöckchen und Gewinnspiele

Dass die Hälfte des Heftumfangs Eigenwerbung für „Haag aktiv“ einnehme, hält sie in Zusammenhang mit dem Zuschuss aus Steuergeldern für unglücklich, „der Zuschuss sollte ja allen Haager Geschäftsleuten zu Gute kommen“. Altbacken seien auch die Maßnahmen wie Gutscheine, Give-aways (Blumenstöckchen) und Gewinnspiele.

„Damit erzieht man den Kunden zum Schnäppchenjäger.“ So werde man nur punktuell den Absatz fördern, aber Kunden, die man an den Online-Handel verloren habe, gewinne man so nicht zurück.

Internetkompetenzen fehlen

Zukunftsfähiger und nachhaltiger wäre in ihren Augen das auf den Weg bringen einer zentralen Online-Angebotsform für den Haager Handel. Einige Geschäfte hätten auch heute noch keine eigene Website, andere haben zwar einen Online-Shop, doch kein Suchmaschinenmarketing. Es fehle an Marketing- und Internetkompetenzen. Sie wünsche sich, dass der Verein die Betriebe unterstütze, die hier noch Nachholbedarf haben.

Sie verweist auf erforderliche Warenwirtschafts- bzw. Kassensysteme mit einer Schnittstelle, die automatisch den Lagerbestand updaten und der Online-Plattform melden.

Der Zuschuss der Gemeinde hätte zu einer langfristigen Lösung führen können, wo Kompetenzen gebündelt werden und es einen fortlaufenden Support für die Händler gibt, um diese in ihrem Tagesgeschäft nicht zu überfordern.

Die Idee der CSU-Fraktion, für alle Haager Bürger per Post Rabattgutscheine im Wert von 15 Euro (mit befristeter Gültigkeit, damit sie schnell genutzt werden) zu verschicken, die in Haag einzulösen sind – und am Ende von den Geschäften mit der Gemeinde abgerechnet werden, hätte mehr gebracht, so Bianca Spiegel (die Schriftführerin im Kreisverband der Grünen ist).

Das sagt die Bürgermeisterin

Bürgermeisterin Sissi Schätz antwortet ihr unter anderem, die Verwendung des Sonderzuschusses sei vom Gemeinderat klar definiert worden, auch, dass alle örtlichen Gewerbetreibenden angeschrieben werden. Es gehe um Stadtmarketingmaßnahmen. Gefördert werden Aktionen der Gewerbetreibenden, die sich mit dem kommunalen Aufgabenspektrum vereinbaren lassen. Der Bayerische Kommunale Prüfungsverband sagt, dass eine unmittelbare Wirtschaftsförderung nicht zum Aufgabengebiet der Gemeinden gehört.

„Im Gegensatz zu der einmaligen Gutscheinaktion, die von der CSU beantragt wurde, besteht hier das ganze Jahr über die Chance, auf die Maßnahmen der Pandemie bzw. auf Lockerungen zu reagieren.“

Das sagt „Haag aktiv“

Auch Thomas Sax von „Haag aktiv“ positioniert sich. „Man muss mit Kritik leben können, sie wahrnehmen und beachten“, sagt er auf Nachfrage der Zeitung, und: „unser Konzept ist durchdacht“. Schriftlich antwortet er Spiegel: Die hochwertige Broschüre soll die gewünschte Wahrnehmung erreichen.

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Eine Liste mit eMail-Kontakten aller Gewerbetreibenden liege der Gemeinde nicht vor. Auf elektronischem Wege hätte man also nicht alle erreichen können.

„Haag aktiv“ habe bei der Broschüre auf die lokalen Profis für Text, Grafik, Druck und Verteilung zurückgegriffen und in Sachen Format, Umfang und Aufmachung Kosten/Nutzen abgewogen. Auch die Tätigkeiten des Gewerbevereins heraus zu stellen sei passend und eine einmalige Gelegenheit, alle Adressaten zu informieren. „Haag aktiv“ könne mit mehr Aktionen im Jahreslauf aufwarten, als der gesamte Landkreis Mühldorf zusammen.

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Die 50.000 Euro werden stückweise abgerufen und „wir haben dem Gemeinderat versichert, das Geld zielgerichtet einzusetzen“ – für verschiedene Aktionen. Ursprünglich einmal sei die Idee im Raum gestanden, 80.000 Euro für eine einmalige Aktion zu verwenden. Somit sei das aktuelle Konzept sehr wohl nachhaltig.

Ehrenamtler machen das nebenbei

Zum Thema Online-Plattform berichtet Sax vom Scheitern anderer lokaler Präsenzen, „obwohl Profis beteiligt waren“. In Haag hätten einige Betriebe weder Homepage noch Online-Shop. Andere wiederum seien erfolgreich auch auf den ganz großen Plattformen dabei. Nebenbei bemerkt seien bei „Haag aktiv“ alle ehrenamtlich beschäftigt, während sie ihre Betriebe führen – das auch mal „auf Kante genäht“.

Er lädt Spiegel ein, sich zu engagieren und ihr Wissen für Haag einzubringen. Die Betreuung einer lokalen Online-Plattform könnte der Verein nur mit festem Personal oder Dienstleister stemmen – das gebe dieser Zuschuss nicht her. Selbst eine Teilnahme an etablierten Plattformen (GoYellow) vereinnahmt die kompletten Mitgliedsbeiträge von Haag aktiv.

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