Tochter erinnert sich

Briefe an Hitler, Kreml und Weißes Haus: Wie sich Ludwig Ziegler aus Rott für Frieden einsetzte

Ludwig Ziegler (geboren 1897, gestorben 1993)
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Ludwig Ziegler (geboren 1897, gestorben 1993)
  • vonRichard Helm
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Weit über 1000 Briefe schrieb Ludwig Ziegler aus Rott an die Mächtigen der Welt und mahnte darin zum Frieden. Der Erste Weltkrieg hatte ihn erschüttert. Seine Appelle gingen an das Weiße Haus und den Kreml, nach China und Indien. Von manchem Regierenden erhielt er eine Antwort.

Rott – Weit über 1000 Briefe schrieb Ludwig Ziegler aus Rott an die Mächtigen der Welt und mahnte sie darin zum Frieden. Als junger Mann hatte er im Ersten Weltkrieg die Sinnlosigkeit der Kämpfe in Verdun miterleben müssen und war anschließend zwei Jahre in Kriegsgefangenschaft. Wieder zuhause angekommen, schrieb er ein Manuskript, das er „ein Rezept für den Frieden“ nannte und begann an das Weiße Haus, den Kreml und viele hochrangige Politiker zu schreiben.

Manche von ihnen antworteten dem Friedensaktivisten aus Rott, andere nicht. Unsere Heimatzeitung traf sich zu einem Gespräch mit seiner 92-jährigen Tochter Maria Müller. Die Zeitzeugin berichtete über die Aktivitäten ihres Vaters, der 1993 im Alter von 96 verstorben ist. Dr. Richard Kirchlechner, Historiker und Autor aus Rott, würdigt die bewegte Lebensgeschichte des Ludwig Ziegler in seiner Familienchronik.

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Ludwig Ziegler wurde im Jahr 1897 geboren und wuchs bei seinen Großeltern auf – bis er in jungen Jahren zum Wehrdienst eingezogen wurde. Der Erste Weltkrieg brach aus als er 17 Jahre jung war. Er zog mit 250 Mannschaftskameraden ins französische Verdun, das heute als deutsch-französisches Symbol für einen sinnlosen mit hohen Verlusten geführten Stellungskrieg gilt. Von den 250 Soldaten in seiner Einheit kehrten nur 48 heim. Zuhause berichtete Ludwig Ziegler, dass ein Franzose knapp vor seine Füße geschossen hatte und ihm sagte, er soll mit seinen jungen Jahren lieber heimgehen. Da war er erst 19 Jahre alt. Doch bevor er nach Hause kam, musste der junge Ludwig noch 2 Jahre ins Kriegsgefangenlager.

Dr. Richard Kirchlechner

Diese Erlebnisse im Krieg haben ihn geprägt. Als der Krieg zu Ende war, schien ihm die Zeit gekommen, ein Manuskript zu erarbeiten, das er als „ein Rezept für den Frieden“ verstand. Und er begann Briefe zu schreiben an die Mächtigen der Welt und um Frieden zu werben. Er sagte einmal: „Die da oben sollen wissen, dass es uns da unten nicht ganz gleichgültig ist, was geschieht“.

Antwortschreiben kamen aus dem Weißen Haus, aus dem Kreml, aus China oder Indien. Teilweise waren sie freundlich und warmherzig formuliert, teilweise wurde er nur mit förmlichen Floskeln abgespeist.

Statt einer Antwort von Adolf Hitler

Sein Brief an Adolf Hitler wurde nicht beantwortet. Dafür kam die Gestapo und machte dem Absender des Briefes unmissverständlich klar, dass „er diese Schreibereien gefälligst sein lassen solle, sonst könne er etwas erleben.“

Das demokratische Deutschland verstand den engagierten Briefschreiber besser. Konrad Adenauer ließ über seinen Staatssekretär versichern, dass die Bundesregierung „jeden ihr möglichen Beitrag zur Erhaltung des Friedens“ leisten werde.

Willi Brandt, damals noch Regierender Bürgermeister von Berlin, ließ mitteilen, dass „uns allen gleichermaßen der Frieden am Herzen liegt“. Der britische Botschafter ließ „für die nützlichen Vorschläge zur Lösung der großen weltpolitischen Gegensätze“ recht herzlich danken.

Mit seinen Vorschlägen wandte sich Ludwig Ziegler auch frühzeitig an den Osten. Die Antwort kam zwar nicht von Josef Stalin persönlich, aber über die sowjetische Botschaft wurde dem Briefschreiber aus Rott die Versicherung zuteil, dass es „Hauptziel der Außenpolitik der Sowjetunion ist, friedliche Verhältnisse für den Aufbau der kommunistischen Gesellschaft in der Sowjetunion zu sichern und zusammen mit allen friedliebenden Völkern die Menschheit vor einem verheerenden Weltkrieg zu bewahren.“

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Der Rotter schrieb zudem viele Brief an Franz Josef Strauß – alle wurden ausführlich beantwortet. Er bat auch das Bundespräsidialamt, zwei Friedenskarten an den Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion Leonid Breschnew und an den Generalsekretär der Vereinten Nationen Kurt Waldheim weiter zu leiten. Doch die taten ihm den Gefallen nicht und schickten ihm die Postkarten zurück. In dem Begleitschreiben stand: „Da die Bundesrepublik Deutschland ein freier Staat sein, interessiere es sie nicht, wenn die Bürger Post an Breschnew oder Waldheim schicken“. Der Schreiber empfahl, die Karten selber aufzugeben.

Doch Ludwig Ziegler ließ sich nicht entmutigen. So sind es mit den Jahren weit über tausend Briefe geworden. Er ist öfter lächerlich gemacht und als Spinner verlacht worden, erinnert sich seine heute 92-jährige Tochter Maria Müller im Gespräch mit unserer Zeitung.

Doch der einfache Mann aus Rott ließ sich nicht beirren und schrieb weiter seine Briefe und warb um Frieden. Tagsüber trug er Briefe für die Gemeinde aus und sammelte Steuern und Abgaben – in seiner Freizeit war er ein unermüdlicher Friedensaktivist, der Gehör fand: Ein Friedenszeichen aus dem Nachkriegsdeutschland fiel bei vielen ausländischen Politikern positiv auf.

Geschichten rund um Rott von Dr. Richard Kirchlechner

Seit vielen Jahren trägt Dr. Richard Kirchlechner Geschichten von Rott zusammen. Er hat dazu viele Bücher veröffentlicht. Bereits im Jahr 2003 erschien die Ortschronik von Rott. Im Jahr 2005 folgte die Rotter-Haus- und Familiengeschichte. Einen großen Spaß machen dem Autor Wortspiele, Reime und Denksportaufgaben, die er in mehreren Büchern und auszugsweise im Rotter Gemeindeblatt veröffentlicht. Sein neuestes Buch heißt „Rott am Inn – Geschichte und Geschichten“ Es ist unter anderem bei der Bäckerei Sporer in Rott erhältlich.

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