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Patientin und Team berichten über ihre Erfahrungen

Zitronenkuchen und Tanz: Wie die Wasserburger Tagesklinik bei Long-Covid hilft

Training für den Geruchssinn: Tagesklinik-Leiterin Isabella Eder (links) und Chefarzt Dr. Tobias Winkler bei einer Übung mit Geruchsproben. Im Gedächtnis werden das positive Gefühl, das beispielsweise ein Zitronenkuchen auslöst, und die Wiedererkennung per abgerufener Bilder trainiert.
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Training für den Geruchssinn: Tagesklinik-Leiterin Isabella Eder (links) und Chefarzt Dr. Tobias Winkler bei einer Übung mit Geruchsproben.
  • Heike Duczek
    VonHeike Duczek
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Long-Covid: Das ist nach wie vor eine rätselhafte Krankheit. Betroffene leiden schwer. Doch die Tagesklinik am kbo-Inn-Salzach-Klinikum Wasserburg macht Hoffnung: Es gibt Hilfe.

Wasserburg - Zehn Wochen nach der Corona-Infektion fühlt die 45-Jährige aus dem Wasserburger Land, die anonym bleiben möchte, urplötzlich eine extreme Mattheit und starke Atemnot. „Ich habe mich nur noch durch die Alltag geschleppt“, erinnert sich die zweifache Mutter. Nach drei Stufen Treppensteigen musste sie sich erst einmal hinsetzen. Die Haare fielen ihr aus. „Erschreckend“, nennt sie die Situation. Es dauerte Wochen, bis die Diagnose endlich stand: Long-Covid. „Wahnsinn, wie diese Erkrankung meinen Alltag beeinträchtigt“, sagt sie. „Wieso ich?“, habe sie sich lange gefragt. Nach drei Wochen Tagesklinik am kbo-Inn-Salzach-Klinikum sieht die Betroffene jetzt mit neuem Mut in die Zukunft: „Das Wertvollste war der Austausch mit den anderen. Ich weiß jetzt: Ich bin nicht allein“, sagt sie. Mittlerweile ist sie in der Lage, ihren Alltag wieder zu bewältigen - auch weil sie gelernt hat, achtsam mit sich umzugehen. Leitung und Team der Klinik hätten ihr dabei sehr geholfen. Nur eins wünscht sich die Betroffene noch: mehr wissenschaftliche Erkenntnisse für eine schnellere Diagnose.

Rätselhafte Krankheit: noch mehr Fragen als Antworten

„Wir wissen leider nicht viel mehr“, bedauert Dr. Tobias Winkler, Chefarzt der Neurologie am kbo-Inn-Salzach-Klinikum in Wasserburg. Nach wie vor sei die Erkrankung mit Post- oder Long-Covid schwer fassbar. Es gebe zwar Symptome, die typisch seien: Erschöpfung, Husten, Atemnot, Muskelschmerzen, Schwindel, Probleme bei der Wortfindung, mit Aufmerksamkeit und Konzentration, Geruchs- und Geschmacksstörungen. Fest steht nach Erfahrungen von Tagesklinikleiterin Isabella Eder außerdem: Eine mild verlaufende Corona-Infektion schließt nicht automatisch aus, dass im Nachhinein anhaltende Beschwerden auftreten können.

Es fehlt ein Biomarker

Es wird viel geforscht - vor allem in der deutschen Gesellschaft für Neurologie, berichtet Winkler. Es gebe mittlerweile international Studien, die sich dem Phänomen Post- und Long-Covid nähern würden. Doch nach wie vor gibt es mehr Fragen als Antworten, bedauert der Chef der Neurologie in Gabersee. Denn es fehle ein Biomarker, also ein Laborwert. Winkler nennt als Beispiel Diabetes, eine Erkrankung, die durch einen erhöhten Zuckerwert, festgestellt über eine Blutentnahme, klar definiert werden könne. Bei Long-Covid werde eine Entzündungsreaktion im Gehirn vermutet.

Trotzdem sehen Mediziner wie Winkler und Eder Parallelen zu einer anderen Viruserkrankung: dem Pfeifferschen Drüsenfieber. Viele Betroffene hätten auch hierbei selbst nach dem Abklingen der akuten Infektion noch monatelang Beschwerden - typisch seien ebenfalls Müdigkeit und Erschöpfung.

Warum sich Frauen eher Hilfe holen

Für Eder steht außerdem trotz aller Bemühungen um die Ursachenforschung etwas anderes im Vordergrund: „Die Betroffenen leiden sehr, sie benötigen Hilfe - Punkt“, sagt sie mit entschlossener Stimme. Über 50 Patientinnen und Patienten haben sie und ihr Team aus Ärzten, Pflegekräften sowie Therapeuten bereits betreut. Und fast immer helfen können: Bei fast allen hat sich die gesundheitliche Situation verbessert - so gut, dass sie wieder zurückkehren konnten ins Berufsleben. Auffällig in der Statistik der ausgewerteten ersten 16 Fälle: der große Frauenanteil. Zwei Drittel waren Patientinnen. Dafür hat Eder eine Erklärung: Frauen stehen nach ihrer Erfahrung nach wie vor vielfältiger unter Druck. Arbeit, Kindererziehung, Haushaltsführung, Partnerschaft: Da falle es auf, wenn Frau nicht funktioniere, schneller ermüde, die Last der vielen Aufgaben nicht mehr tragen könne. Frauen sind nach Eders Erfahrung außerdem wachsamer ihrer Gesundheit gegenüber. Sie spüren schneller als Männer, wenn etwas nicht stimmt, suchen sich eher Hilfe.

Häufig: das Fatigue-Symptom

Ebenfalls auffällig: Am häufigsten klagen die Patienten über das sogenannte Fatigue-Symptom: eine anhaltende starke Erschöpfung und Müdigkeit. Kraftlos und mutlos fühlen sich die Betroffenen oft. Ebenfalls häufig: kognitive Defizite: Vergesslichkeit, Konzentrationsprobleme, Sprachstörungen, Unaufmerksamkeit. Klassisches Symptom ist außerdem die Dyspnoe, eine Kurzatmigkeit, die bereits bei leichten Aktivitäten wie dem Treppensteigen auftritt. Über die Hälfte aller Patienten in der Tagesklinik klagen zudem über Probleme beim Schmecken und Riechen. Typisch: Der frische Schweinsbraten fühlt sich auf der Zunge an, als sei er verdorben, Gewürze werden kaum wahrgenommen, Essen beim Kochen wird also schnell versalzen.

Der MoCa-Test als Bewertungsgrundlage

Die Tagesklinik, die im März eröffnet hat, führt bei jedem neuen Patienten - auch in Zusammenarbeit mit der Romed-Klinik - Untersuchungen durch, die andere Erkrankungen ausschließen, außerdem immer den sogenannten MoCa-Test - bei der Aufnahme und bei der Entlassung. Dabei werden laut Winkler und Eder kognitive Fähigkeiten wie die Gedächtnisleistung, die Sprache, die Aufmerksamkeit und Konzentration gemessen. „Fast bei allen hat sich bisher das Ergebnis des MoCa-Tests verbessert“, freut sich Eder. Mit gezieltem Training könne viel erreicht werden. Wichtig: die individuelle Entwicklung des Therapieprogramms. Einige benötigen Atemübungen, andere ein Training des Geruchs und Geschmacks (Im Gedächtnis werden das positive Gefühl, das beispielsweise ein Zitronenkuchen auslöst, und die Wiedererkennung per abgerufener Bilder trainiert.), wieder andere beides oder eine Verhaltenstherapie, die die Angst vor der Angst, ausgelöst durch große Atemnot, nimmt, nennt Eder als Beispiele. „Nach Schablone F können wir nicht vorgehen“, stellt sie immer wieder fest. Sie setzt außerdem bei den Stärken des Patienten an, nicht bei den Defiziten. Bestes Beispiel: ein Mann, der leidenschaftlich gerne tanzt, nutzte dieses Talent, um wieder körperlich und seelischer fitter zu werden. „Er hat sich quasi gesund getanzt“, sagt Eder.

Wichtig: die Eigendisziplin

Sie stellt jedoch auch fest, dass eine Genesung nur dann funktioniert, wenn die Patienten eine große Portion Eigendisziplin mitbringen. Denn auch daheim sollte weiter trainiert werden. Am Ball bleiben, das sei wichtig. Ziel sei es schließlich nicht nur, die Symptome zu lindern, sondern nachhaltig zurückzufinden in einen Alltag, der gut zu bewältigen sei. In der Tagesklinik gehe es darum, eine Chronifizierung der Symptome zu vermeiden, die Ressourcen de Betroffenen zu stärken.

„Ich kann wieder essen“

Dass viele Patienten die Tagesklinik am kbo-Inn-Salzach-Klinikum verlassen, zeigen viele Anrufe, Briefe und Mails, die das Team erhält. „Ich kann wieder essen!“, schreibt eine entlassene Patienten überglücklich. „Es klappt wieder mit dem Radfahren“, ein anderer. Ein weiterer informiert, er habe aus der Atemtherapie, bei der die Haltung eines Bogenschützen nachgeahmt wird, ein neues Hobby mitgenommen. Aus dem Patientenkreis hat sich außerdem ein Corona-Stammtisch entwickelt, eine Selbsthilfegruppe ist entstanden, freuen sich Tagesklinikleiterin Isabella Eder und Chefarzt Dr. Tobias Winkler. Sie sagen offen, dass auch sie nach wie vor viel lernen: von den Patienten. Und stellen erleichtert fest, dass mit dem Übergang der Pandemie in eine Endemie die Schwere der Fälle etwas nachzulassen scheint. Trotzdem ist die Warteliste für die fünf Plätz in der Tagesklinik nach wie vor lang: vier bis fünf Monate dauert es. Doch wer sich anmeldet, bekommt für die Übergangszeit schon einmal Übungen für zuhause. „Das macht vielen bereits Mut“, sagt Eder, „allein die Tatsache, dass die Krankheit anerkannt wird und Hilfe naht, erleichtert viele.“

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