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An Allerheiligen

Literarischer Spaziergang mit Heimatforscher Ferdinand Steffan am Altstadtfriedhof Wasserburg

Die Inschrift über dem Portal zum Altstadtfriedhof Wasserburg spricht unter anderem vom ewigen Leben, wenn man im Himmel ist.
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Die Inschrift über dem Portal zum Altstadtfriedhof Wasserburg spricht unter anderem vom ewigen Leben, wenn man im Himmel ist.

Er kann die Inschriften den alten Denkmälern entziffern und kennt die Geschichten, die dahinter stecken: Heimatforscher Ferdinand Steffan. Bei einem literarischen Spaziergang auf dem Altstadtfriedhof in Wasserburg geht es um den Tod.

Von Ferdinand Steffan

Wasserburg – Die Gräberbesuche der Verstorbenen an den Allerheilgen-/Allerseelentagen oder am Totensonntag bieten nicht nur die vielfältigen und zahlreichen Symbole der Vergänglichkeit und der Hoffnung auf eine Auferstehung Gelegenheit, sich der eigenen Situation bewusst zu werden.

Sie führen auch mit den unterschiedlichen Texten auf den Denkmälern den Umgang mit Trauer und Schmerz früherer Epochen vor Augen.

Schon der barocke Eingangstext am Friedhofsportal, der irrtümlich über der Innenseite des Torbogens eingemauert ist, trifft den Leser – so er denn die Schrift entziffern kann – mit voller Wucht. Der Text ist in die heutige Sprache übertragen: „Herein, herein, o frommer Christ, der du in Gott entschlafen bist! Auf dieser Flur liegt meine und deine vorbestimmte Ruhestätte!“

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In der zweiten Spalte wird der Betrachter darauf hingewiesen, dass schon viele Leute hier liegen und man keine Angst vor dem Tod haben müsse: „Vil schiner Rosen ligen hie, / Die werden bringen schöne plie (=Blüten) / im sumer zu dem Jüngsten tag / darumb O Cristen Mensch nit clag, / Scheich dich nit vorm Zeitlichen tod, / Er hilft dir nur auß angst und not / Ewig Hernach dein leben Ist / Im reich der himel so du bist…“

Der unbekannte Stifter dieser großen Tafel von 1616 hat sich mit seiner Familie darstellen lassen und in einem Zweizeiler noch angefügt: „Hie lig ich und mus verwesen, dan, ein sinder bin ich gewessen / Doch hof ich ein Ewiges leben, welches mir mein Cristus wird geben.“

Zweihundert Jahre später informiert ein mehrstrophiges Gedicht den Leser über die Trauer und das schwere Leid des Bierbrauers Franz Joseph Stechl (geboren 1762 in Rechtmehring, seit 1788 in Wasserburg), der seine Gattin Maria Anna 1805 verloren hat.

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„Felsen verwittern, Eichen vermodern im Sturm der Zeit, / baue auf Sand nicht, Mensch, deine Hoffnung, nicht in die Luft. / Alles zergehet – Eines nur bleibet: Dein Gott – dein Geist. / Ängstlicher pocht, menschlicher fliegt dein Herz am Grabe. / Sag es dem Guten: Liebe wird leben, nicht stirbt die Treue.“ Nach diesen einleitenden Zeilen widmet der Gatte das Denkmal seiner Frau: „Meiner lieben Gattinn / Maria Anna / … / mir und meinen 5 Kindern unvergeßlich, unersetzlich, weihe ich dies Denkmal der Liebe / harrend des seligen Wiedersehens, freudig, wenn Gott meinen Namen hier unten dem Ihrigen anreihen will.“.

In einem zweiten Text lässt er die Verstorbene selbst sprechen: „Ich blühte, trug Früchte und pflanzte einen Garten Gottes in unseren Sprösslingen, / mein Mann, um dich und mich heran./ Die Sprossen blühen und gedeihen, ich aber welke und geh von hinnen, freudig / den Zöglingen das liebe Fruchtland, Dir den reinen Fruchtgenuss segnend zu überlassen.“

Witwer heiratet erneut - auch zweite Frau verstirbt

Der Witwer heiratete erneut, doch auch die zweite Gattin verstarb rasch: „So dachte – so meinte ich. / Aber Gottes allweise Fürsehung wollte es anders / Es muste mir auch noch meine zweite Gattin vorausgehen. / Maria Veronika / gebohren 24. August 1785, gestorben 17. Marz 1815.“

Es folgt noch ein Lob auf die hehre Gesinnung der Verstorbenen: „Die letzten Worte baten und gaben Verzeihung allen Menschen. / Sie bestätigte dadurch den religiösen Wahlspruch: Es ist kein sichereres Vorzeichen eines schönen Todes als Versöhnlichkeit.“

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Diesen ganz persönlichen Nachruf konnte man auf der kleinen Pyramide lesen, die in der Vierung der Gräberfelder steht. Mittlerweile ist die Schrift nicht nur verblichen, sondern auch von Flechten überwachsen. Vermutlich war der Stein mit anderen markanten Grabdenkmälern 1835 bei der Parzellierung des Friedhofs hierher versetzt worden, nachdem die Brauer Stechl unter den Arkaden eine neue Begräbnisstätte erhalten hatten.

Gleich daneben erinnert ein Kubus mit einer bekrönenden Urne an den Arzt und Geburtshelfer Heinrich Zintgraf (1757 bis 1813) und seine Gattin Veronika, geborene Hauner (1775 bis 1810), denen ihre fünf Kinder das Denkmal setzten: „Die letzte Reise / Ist Abschied nur vom Irrdische /Ja wiedersehn, sich wiedersehn / wird Vater Mutter Freund u. Waise / Am großen Aernte Fest.“

„Fünf trauernde Waise / setzen ihren zu früh / verblichenen unvergeß-/ lichen Aeltern dieß / kleine Denkmall ihrer Liebe.“

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Eine unvergleichliche Sequenz hebt die Beliebtheit des Arztes hervor: „Dem / kundigen Geburtshelfer! /Mütter weihen stille Trän / nen dem Entschlummerten. / Nim¯er fordert seine Kunst / aus Der Jam¯ernden Schoos / ein Säugling an der stillenden / Brust.“ In einer Zeit hoher Säuglings- und Kindersterblichkeit war die Kunst des Heinrich Zintgraf weit über die Grenzen der Stadt hinaus geschätzt und berühmt.

14-jährige Tochter Maria Anna

Auf einer schmal-hohen Pyramide aus witterungsunbeständigem Neubeurer Granit betrauert Landrichter Carl Ritter von Menz (geboren in Bad Abbach, gestorben in München) den Tod der 14-jährigen Tochter Maria Anna „als Vorbild jeder kindlichen Tugend“. Der Schlussvers lautet: „Zum Urquell in den lichten Räumen / Entschwebt ihr selbstloser Geist. / Wer möchte da noch länger säumen, / Wenn uns der Vater kommen heißt?“

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Dass ein Maler bei der letzten Renovierung die untere Haste (senkrechte Linie, Anm. d. Red.) des Buchstabens R zu einem B geschlossen hat und die Seele in die „lichten Bäume“ hat entschweben lassen, lässt einen schmunzeln, nimmt aber der Poesie der Zeilen nicht ihren Reiz.

In heutiger Zeit, in der Anonymität und Datenschutz auf den Gräbern oft nur die minimalsten Angaben zu den Verstorbenen erlauben, geben diese umfangreichen Schilderungen einen tiefen Einblick in das Leid der Familien und dessen Bewältigung und die Einstellung zum Tod früherer Generationen.

Mit dem um 1500 häufig verwendeten Spruch: „All hernach“ – alle folgen den Verstorbenen nach, der Tod lässt keinen aus, verlassen wir den Friedhof in der Hoffnung, dass „Got allen ein freliche aufferstehung verleichen welle.“

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