BEHAR HEINEMANN – GEGEN ALLE UNGERECHTIGKEIT

Ein Leben für die Menschenrechte

Wahlwasserburgerin: Behar Heinemann. tretner
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Wahlwasserburgerin: Behar Heinemann. tretner

Seit ein paar Tagen erst ist das Buch von Behar Heinemann, „Romani Rose - Ein Leben für die Menschenrechte“, auf dem Markt, da erzählt sie schon stolz von ihrem nächsten Projekt, einer Ausstellung in Lanciano, in der Nähe von Rom. Die Wahlwasserburgerin gewann dort den zweiten Preis einer Ausschreibung und zeigt vom 15. bis 24. Oktober unter der Überschrift „Roma-Frauen“, Fotografien und Malereien. Auch ihr Buch beschäftigt sich mit der Ethnie der Roma und Sinti.

Wasserburg – Behar Heinemann schrieb eine nicht autorisierte Biografie über Romani Rose und ist derzeit damit auf Leserreise durch ganz Deutschland. Rose ist Vorsitzender des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma, und sein Leben gilt dem Kampf dieser Minderheit um Anerkennung in unserer Gesellschaft. Über eineinhalb Jahre interviewte die quirlige Publizistin den Vorsitzenden. Beide sind über lange Jahre sehr vertraut. Deshalb war es der Autorin ein besonderes Anliegen, Rose das erste Exemplar des Buches noch vor dessen Erscheinen auf dem Markt persönlich in Heidelberg am Sitz des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma zu überreichen. Zu diesem Zeitpunkt war dem Vorsitzenden der Inhalt des Buches noch vollkommen unbekannt.

Dies verwundert insofern auch nicht weiter, als das Buch keine Auftragspublikation des Zentralrates oder des Dokumentationszentrums darstellt, sondern von Behar Heinemann in völliger Unabhängigkeit verfasst worden ist. Im Sinne einer ausgewogenen Recherche ist es folgerichtig, dass das Buch sich auch mit Kritiken auseinandersetzt, die gelegentlich von unterschiedlichen Seiten gegen Rose und den Zentralrat vorgebracht werden. Bekannt ist dabei, dass wer sich zu kritisch zu den Institutionen Deutscher Sinti und Roma äußert, schon mal mit heftigem Gegenwind aus Heidelberg rechnen muss.

Dazu wird es aber bei Heinemann ganz sicherlich nicht kommen. Denn für die Autorin ist Romani Rose ein großes Vorbild, das Buch über ihn ist auch als Hommage an ihn gedacht. Roses jahrzehntelanger Kampf um die Anerkennung des widerfahrenen Unrechts an den Sinti und Roma steht hier eindeutig im Vordergrund. „Er ist“, so sagt sie, „mein Sinnbild für Gerechtigkeit und Bürgerrechte“. Beides lenkt vordergründig die Arbeit in ihren humanitären Projekten im In- und Ausland.

Spannend dürfte der erste gemeinsame Buch-Auftritt der beiden allemal werden. Am 20. Juni um 18.45 Uhr moderiert Andreas Bönte vom Bayerischen Rundfunk in München im NS-Dokumentationszentrum die Buchvorstellung mit anschließender Diskussion.

Behar Heinemann ist eine seit 25 Jahren in Deutschland lebende Romni aus dem Kosovo. Seit Kindesbeinen ist sie bestens vertraut mit der Bürgerrechtsarbeit dieser Minderheit, wuchs sie doch in einer Politikerfamilie im Kosovo auf. So gründete ihr Vater dort die erste RomaPartei. Vater und Tochter arbeiteten eng zusammen, inspirierten sich gegenseitig in ihrem Kampf um die Freiheit und Rechte für die Roma. Heinemann war die engste Beraterin des Vaters hinter den Kulissen. Mit ihren perfekten Sprachkenntnissen in Albanisch, Serbokroatisch, Türkisch und Romanes war sie als Übersetzerin bei politischen Gesprächen und Treffen ihres Vaters gefragt, und so kam es auch zu den ersten Kontakten mit dem Zentralrat und Romani Rose.

„Geheiratet wird erst, wenn du alles vom Leben weißt, Männer gibt es genügend“

Sehr modern wuchs sie als achtes Kind unter elf Geschwistern auf. „Wir Roma-Frauen sind selbstbewusst und emanzipiert, und meine Mutter sagte immer,“ so erzählt sie lachend, „geheiratet wird erst, wenn du alles vom Leben weißt, Männer gibt es genügend.“

So studierte die heute 48-Jährige als eines von nur wenigen Roma-Mädchen an der Universität von Prishtina. In Deutschland erwarb sie Abschlüsse in den Bereichen Sport und Gesundheit. Seitdem ist sie im Bereich Mentalcoaching, Sport und Personaltraining unterwegs und bestrebt, Roma- und Sinti-Frauen bei gesundheitlichen Fragen zu unterstützen. Auch hier braucht es großes Vertrauen, denn die Minderheit der Roma und Sinti hat in der Zeit des Nationalsozialismus in den Konzentrationslagern viel Leid durch medizinische Experimente erfahren. So ist es verständlich, dass in den Menschen noch eine Traumatisierung nachwirkt, die den Umgang mit medizinischer Versorgung schwierig macht.

Wenn man sich nur einmal vorstellen mag, dass die Roma selbst nach dem Krieg noch über die eintätowierte KZ-Nummer identifiziert wurden, weil sie keine Pässe mehr hatten und damit keine Staatsangehörigkeit, dann kann man die Freude im Jahre 1982 verstehen. Im Gründungsjahr des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma bekamen sie die Anerkennung des Völkermords in der NS-Zeit durch Bundeskanzler Helmut Schmidt zugesagt.

Romani Roses Vater übrigens überlebte die NS-Zeit nur, weil er unter falschen Namen lebte. Die Schuldgefühle, die er aushalten musste, weil er 13 seiner Familienmitglieder nicht vor dem Tod retten konnte, veranlassten ihn nach dem Krieg, einen Verein für Menschenrechte zu gründen. Noch 1956 entschied der Bundesgerichtshof, dass die „Zigeuner“ nicht aus rassistischen Gründen im KZ waren, sondern aus „asozialen und kriminellen“ Gründen. Sein Sohn, Romani Rose, arbeitet bis heute die Erinnerung an dieses Unrecht mit viel Engagement auf. Mittlerweile gibt es in Heidelberg, dem Sitz des Zentralrates, auch ein Dokumentations- und Kulturzentrum, einen Ort der Begegnung, der Erinnerung und des Gedenkens an die Opfer der NS-Zeit. Zum Porajmos, dem Völkermord an den Sinti und Roma, gibt es bereits viele Bücher. Heinemanns Buch dagegen beschäftigt sich mit der Bürgerrechtsbewegung deutscher Sinti und Roma und – erstmalig – mit dem Leben von Romani Rose. Seine Biografin sagt: „Er hat uns, die Sinti und Roma in Europa, dorthin gebracht, wo wir jetzt sind.“

Und doch gibt es noch viel Arbeit, wie das neueste humanitäre Projekt der Autorin und Künstlerin zeigt. In Skopje soll ein Mehrzweck- und Kulturhaus entstehen. Mit 53 000 Menschen gibt es dort, so Heinemann, die größte Roma-Siedlung der Welt. „Äußerlich scheint es ihnen auf den ersten Blick gut zu gehen, aber hinter den Kulissen ist ihr Zustand desolat.“ So wird von Einzelfällen berichtet, in denen Kinder schon mit sechs Jahren drogenabhängig sind. Auch wenn solche Einzelfälle nicht verallgemeinert werden dürfen, verschließen davor viele die Augen. „Die Mütter und Frauen müssen“, betont Heinemann „mit in das Projekt integriert werden. Mütter sind die Keimzelle der Familie und so Boden jeglicher gesellschaftlicher Veränderung.“

Angst, all diese Anstrengungen nicht zu stemmen, habe sie nicht, denn schon 2001 schaffte sie es, in ihrem Geburtsort Prizren ein solches Haus zu bauen. In der ersten Zeit wird sie auch in Skopje vor Ort sein, „um zu begleiten, nicht um zu kontrollieren“, wie die Wahlwasserburgerin betont. „Man weiß ja sonst nie, wo genau bei Funktionären das eingesammelte Geld hingeht.“

Im Klappentext des Buches heißt es: „Mit ihrer Dokumentation leistet sie zugleich einen eigenen Beitrag zum besseren gegenseitigen Verständnis von Minderheit und Mehrheitsgesellschaft und ihrer Versöhnung.“ Und nicht nur mit dem Buch schafft sie das, auch mit ihren humanitären Projekten und ihrem künstlerischen Tun.

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