Wie Paare ihre Beziehung vor dem Lagerkoller schützen, verrät eine Wasserburger Therapeutin 

Beziehungen in Corona-Zeiten haben es schwer: Paare können sich nicht aus dem Weg gehen, existenzielle Sorgen kommen oft noch dazu. dpa
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Beziehungen in Corona-Zeiten haben es schwer: Paare können sich nicht aus dem Weg gehen, existenzielle Sorgen kommen oft noch dazu. dpa
  • Heike Duczek
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Zweisamkeit im Home Office, Partnerschaft auf engstem Raum: Die Corona-Krise ist eine Herausforderung für Beziehungen. Was Paare tun können, damit Streit nicht eskaliert und welche Rolle dabei ein Sandwich spielt, erläutert Andrea Tretner (49), systemische Paar- und Sexualtherapeutin.

Paartherapeutin Andrea Tretner rät: die neue Zweisamkeit als Chance nutzen, sich wieder näher zu kommen.

Wasserburg – Was bedeutet es für die Zweisamkeit, wenn Home Office und Partnerschaft auf engstem Raum gelebt werden? Vielen fällt schon jetzt – nach drei Wochen Ausgangsbeschränkung – die Decke auf den Kopf. Unterdrückte Konflikte kommen hoch. Die neue Nähe tut nicht immer gut. Andrea Tretner (49), systemische Paar- und Sexualtherapeutin, mit Praxisschwerpunkt im Wasserburger Land, erklärt, was Paare tun können, um die Corona-Krise gut zu überstehen oder sogar ihre Liebe aufzufrischen.

Welche Auswirkungen haben die Ausgangsbeschränkungen und Kontaktsperren und das damit verbundene vermehrte zu Hause Sein auf Partnerschaften?

Unterschiedliche, denke ich. Es gibt Paare, die können ganz wunderbar diese Zeit für sich nutzen, die freuen sich sogar, jetzt zu zweit sein. Und es gibt Partnerschaften, bei denen sich diese Zwangssituation konfliktreicher gestaltet, weil sie Konflikte hervorbringt, die auf Eis gelegt waren. Hier können die Partner aber durchaus ein wenig gegensteuern.

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Wie könnte das funktionieren?

Zuerst einmal ist bei schon länger vorhandenen Konflikten die Gefahr, dass man nicht mehr miteinander streitet, sondern miteinander kämpft.

Was ist hier der Unterschied?

Beim Kämpfen geht es um das Gewinnen. Es geht darum, mich dem anderen überlegen zu machen. Beim Streiten – davon bin ich ein großer Anhänger – geht es darum, meinem Gegenüber meine Position zu erklären, meine Bedürfnisse zu erläutern, mich das auch zu trauen. Ich darf darüber sprechen, welche Bedürfnisse ich habe. Wenn ich in Ich-Botschaften spreche, zeige ich mich dem anderen. Das kann durchaus etwas engagiert passieren, sind doch Gefühle im Spiel und die Zeiten sind nicht gerade die einfachsten. Aber wie soll denn der andere sonst wissen, was in mir vorgeht? Das zu wissen, ist aber enorm wichtig, um zusammen zu einem Konsens bei einem Konfliktthema zu kommen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ein älteres Ehepaar hat einen Konflikt, weil der Mann nicht verstehen kann, dass seine Frau immer noch jeden Tag mit dem Fahrrad zum Einkaufen fährt. Er findet, es reicht, wenn sie beide alle zwei Wochen in den Supermarkt gehen würden. Der Konflikt eskaliert, weil sie sich bevormundet fühlt und gerne die Dinge so machen möchte, wie sie will. Im Gespräch aber stellte sich heraus, dass sich der Mann große Sorgen um die Gesundheit seiner Frau macht und sie wiederum braucht sozusagen diesen Freiraum „Einkauf“, um aus dem Haus zu kommen, weil ihr die sozialen Kontakte fehlen. Die Gründe ihres Verhaltens hatten beide voreinander nicht kommuniziert. Jetzt aber, nachdem beide die Gründe voneinander wissen, ist ein Verhandeln der Situation möglich.

So ein Lagerkoller kann also durch Kommunikation vermieden werden?

Nähe und Distanz müssen neu geregelt werden. War man es früher zum Beispiel gewohnt, dass er oder sie frühmorgens außer Haus geht und erst abends wieder kam, so ist man in der Situation mit Ausgangsbeschränkung damit konfrontiert, dass die meiste Zeit zusammen im Haus oder in der Wohnung verbracht werden muss. Macht einer oder machen beide Home Office, ist der Ruhebedarf des anderen zu beachten, damit einigermaßen effektiv gearbeitet werden kann. Sind Kinder mit im Haus, gestaltet sich das noch ein wenig anspruchsvoller. Eine für das Paar oder die Familie passende Struktur muss gefunden werden. Und diese Struktur muss auch immer wieder verhandelt werden, bis sie passt. Das geht nicht von heute auf morgen, da kann es durchaus knirschen im Gebälk. Das ganze Leben ist auf ein paar Quadratmeter geschrumpft und das bei unserem heutigen Bedürfnis nach Freiheit und Individualität.

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Ist zu viel Nähe also doch schlecht für Partnerschaft und fördert nur Konflikte? Ist Nähe der Liebeskiller Nummer eins?

Man darf die Intimität, die in solch einem Zusammensein gezeigt wird, tatsächlich nicht unterschätzen. Das Gegenüber wird ja gerade sehr transparent. Oft weiß man gar nicht, wie sich der andere mit seinen Arbeitskollegen unterhält, was für einen Arbeitsrhythmus er hat. Da tritt im Home Office schon einiges zutage – man kriegt alles mit.

Darf man denn da etwas kritisieren?

Kritisieren ja, mit meckern würde ich mich etwas zurückhalten. Kritisieren geht ins Konstruktive, in Richtung Veränderung. Ich, als derjenige, der hier etwas anzumerken hat, möchte ja das Zusammenleben für alle besser erträglich machen und nicht nur meinen Frust abbauen. Wichtig ist hier, die sogenannte Sandwich-Methode anzuwenden. Das heißt, jede Kritik wird in zwei positive Aspekte verpackt. Überhaupt lohnt es sich durchaus, die positiven Seiten meines Partners einmal aufzuschreiben. Wenn es dann einmal ein wenig hakt, kann so eine Liste mitunter deeskalierend bis beruhigend wirken.

Welche Chancen hat das enge Zusammensein?

Durchaus einige. Viele meiner Klienten haben zu wenig Zeit für Beziehung, deshalb sitzen sie dann irgendwann in der Beratung. Jetzt höre ich von einigen, wie schön es für sie sei, mehr Zeit miteinander zu teilen. Zusammen zu kochen, Sport zu machen, Projekte im Haus oder in der Wohnung zusammen anzugehen, wie zum Beispiel den Gartenschuppen zu ordnen. Paare die zusammen im Home Office arbeiten, bauen sich Rituale ein wie den Nachmittagskaffee, den sie sonst mit den Kollegen hatten. Auch wächst das Bedürfnis nach körperlicher Nähe, die Sexualität erwacht bei vielen wieder. Ich würde sagen, das sind alles sehr gute Entwicklungsmöglichkeiten – und Sexualität ist auch noch gesund.

Was machen Paare falsch, die das nicht so harmonisch hinbekommen?

Falsch macht hier erst mal niemand etwas. Jedes Paar hat unterschiedliche Voraussetzungen im Außen- und auch im Beziehungsgeschehen an sich. Da sind die Ressourcen eines jeden Paares anders. Klar ist natürlich, dass ein Paar in einer finanziell angespannten, bis hin zu einer existenziell bedrohlichen Situation andere Gedanken und Verhaltensweisen aufweisen kann als in gesicherten Verhältnissen. Auch eine räumliche Großzügigkeit verhindert oft Konflikte, weil mehr Rückzugsmöglichkeiten vorhanden sind.

Wird es neben mehr Corona-Babys auch mehr Corona-Scheidungen geben?

Was die Babys angeht, wäre das natürlich schön. Bei den Trennungen würde ich sagen, sicherlich wird es da eine Tendenz geben, dies erst einmal als Lösung anzusehen – was verständlich ist, denn vielen Familien wird die Pandemie existenziell sehr zusetzen. Und in solch zugespitzten Konflikten ist Trennung oder Scheidung oft ein schnell gesagter Wunsch, weil man für das Problem ansonsten keine andere Lösung parat hat. Manchmal aber zeigt sich in solchen Krisensituationen etwas, was schon vor längerer Zeit hätte getan werden müssen. Und es gibt auch Paare, die genau vor dem Hintergrund solch einer schweren Situation näher zusammenrücken und wieder ein Gemeinschaftsgefühl entwickeln.

Wenn miteinander reden nicht mehr geht, was kann man machen?

Ich habe gute Erfahrungen in meiner Praxis mit dem Schreiben von Briefen an den Partner. Wenn man sprachlos wird, jedes Gespräch gleich eskaliert, dann kann es manchmal sinnvoll sein, sich gegenseitig einen Brief zu schreiben, den dann jeder alleine lesen kann. Auch ist es sinnvoll, Streitigkeiten, wenn sie zu heftig werden, erst einmal zu unterbrechen und die klassische Runde um den Block zu drehen.

Natürlich sollte man sich zuvor noch zu einem Gespräch verabreden – am nächsten Tag, in zwei Stunden, wie auch immer. Diese Verabredung ist wichtig. Oft hat ein Partner das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, sogar das Gefühl in diesem Moment verlassen zu werden. Mit dieser Verabredung aber bekommt der eine seine Luft, der andere seine Verbindlichkeit.

Interview: Heike Duczek

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