Kriegsende vor 75 Jahren: Tiefflieger schießen in Haag auf Mutter und Kind

Dr. Längst (Mitte) im Lazarett, früher Institut der Englischen Fräulein, heute Realschule.

Historisch interessante Einblicke in das Kriegsende in Haag vermittelt das Tagebuch der Klosterschwester Iduberga vom Englischen Institut. Sie berichtet von Fliegerangriffen,dem Lazarettort Haag und Bohnenkaffee.

Von Ludwig Meindl

Haag– Haag geriet im Krieg oft ins Visier der Angreifer, da der Schlossturm den Kampffliegern als Orientierungspunkt diente.

Die ersten Beeinträchtigungen zeichnete Schwester Iduberga für die Schule auf: Der Unterricht musste wegen des Fliegeralarms immer wieder abgebrochen werden. In einer Woche kamen nur noch fünf Stunden zusammen. Als das Eintreffen der Amerikaner bevorstand, wurde der Unterricht eingestellt.

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Einer der ersten Fliegerangriffe galt dem Anwesen Hambeck in Kogl. Tiefflieger schossen durch zwei Fenster in die Stube und durch die Türe in den Stall. „Zwei Ochsen und zwei Milchkühe gingen zugrunde“, schreibt das Englische Fräulein.

Eine Mutter befand sich mit Tochter auf dem Heimweg von der Drax-Mühle, als zwei Flieger bis auf 20 Meter herunterstießen, um sie unter Beschuss zu nehmen. Alles ging so schnell, dass sich die beiden nicht einmal mehr auf den Boden werfen konnten. Die Geschoßgarben trafen Leiterwagen und Sack mit 80 Einschüssen, die beiden kamen mit heiler Haut davon.

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Haag war aufgrund seiner Lage Durchgangsort. Tag und Nacht passierten Diplomaten mit ihren Wägen das Zentrum und marschierten Flüchtige. Schuhmacher Spitzauer in der Hauptstraße hisste schon die blau-weiße Fahne. Kurz darauf erhielt er Besuch von einem SS-Major, der sie herausforderte und auf der Stelle verbrennen ließ. 16-Jährige wurden noch zum letzten Aufgebot gemustert, als der Amerikaner heranrückte.

Das veranlasste die Bürger, Wäsche, Lebensmittel, Schmuck und Geschirr im Garten zu vergraben. Die aus München ausgelagerte Firma „Knagge & Beitz“, zum Rüstungsbetrieb für Uniformen umfunktioniert, warf Mäntel und Uniformen „in unermesslichen Mengen“ aus dem Fenster. Die Leute von Haag und weitum „schleppten sie bündelweise fort“.

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Anfang Mai rollten die ersten Panzer der Alliierten vom Dietzmanninger Berg und fuhren in Haag ein. An der Bahnhofsrestauration, heute „Casa Tropea“ von Emilio, hielt ein Evakuierter zum Unterwerfungsgruß ein weißes Taschentuch hoch, das er an einen Besenstil gebunden hatte. Haag war als Lazarettort gekennzeichnet. Drei übergroße rote Kreuze waren beim Bahnhof, heute Post, auf dem Hügel gegenüber dem Friedhof und in Lerchenberg aufgemalt.

Dr. Längst und Dr. Deuflhart operierten im Lazarett, der heutigen Realschule. Die Amerikaner marschierten nach der Be-schreibung von Mater Iduberga äußerst unfreundlich mit gezogenen Pistolen ein: „Mancher deutsche Soldat musste hier noch dran glauben. Da schrie einer jämmerlich um Hilfe. Er hatte einen Bauchschuss und blutete stark.“ Weitere hatten einen Oberschenkel- und Lungenschuss und wurden von den Sanitätern des Lazaretts versorgt.

Aus dem Lagerhaus trieben die Amerikaner die Mitarbeiter. Alle Haager Gefangenen, ungefähr 150 Mann, wurden auf die Wiese am Schachenwald zusammengeführt, wo sie bei Schnee und Kälte zwei Stunden mit erhobenen Händen stehen mussten.

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SS-Leute hielten sich noch im Sägewerk Kern verschanzt. Ein schwerer Munitionswagen mit Anhänger wurde am Kierner-Haus in der Kirchdorfer Straße be-schossen. Er brannte und „beherzte Männer“ lösten noch den Anhänger. Die Explosion blieb aus.Die Gewehre der deutschen Soldaten wurden an den Gehsteig des Kierner-Hauses (heute Friseursalon Czepan) gelegt. Dann fuhr ein amerikanischer Panzer darüber. „Knacks … knacks“ notierte Schwester Iduberga, die sich mit ihren Kolleginnen im Institut auch über einen Vorteil freuen durfte: die Amerikaner hatten ihnen Bohnenkaffee geschenkt.

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