Der Klang der genagelten Stiefel

Leon Weintraub ist ein Überlebender des Holocausts und Zeitzeuge eines der dunkelsten Kapitel der Weltgeschichte. Fotos Salzeder(2)/Widmann
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Leon Weintraub ist ein Überlebender des Holocausts und Zeitzeuge eines der dunkelsten Kapitel der Weltgeschichte. Fotos Salzeder(2)/Widmann

Leon Weintraub ist ein Überlebender des Holocausts und damit Zeitzeuge eines der dunkelsten Kapitel der Weltgeschichte. Seine Reise gegen das Vergessen führte den gebürtigen Polen jetzt nach Wasserburg.

In der Aula des Gymnasiums erzählte der aus einer jüdischen Familie stammende Weintraub vor den Schülerinnen und Schülern seine Geschichte.

Wasserburg - Leon Weintraub ist ein schmaler kleiner Mann. Wenn man ihn sieht, mag man es kaum glauben, dass er den Entbehrungen und Leiden der Nazi-Zeit getrotzt hat. Er spricht mit leiser Stimme von dem, was eigentlich nicht sein darf aber trotzdem geschehen ist - und was Leon Weintraub als "die dunkle Zeit der Weltgeschichte bezeichnet". Die Schülerinnen und Schüler lauschten knapp zwei Stunden gespannt und zeigten sich von den anschaulichen und genauen Beschreibungen der Lebens- und Zeitumstände beeindruckt.

Aufgewachsen im

polnischen Lodz

Leon Weintraub wurde 1926 im polnischen Lodz geboren, ein Jahr darauf verstarb sein Vater und so wuchs Leon Weintraub mit seinen vier Schwestern und der Mutter auf. Mit gerade einmal 13 Jahren musste Leon Weintraub miterleben, wie die deutsche Wehrmacht in seine Heimatstadt einmarschierte. "Der Klang der genagelten Stiefel der Soldaten jagt mir heute noch einen Schauer über den Rücken", erzählt der 89-Jährige. In den folgenden Jahren erlebte er die Not im Ghetto seiner in Litzmannstadt umbenannten Heimatstadt. "Auf knapp drei Quadratkilometern waren etwa 200000 Menschen untergebracht", erzählt er. Als die Versorgung der Bewohner schwieriger wurde, seien viele "Nichtnutzer" - wie Kinder, Frauen und ältere Menschen - abtransportiert worden. "Quasi über Nacht war ein Drittel der Ghetto-Bevölkerung verschwunden". Der Großteil von ihnen wurde im Lager Kulmhof ermordet.

1944 kam Leon Weintraub dann ins Konzentrationslager nach Auschwitz-Birkenau. Zwei Tage lang dauerte die Zugreise. "Eingepfercht in einen Viehwagen", erinnert sich Leon Weintraub. Es sollte nicht die einzige Demütigung bleiben. Die Haare wurden abrasiert, alle persönlichen Gegenstände beschlagnahmt. Das Lager war eingetaucht in schwarze Rauchwolken. "Der Geruch von verbranntem Fleisch lag ständig in der Luft", erzählt Weintraub. Brannte sich ein in Haare und Kleidung. Groß-Rosen, Natzweiler/Strutthof - dem Aufenthalt in Auschwitz-Birkenau schloss sich eine Odyssee durch weitere Konzentrations- und Arbeitslager an. Per Bahntransport ging es am 21. April 1945 schließlich Richtung Bodensee, doch wurde der Zug unterwegs in der Nähe Donaueschingens bombardiert und kurze Zeit danach diese Gegend von französischen Truppen befreit. Mit gerade noch 35 Kilogramm Körpergewicht und einer schweren Typhuserkrankung erlebte Weintraub seine Befreiung. Nach seiner Genesung hatte er das Glück, überlebende Verwandte zu finden. Obwohl er bisher nur die sechsjährige Grundschule in Polen absolviert hatte, bestand er nach dreimonatiger Vorbereitung das deutsche Abitur, um sein bereits zuvor begonnenes Medizinstudium abschließen zu können. 1950 kehrte er nach Polen zurück, um dort als Arzt zu arbeiten. Als er im Zuge einer antisemitisch-antiisraelischen Kampagne der kommunistischen Partei seine Arbeit verlor, emigrierte er 1969 mit seiner Familie nach Schweden.

Der 89-Jährige präsentierte sich seinen jungen Zuhörern als bewunderungswürdiger Mensch, der trotz seiner grauenvollen Erlebnisse Kraft bewahrt und in ein gutes Leben zurückgefunden hat. Am Ende appellierte Weintraub an die Schüler: "Als Nachfahren der Täter seid ihr völlig unschuldig. Vom Wissen darüber kann ich euch jedoch nicht befreien. Ich hoffe, dass ihr alles tut, um Hass und Rassismus zu verhindern!"

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