In Kirchdorf bei Haag stand einst das älteste „Heiliges Grab“ der Region

Das Heilige Grab von Niederhaslach in der Collégiale Saint-Florent im Elsaß dient der Veranschaulichung, wie Heilige Gräber aufgebaut sind. Es stammt aus dem 14. Jahrhundert. Auf dem Steinsarg sind an der Längsseite die Wächter abgebildet.

Nein, ein Hochgrab für den Grafen Konrad II. von Haag, der um 1383 starb, war das nicht. Heimatforscher Ferdinand Steffan hat sich die Fragmente eines Steinreliefs aus Kirchdorf, die seit 1884 im Bayerischen Nationalmuseum lagern, genauer angeschaut. Für ihn ist klar: Für das Grab eines Adeligen waren die Platten zu klein. Er ist überzeugt, dass es sich um die Überreste eines „Heiligen Grabes“ handelt - und zwar des Ältesten in der Region.

Von Ferdinand Steffan

Kirchdorf – Das älteste „Heilige Grab“ in der Region befand sich in Kirchdorf bei Haag. Teile des gotischen Reliefs sind heute im Bayerischen Nationalmuseum untergebracht – im Depot, wie der Heimatforscher Ferdinand Steffan herausgefunden hat. Es handelt sich um Fragmente eines Grabmals aus der „Begräbniskapelle der Grafen von Haag in Kirchdorf“, wie Kunsthistoriker Berthold Riehl um 1903 in „Geschichte der Stein- und Holzplastik in Oberbayern vom 12. bis zum 15. Jahrhundert“ festhielt. Er beschreibt die Darstellung von sechs kauernden und schlafenden Wächtern in Rüstung. Geschickt und verschiedenartig behandelt. Sein Schluss: Diese spärlichen Reste entstammen einer „offenbar sehr tüchtigen Arbeit“.

Heimatforscher Ferdinand Steffan

Heimatforscher Steffan: „Die ursprüngliche Fassung ist bis auf wenige Spuren schwarzer und roter Farbe verblasst, Teile der Gliedmaßen der Wächter sind abgeschlagen, die Waffen sind zum Teil abgebrochen, die Rahmung an den Kanten verletzt und die einst aus dem Kalksandstein kunstvoll herausgemeißelten Details der Figuren sind durch die Witterung verwaschen“, so Steffan. Diese Fragmente von vier Reliefs seien das seltene und einzige Beispiel eines gotischen Heiligen Grabes in der Region.

Liturgisches Geschehen dargestellt

Seit Jahrhunderten sei es das Bestreben der Kirche, die Heilsgeschehnisse ihren Gläubigen nicht nur verbal, sondern auch visuell zu vermitteln. Mag dies zunächst in Form der „Biblia pauperum“ (Heiligenbibel) geschehen sein, wobei die wichtigsten Szenen des Neuen und Alten Testaments in Fresken an den Kirchenwänden einander gegenübergestellt wurden, so folgten bald auch figürliche Darstellungen der Passion vom Ölberg bis zur Grablegung.

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Da sich das liturgische Geschehen jedoch größtenteils innerhalb der Kirchenräume abspielte, brauchte man auch dafür szenische Darstellungen, die zuletzt in kulissenartigen Aufbauten im barocken „Theatrum sacrum“ gipfelten, die den ganzen Altarraum füllten.

Ära der Aufklärung

Kein Wunder, dass im Zuge der Aufklärung am Ende des 18. Jahrhunderts diese Form der Vergegenwärtigung verboten wurde und viele künstlerisch wertvolle Heilige Gräber vernichtet wurden.

Das „Schauverlangen“ der Gläubigen aber blieb ungebrochen, sodass am Ende des 19. Jahrhunderts neue Heilige Gräber angeschafft und gestaltet wurden. Nach einer Zeit der Ablehnung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfreuen sich die Heiligen Gräber heute wieder großer Beliebtheit und die Pfarrgemeinden wetteifern hinsichtlich deren Ausgestaltung.

Sechs Grabwächter auf Sandstein

Im Jahre 1884 erwarb das Bayerische Nationalmuseum in München vier Sandsteinplatten mit den Darstellungen von den sechs Grabwächtern aus Kirchdorf. Laut Historiker Rudolf Münch sollen sie sich einmal „in der Begräbniskapelle der Haager Grafen im Friedhof“ befunden haben und dort im 19. Jahrhundert abgebrochen worden sein.

„Die Geschichte dieser Reliefs lässt sich jedoch ein gutes Stück weiter zurückverfolgen. Es gibt nämlich ein Schreiben des Historischen Vereins von und für Oberbayern vom 6. April 1840 an den Wasserburger Stadtschreiber Joseph Heiserer, worin der Verein sich bedankt“, wie Ferdinand Steffan recherchiert hat.

„Durch das königliche Landgericht Haag haben wir das Schreiben und die Zeichnung erhalten, welche Euer Wohlgeboren demselben unter dem 25. Sept. v(origen) J(ahre)s über die Steine an der Friedhofmauer zu Kirchdorf mitgeteilt haben“. Danach hat Heiserer eine Wandabwicklung der Tumba (Hochgrab) samt den genauen Maßen festgehalten, wobei die Deckplatte, eine Schmalseite und ein Feld der Längsseite damals schon gefehlt haben.

Zu klein für Hochgrab eines Adeligen

Die lokale Geschichtsforschung habe diese leider stark beschädigten Platten, die bereits vor Heiserer wohl längere Zeit ungeschützt an der Friedhofsmauer aufgereiht waren trotz der Hinweise auf die genannten Parallelen im Katalog des Nationalmuseums von 1924 als Reste des Hochgrabes eines Haager Grafen um 1380 interpretiert. Missinterpretiert, so Steffan.

Maßangaben von Heiserer

„Philipp M. Halm und Georg Lill haben 1924 als beste Kenner der gotischen Bildwerke Oberbayerns diese Fragmente als Heiliges Grab bezeichnet. Zudem gibt es durch die bislang unbekannt gebliebene Zeichnung Heiserers mit ihren Maßangaben neue Hinweise für die Richtigkeit ihrer Bestimmung“, sagt Ferdinand Steffan.

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Demnach misst die Schmalseite etwa 70 Zentimeter, während die Längsseite mit drei Feldern rund 104 Zentimeter lang ist. Erstaunlich sei, dass die Platten je nach Erhaltungszustand nur zwischen 45 und 50 Zentimeter hoch sind. „Damit wäre die Tumba für das Hochgrab eines Adeligen viel zu kurz und zu niedrig. Würde man davon ausgehen, dass auf der Deckplatte der Verstorbene etwa in Lebensgröße dargestellt war, müsste das Hochgrab etwa zwei Meter lang gewesen sein und hätte die Proportionen gegenüber der erhaltenen Schmalseite völlig verzerrt“, resümiert Steffan weiter.

Schlafende Wächter Zeichen für Heiliges Grab

In der Regel zieren Wappenschilde die Seiten adeliger Hochgräber, um Würde und Ansehen des Verstorbenen und seiner Sippe hervorzuheben. „Gepanzerte Männer in gedrückten Stellungen“, wie sie in einer Beschreibung von 1884 genannt werden, sind dagegen typisch für Heilige Gräber, wie zahlreiche Beispiele belegen. Letztlich finden sich die schlafenden Wächter immer noch auf den Kulissen der Heiligen Gräber des 19./20. Jahrhunderts.

Dazu kommt noch, dass Heiserer neben der Tumba mit den Wächtern eine etwa 58 mal 35 Zentimeter große Platte mit der Grablegung Jesu wiedergegeben hat. Diese Darstellung könnte stilistisch zwar etwas jünger als die Wächterplatten sein, weist aber auf dieselbe Thematik hin.

Fehlende Platten

Eine unmittelbare Zusammengehörigkeit mit der Tumba dürfte laut Ferdinand Steffan jedoch nicht bestehen. Diese „Grablegung“ wird im Katalog des Nationalmuseums nicht aufgeführt, scheint also beim Transport 1884 ebenso wenig vorhanden gewesen zu sein wie zwei Köpfe, die Heiserer unterhalb der Säulen zwischen den Feldern eingezeichnet hat – sie könnten die Köpfe von den zwei fehlenden Wächterplatten sein.

Auch wenn sich damit die Interpretation als „Hochgrab des Grafen Konrad II.“, der um 1383 starb, zerschlagen habe, bleiben die Fragmente ein „seltenes und vorzügliches Zeugnis mittelalterlicher Kunst in der Grafschaft Haag“, so seien sie doch die Reste des bislang ältesten bekannten Heiligen Grabes in der Region.

„Vermutlich hatte die frei stehende Steinkiste mit ihren hockenden Wächtern, die schlafen oder sich mit ihren Waffen beschäftigen, eine Deckplatte, auf welcher der Leichnam Jesu lag. Eine trauernde Figurengruppe, die an der Längsseite des Grabes stand, wie man es von Straßburg oder Schwäbisch Gmünd kennt, ist vorauszusetzen, jedoch nicht mehr erhalten. Da die Tumba freistehend war, könnten die Trauernden auch erhöht an der Wand dahinter angebracht gewesen sein“, überlegt Steffan.

Ein weiteres Rätsel

Rätselhaft bleibt auch der ursprüngliche Aufstellungsort des Heiligen Grabes in Kirchdorf. Die „Statistische Beschreibung des Erzbisthums München-Freising“ von 1884 und die „Kunstdenkmale des Königreiches Bayern“ von 1902 erwähnen eine dem Heiligen Michael geweihte sogenannte Doppelkapelle auf dem Friedhof, „die vor einiger Zeit abgetragen wurde“.

Riehl schrieb 1903 von einer „Begräbniskapelle der Grafen von Haag in Kirchdorf“, was in dieser Form dann in den Katalog des Nationalmuseums von 1924 übernommen wurde und laut Ferdinand Steffan fortan ungeprüft tradiert wird.

Dabei gelte (nach Rudolf Münch) seit 1406 die Krypta der Kirche als Erbgrablege der Haager Grafen, sodass es keiner gesonderten Kapelle bedurft hätte.

Die Bezeichnung als Doppelkapelle und das Patrozinium des Heiligen Michael erinnern stark an die Doppelkapelle in Wasserburg, die ebenfalls in der Oberkirche den Seelenwäger Michael als Patron und in der Unterkirche die Funktion eines Karners (Beinhauses) hatte.

Unter der Kapelle eine Krypta mit Beinhaus

Tatsächlich finde sich in der Pfarrbeschreibung von Kirchdorf aus dem Jahre 1740 die Angabe, dass „unter dieser Kapelle eine Krypta und darin ein Beinhaus ist“, erklärt Steffan. Die Flurkarte von 1812 zeigt nordöstlich des Chores der Pfarrkirche einen Kapellenbau von unregelmäßigem Grundriss. Da die Kapelle auf der Revisionszeichnung von 1855 noch vermerkt ist, können die Reliefs nicht bei einem Abbruch dieser Kapelle freigeworden sein, nachdem sie Heiserer bereits 1839/40 an der Friedhofsmauer aufgereiht gesehen hatte. Die Kapelle müsste vor 1840 angerissen worden sein. Möglicherweise ist sie noch in einem Urkataster eingezeichnet.

„Für mich ist es schlüssig, anzunehmen, dass das Heilige Grab zur ursprünglichen Einrichtung der Pfarrkirche gehörte und vermutlich bereits bei der Barockisierung oder einer anderen Umgestaltung aus einer der Seitenkapellen entfernt wurde“, lauten Steffans Überlegungen.

Zusatzinfo: Zwei Typen von heiligen Gräbern:

Man kann zwei Typen der Heiligen Gräber (Kenotaphe Christi, also Scheingräber) unterscheiden: Solche, die in die liturgischen Handlungen einbezogen wurden, aus Holz gefertigt und mobil waren und nur für kurze Zeit aufgestellt wurden. Und solche, die dauerhaft in den Kirchen standen und in der Regel aus Stein gemeißelt waren. Als Beispiel des ersten Typus kann auf ein aufklappbares Heiliges Grab aus Holz im Dom von Erfurt verwiesen werden, bei dem die Innenseite des Deckels mit den trauernden Frauen am Grab bemalt ist, während die Vorderfront des Kastens die schlafenden Wächtern zeigt. Bei der Karfreitagsliturgie konnte ein geschnitzter Leichnam Jesu in dieses Heilige Grab in Truhenform gelegt werden. Für den zweiten Typ mit meist lebensgroßen Figuren lassen sich zahlreiche Beispiele in Kapellen großer Kirchen finden, zum Beispiel die Heiligen Gräber des Straßburger Münsters (um 1340), des Heiligen-Kreuz-Münsters in Schwäbisch Gmünd (um 1350), des Münsters zu Freiburg im Breisgau (um 1330/40) und der Kirche in Hagenau im Elsass (um 1350/60) – um nur einige Beispiele zu nennen. Immer sitzen Wächter, sogenannte „laufende Knechte“ oder bewaffnete Stadtknechte in ihrer zeittypischen Rüstung und mit entsprechenden Waffen, an den Wänden dieser Tumben (Hochgräber).

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