„Kie-Witt“ heißt danke: Wie Obinger Landwirte den Kiebitz schützen

Schutzbedürftige kleine Wesen: die Pullis. (3) Bernd Zörner

„Kie-Witt“: So sagt der Kiebitz Danke – dafür, dass ihn Landwirte wie Johann Gmaindl und Martin Ballauf aus Obing schützen. Mit Erfolg, wie eine Aktion im Landkreis Traunstein zeigt.

Obing/Traunstein – 30 Nester mit jeweils drei bis vier Eiern wurden im vergangenen Jahr gerettet – eine Chance für den bedrohten Vogel. Stellvertretend für den Kiebitz sagten jetzt Bettina Gschlößl vom Landschaftspflegeverband und Sachgebietsleiter Manfred Mertl von der Unteren Naturschutzbehörde Traunstein danke. Sie überreichten Landwirten aus Obing eine sogenannte „Nestprämie“ für ihr Engagement im Rahmen des Bayern-Netz-Natur-Projekts „Netzwerke für den Kiebitz“. Die freiwillige Honorierung in Höhe von 50 Euro wird jeweils zur Hälfte von den Gemeinden und der Unteren Naturschutzbehörde finanziert.

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„Wir machen das auch so“, sagte Johann Gmaindl und verzichtete auf seine Nestprämie. Auch Manfred Mertl nutzte die Übergabe vielmehr als gute Gelegenheit, einmal den Fokus auf die vielen Landwirte zu richten, „die auf die Natur schauen und sich Zeit für Schutzprojekte nehmen“. Dieser sorgsame Umgang sei notwendig – und müsse in der Öffentlichkeit auch bekannt gegeben werden. Der Kiebitz sei nur ein Beispiel für viele Schutzmaßnahmen, die Landwirte durchführen würden.

Damit Nester nicht zerstört werden

Die Population dieses früheren „Allerweltsvogels“ ist in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen, bedauerten Landschaftspfleger und Behördenvertreter. Die ursprünglichen Lebensräume des Kiebitzes würden immer weniger. Feuchte, spät gemähte Wiesen seien heutzutage meistens entwässert und zu Äckern umgebrochen. Der heimische Wiesenvogel müsse deshalb auf landwirtschaftlich genutzten Flächen ausweichen. Gefahren lauern durch Fressfeinde und bei der Nahrungssuche, vor allem wenn mit der Bearbeitung der Felder begonnen wird. Bei der maschinellen Bewirtschaftung werden häufig die Nester zerstört oder die Küken kommen zu Tode, berichteten die Vertreter des Landschaftspflegeverbandes und der Naturschutzbehörde.

Um die lokalen Kiebitz-Bestände zu sichern, wurde deshalb das landkreisübergreifende Projekt „Netzwerke für den Kiebitz“ ins Leben gerufen, das eine enge Zusammenarbeit mit den Landwirten voraussetzt.

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Wie beispielsweise im Obinger Ortsteil Honau. Vor der Maissaat haben die Bauern hier die Gelege der Bodenbrüter auf den noch nicht bearbeiteten Äckern gesucht und das Brutgebiet gesichert. Damit die Vögel in Ruhe brüten konnten, markierten die Landwirte etwa 100 Quadratmeter große Bereiche, um sie bei der landwirtschaftlichen Bearbeitung umfahren zu können. Landkreisweit konnten so insgesamt 30 Nester mit jeweils drei bis vier Eiern aktiv geschützt werden, teilen die Behörden mit.

Nach dem Schlüpfen brauchen die Jungen, die dann auf der Suche nach Nahrung mit den Altvögeln umher wandern, weiterhin den Schutz der Landwirte. Durch eine naturschonende Mahd von innen nach außen bleibt den Küken die Chance zur Flucht.

Nach rund vier Wochen können die „Pullis“ fliegen und mit der Kiebitz-Schar in Richtung Süden ziehen, um im kommenden Jahr zurückzukehren und von Neuem den Frühling anzukündigen. Kiebitze sind nämlich absolut standorttreu – eine große Chance auf Rückkehrer.

Das sind die Feinde des Kiebitzes – das hilft dem bedrohten Vogel

Früher war der Kiebitz überall zu finden, er war sozusagen eine „Allerweltsart“. In den vergangenen 30 Jahren ist sein Bestand jedoch sowohl bayern- als auch deutschlandweit um über 80 Prozent zurückgegangen. Aktuell leben nur noch etwa 250 der im Voralpengebiet vom Aussterben bedrohten Vögel im Landkreis Rosenheim und Traunstein.

Eine große Rolle bei der Rettung spielen Landwirte. Zur Information und zum Erfahrungsaustausch nahmen viele von ihnen an drei Kiebitzabenden in Rettenbach (Pfaffing), Rieden (Soyen) und Staudham (Wasserburg) teil. Sie folgten der Einladung von Margit Böhm, der zuständigen Fachfrau der unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt Rosenheim. Gemeinsam mit den ehrenamtlichen Kiebitzbetreuern berichtete Böhm über die Ergebnisse ihrer Arbeit in den Gemeinden Albaching, Amerang, Babensham, Edling, Eiselfing, Pfaffing, Rechtmehring, Schechen, Tuntenhausen, Soyen, und der Stadt Wasserburg.

Im Frühjahr 2019 startete das BayernNetzNatur-Projekt „Netzwerke für den Kiebitz“. Es erstreckt sich über die drei Landkreise Rosenheim, Altötting und Traunstein. Übergeordnetes Ziel ist es, stabile Kiebitzbestände aufzubauen und zu erhalten.

Für jeden Landkreis gibt es eine Projektbetreuerin. Im Landkreis Rosenheim ist Margit Böhm für den Aufbau und die Betreuung eines Netzwerkes aus 15 ehrenamtlichen Wiesenbrüterberatern verantwortlich.

Die größten Feinde: der Mensch und nachtaktive Tiere

Das Bayerischen Landesamtes für Umweltschutz wird 2019 und 2020 außerdem eine Evaluierung des Bruterfolges in sieben Kiebitzgebieten in Bayern durchführen.

Im Landkreis Rosenheim untersuchte das Planungsbüro Niederlöhner aus Wasserburg 2019 sechs der 62 von der unteren Naturschutzbehörde betreuten Gebiete genauer.

Teilweise gab es hier gute Bruterfolge. In den meisten Gebieten ist die Anzahl der Küken jedoch nicht groß genug. Die Kiebitze werden zwar über 20 Jahre alt, wenn aber nicht 0,8 Jungvögel pro Brutpaar und Jahr flügge werden, ist der Fortbestand der Population nicht gesichert, so Böhm.

Gründe für den zu geringen Bruterfolg sind nach ihren Angaben vor allem Störungen durch Menschen und freilaufende Hunde, nachtaktive Tiere (Prädatoren), die Bewirtschaftung der Flächen und das Klima. Wissenschaftliche Untersuchungen ergaben, dass nachtaktive Tiere wie Fuchs, Dachs, Marder und Igel für etwa 70 Prozent der geleerten Gelege verantwortlich sind. In einigen Gebieten mit starken Verlusten sollen daher Elektrozäunen errichtet werden. Auch die zunehmenden Klimaextreme machen die Aufzucht der Küken für den Kiebitz schwierig. Mehrere Landwirte haben deshalb in den trockenen, heißen Phasen im letzten Juni und Juli Wasser an die Ackerränder gefahren und so vielen Kiebitzküken das Leben gerettet.

Böhm betonte, dass die besten Bruterfolge in Gebieten mit angrenzender Ackerbrache verzeichnet werden konnten, da dort sowohl ein offener, stocherfähiger Boden zur Nahrungssuche als auch ausreichend Deckung für die Küken vorhanden waren

.Blühende Säume helfen auch anderen Tieren

Von der unteren Naturschutzbehörde wird in Abstimmung mit der Landesanstalt für Landwirtschaft, dem Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Rosenheim und der höheren Naturschutzbehörde der Regierung von Oberbayern eine Förderung für eine kiebitzgerechte Bewirtschaftung landwirtschaftlicher Flächen angeboten. Dazu gehört der vorgezogene Umbruch von Zwischenbegrünung/Greening bis Mitte März, um offenen, dunklen Boden als Brutplatz für die Kiebitze anzubieten. Außerdem ein verzögerter Maisanbau zum Schutz von Kiebitzgelegen und frisch geschlüpften Küken, Brachflächen als Kiebitzfenster und Blühstreifen zur Nahrungssuche und Deckung.

Blühende Säume dienen auch als Brutplatz für die ebenfalls auf der Roten Liste Bayern stehende gefährdete Feldlerche, Vogel des Jahres 2019.

Optimal ist die Anlage von Wasserflächen in Form von mähbaren Seigen und Grabenaufweitungen, die auch Lebens- und Nahrungsraum für viele andere Tiere bieten, wie zum Beispiel Frösche, Libellen und Schwalben.

Erhalt und Neuanlage dieser Lebensstätten werden ebenfalls gefördert.

Infos zum Kiebitzschutz gibt es im Landkreis Rosenheim unter Telefon 08031/392 3301, im Landkreis Traunstein unter 0861/58-359.

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