Kfor, Chaos und Kosovo: Wasserburger Joachim Schroeder dreht krasse Filmsatire

Haben mit „Kill me today, tomorrow I‘m sick“ ein wichtigen, witzigen, durchgeknallten und blutig ernsten Film über das Ex-Jugoslawien der 90er gemacht: Tobias Streck und Joachim Schroeder (rechts) von Preview Production.
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Haben mit „Kill me today, tomorrow I‘m sick“ ein wichtigen, witzigen, durchgeknallten und blutig ernsten Film über das Ex-Jugoslawien der 90er gemacht: Tobias Streck und Joachim Schroeder (rechts) von Preview Production.
  • Andrea Klemm
    vonAndrea Klemm
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Satire? Tragödie? Komödie? „Kill me today, tomorrow I‘m sick“ ist ein Kinofilm über das Ex-Jugoslawien der Neunziger, über Kfor, Chaos, Kosovo – und über das Menschsein, wie der Filmemacher Joachim Schroeder, der in Wasserburg aufgewachsen ist, sagt. Ab Donnerstag, 27. Februar, ist der Film im Utopia in Wasserburg zu sehen.

Wasserburg/Pristina –Die vogelwilde Low-Budget-Satire schießt ihre spitzen Pfeile gegen die Verblendung des Westens. „Der Film arbeitet die Schattenseiten von friedensschaffenden und -erhaltenden Missionen, egal ob UN, NGO oder Militär, deutlich heraus“, sagte ein Premieren-Besucher – selbst Oberstabsfeldwebel a.D., der weiß, wie die Auslandseinsätze laufen – im Berliner Babylon.

So geht es um die Selbstgerechtigkeit und Naivität von internationalen Organisationen, Freiheitskämpfer und unter anderem die Korruption im Kosovo.

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Schroeder, der den Film gemeinsam mit Tobias Streck gemacht hat, schildert den Aberwitz des langen und unfassbar teuren Friedenseinsatzes im Kosovo im Gewand einer schrillen Satire. Es gibt Gewalt, Schockbilder von rassistisch motivierten Morden, absurde Bürokratieszenen, zynische und schreiend komische Momente. Der Spiegel schreibt von einem „verzweifelten Lagebericht über die Hilflosigkeit der Vernünftigen“.

„Die Blaupause für das die Hauptfigur war meine Schwester Henriette. Sie gab den den Anstoß für Anna (Karin Hanczewski)“, erzählt Filmemacher Schroeder. Anna spielt an der Seite des schwungvollen Schwarzhändlers Plaka (Carlo Ljubek).

Henriette ging im Sommer 1999 für die OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) nach Pristina und war dort für den Aufbau unabhängiger Medien tätig; ihr Tagebuch war Inspiration für das Drehbuch.

Schroeders wilde Jahre in Wasserburg

Der 55-jährige Schroeder hat seine Jugend und die wilden Jahre bis zum Abitur in Wasserburg gelebt. „Ich hab 1984 hier Abitur gemacht, bin auch nur einmal durchgefallen“, sagt der gebürtige Hamburger lachend im Gespräch mit der Wasserburger Zeitung.

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Nach einer sehr behüteten Kindheit in England – mit Schuluniform – folgten für ihn in Bayern die „anarchistischen Flegeljahre“. „Nach zwei Jahren Volksschule mit Prügelstrafe auf dem Dorf bei Sonnering durchlebte ich später in Wasserburg meine Sturm- und Drang-Zeit. Wasserburg war in den 70ern bis Mitte der 80er ein entspanntes Kunst- und Hippiestädtchen unter dem Einfluss des neu aufkommenden Punks. Drogen und Alkohol waren allgegenwärtig, ob in den umliegenden Landkommunen in alten Bauernhäusern oder bei Partys – oder eben auch ganz alltäglich in der Schule und im Straßencafé. Das Ganze in und vor der pittoresken Kulisse dieses Renaissance-Städtchens, damals noch ,angeranzelt‘, also mit viel Patina.“

Film ist mehrfach ausgezeichnet

Mit Blick auf den Film, der mehrfach ausgezeichnet wurde unter anderem in Montreal (Silver Zenith, 2018), zweifach beim Türkisch-Deutschen Filmfestival Nürnberg (Bester Hauptdarsteller, Menschenrechtspreis, 2019) und 2018 war man zu den Hofer Filmtagen eingeladen, sagt Schroeder, die Produktionsbedingungen seien in jeder Hinsicht abenteuerlich gewesen. „Das Budget war nach acht Jahren des Bettelns extrem knapp, unsere Eigenleistungen – Cash wie Beistellungen – sind immens (450.000 Euro laut Deutschem Filmförderfonds, DFFF).“

Ab 27. Februar im Utopia zu sehen

Die überbordende Bürokratie in der Filmbranche, die langwierige Akquise für Unterfinanzierungen, die Raten des DFFF, das Recht auf Eigenverleih – haben Schroeder und sein Team viele Nerven gekostet.

„Im Nachhinein alles egal, wir sind mit dem Film sehr glücklich. Gott sei dank andere auch. Am 14. Januar war unsere großartige Berlin-Premiere mit 500 Besuchern im Babylon“, schwärmt Schroeder.

Ab heute, Donnerstag, 27. Februar, um 20 Uhr ist die durchgeknallte Satire im Utopia zu sehen.

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