Keiner kennt den Todestag

"Das ist schon sehr beklemmend und erstaunt mich wirklich ", sagt Erika Pohl zu dem Fall, der in Wasserburg zum Jahreswechsel passierte und erst jetzt bekannt wurde: Die Polizei bricht am Neujahrstag die Wohnung eines 44 Jahre alten Mannes in der Klaus-Honauer-Straße auf, nachdem Nachbarn ihr von einem unangenehmen Geruch vor der Wohnung berichteten. Da war der Mann schon lange tot, gesehen hat man ihn nach Angaben der Polizei letztmals am 29.

November.

Wasserburg - Die Sozialpädagogin und Familienberaterin Erika Pohl hat in ihrem Berufsleben viele familiäre Dramen kennengelernt. Dass in Wasserburg jemand tagelang tot in der Wohnung liegt und fast niemand etwas bemerkt, das hat sie noch nie erlebt, "Gott sei Dank", sagt sie, aber auch: "Das kommt massiv auf uns zu, dass Leute ohne Familie ganz alleine sind".

Hinweis von

einem Bekannten

Einen Hinweis von einem Bekannten des Toten hatte die Polizei auf die Spur gebracht. Der hatte sich in der Inspektion gemeldet, weil er seinen Bekannten in der Klaus-Honauer-Straße über längeren Zeitraum nicht erreichen konnte. Ein Nachbar erzählt, der Mann sei schon aufgefallen, öfter sei er torkelnd gesehen worden, auch gebettelt habe er manchmal. Er habe sich gewundert, dass sich keiner um den Mann kümmert und er habe sich gefragt, ob er keinen Betreuer habe. Hatte er wohl nicht. Er starb alleine und die Obduktion der Leiche ergab keinerlei Hinweise auf äußere Gewalt.

Nachdem der Mann gestorben ist, dürfte Ursula Sponar von der Suchtambulanz der Diakonie in Wasserburg Auskunft geben über ihn. Einen 44-Jährigen, der wegen seiner Alkoholsucht möglicherweise dort Hilfe gesucht haben könnte, kennt die Suchtberaterin aber nicht. Sie weiß, dass Süchtige viel Scham und Schuldgefühle haben und deshalb oft keine Hilfe in Anspruch nehmen. Sie kennt Fälle, dass Süchtige kein Geld für Nachschub haben und dann bewusstlos werden, vielleicht sei das der Fall gewesen bei diesem Mann. Sie weiß, dass auch in Wasserburg in der Szene Alkohol eine gewichtige Rolle spielt und sie sagt: "Ich bin schon immer wieder entsetzt, wie die Leute wegschauen können und da ist Wasserburg keine Ausnahme". Dabei gibt es die Nachbarschaftpflicht, wenn man sieht, jemand hat sich nicht mehr im Griff und Gefahr ist in Verzug. "Ein Anruf bei der Betreuungsbehörde des Landratsamts in Rosenheim, jemand schaut sich das dann an".

"Wasserburg ist

keine Ausnahme"

Ab und zu komme ein Hinweis bei ihr ein, sagt Karin Brandner vom Sozialamt im Wasserburger Rathaus. Sie verweist die Anrufer dann an die Caritas. Ihre Erfahrung ist, dass die Vereinsamung in Wasserburg noch keine so große Rolle spiele wie in der Anonymität einer Großstadt. "In Wasserburg ist es doch noch normal, dass man seine Nachbarn kennt". vo

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