Der Kampf der Geschäfte und Kaufhäuser geht auch in Wasserburg weiter

Sind startbereit: Sibylle und Tobias Schuhmacher vom Innkaufhaus. John Cater

Die einen dürfen, die anderen nicht: Auch in Wasserburg führt die Tatsache, dass am Montag nur Geschäfte mit einer Verkaufsfläche von bis zu 800 Quadratmetern wieder starten können, zu Irritationen. Einfach eine Etage absperren, das dürfen Kaufhäuser in Bayern nicht. Hart trifft dies das Gewandhaus Gruber.

Wasserburg/Haag – Die Fassungslosigkeit ist Stefan Seibold aus der Geschäftsführung des Gewandhauses Gruber deutlich anzumerken. Das Oberhaus in Wasserburg mit seiner auffälligen Fassade darf am Montag nicht öffnen, die drei kleineren Filialen des Unternehmens – die Sportlerei, das Unter- und das Männerunterhaus – schon. Doch das ist nur ein kleiner Trost.

Gewandhaus Gruber: Ja und Nein

Das Oberhaus mit seinen vier Stockwerken hätte gerne so viel Ladenfläche abgetrennt, dass die 800 Quadratmeter Verkaufsfläche eingehalten worden wären. Der Freistaat hat es jedoch untersagt, während in anderen Bundesländern dieser Schritt möglich ist. „Wir müssen umsetzen, was die Regierung bestimmt hat, punkt aus“, sagt Seibold knapp. Kritik und Protest erfolgen über den Handelsverband.

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Tatsache ist: Vier Wochen lang hat das traditionsreiche Kaufhaus für Damen- und Herrenmode mit Hauptsitz in Erding, das vor 360 Jahren als Hofschneiderei begann und nach wie vor in Familienbesitz ist, null Umsatz verbuchen können. Ein eigener Online-Shop konnte auf die Schnelle nicht ins Leben gerufen werden. Eingeschränkt wieder öffnen werden am Montag nur sieben der insgesamt 14 Geschäfte des Gewandhauses Gruber.

Wer öffnet, startet nicht mit großem Hallo durch. Denn die vielen neuen Hygieneregeln erschweren den Neubeginn. Beispiel Innkaufhaus: Sibylle Schuhmacher und ihr Mann haben beschlossen, vorerst nur das Erdgeschoss zu öffnen, um sich langsam an die neue Situation unter hohen Hygieneauflagen heranzutasten. . Drinnen gestaltet das junge Inhaberehepaar seit Bekanntgabe der Erleichterungen für den Einzelhandel um, denn das Kaufhaus in der Ledererzeile muss mehr Platz in den Gängen und für breitere Laufwege schaffen sowie Spuckschutzscheiben an den Kassen anbringen.

Innkaufhaus tastet sich heran

Eine Warengruppe verschwindet vorerst – Corona-bedingt – im Lager: die Reisekoffer. Dafür werden die Schuhmachers die derzeit sehr gefragten Outdoor-Spielsachen in die Regale einräumen. Groß ist auch das Kundeninteresse nach Kurzwaren, denn viele Wasserburger nähen sich selber Mund-Nasen-Masken. Das Innkaufhaus erwartet eine rege Nachfrage nach Schulranzen für die zukünftigen Erstklässler. Auch die Beratung zum passenden Füller findet ab Montag unter veränderten Bedingungen statt. Verkäufer und Kunden dürfen sich nicht zu nah kommen. „Wir trainieren unser Personal seit Tagen intensiv“, sagt Schuhmacher, betont jedoch auch: „Wir werden Stück für Stück den Alltag zurückerobern, uns langsam an die neue Situation herantasten. Und uns anfangs von Tag zu Tag hangeln müssen.“

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„Ich hätte nicht gedacht, dass nicht nur das Schließen eine Herausforderung darstellt, sondern auch das Öffnen“, sagt sie. Einfach aufmachen – und alles ist wieder wie vor Corona, so wird es nicht laufen. Zu viele Vorschriften und Regelungen sind zu beachten. „Von normalem Betrieb kann nicht die Rede sein.“ Security-Personal, das vor der Tür und drinnen auf die Einhaltung der Vorschriften achtet, das kann sich das Innkaufhaus nicht leisten.

Denn die vergangenen vier Wochen haben zu hohen Umsatzeinbußen geführt. Der hauseigene Lieferservice wurde zwar gut angenommen, kann die Verkaufseinbrüche vor allem in der umsatzstarken Zeit rund um Ostern jedoch nicht wettmachen. Die Wasserburger bestellten vor allem Spielzeug, Schul- und Bastelmaterial sowie Geschenke für Menschen, denen sie danke sagen oder etwas Gutes tun wollten. Der Kontakt zum Kunden – auch wenn er nur am Telefon oder auf Abstand an der Haustür stattfand – „tut der Psyche gut“, sagt Schuhmacher. Bestellungen annehmen, Ware verpacken und ausliefern lassen, was die Basketballerinnen aus der Bundesligamannschaft des TSV Wasserburg übernommen haben: „Das war und ist ein Stück Normalität“. Der Lieferservice geht weiter, denn auch nächste Woche werden sich viele Kunden, die zu den Risikogruppen gehören, nicht sofort aus dem Haus trauen.

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Wenn am Montag wieder aufgemacht wird, stellt sich Normalität im stationären Handel noch nicht ein, ist die Leitung des Innkaufhauses sicher. 2020 feiert es den 50. Geburtstag, es sollte das erste richtig gute Jahr nach der Übernahme von Schuhmachers Vater Manfred Gerer und der Neupositionierung mit geändertem Konzept im Jahr 2017 sein. Jetzt wird das Jubiläumsjahr zum schwierigsten in der langen Kaufhauskarriere. Zum Feiern ist niemandem zumute, stattdessen: schlaflose Nächte und sorgenvolle Tage. „Eine echt harte Zeit“, sagt Schuhmacher.

Modekaufhaus Eberl in Haag kann öffnen

Anders die Situation im Modehaus Eberl in Haag: Es hat 1000 Quadratmeter Verkaufsfläche, jedoch verteilt auf drei Geschäfte. Auch das große Stammhaus mit 650 Quadratmetern darf deshalb am Montag öffnen, freut sich Inhaber Michael Goetzke. Das gilt auch für drei kleinere Modegeschäfte in der Wasserburger Ledererzeile. „Wir sind startklar“, betont Goetzke. Desinfektionsmittel ist eingekauft, Masken sind eingetroffen. Nur 32 Kunden dürfen gleichzeitig eingelassen werden. Für die Kontrolle ist das Modehaus kreativ geworden: Jeder Kunden darf nur mit Eberl-Tüte rein. Sind 32 weg, müssen alle weiteren vor der Tür warten. Einen Riesenansturm erwartet das Traditionshaus, das es seit 300 Jahren gibt und in dritter Generation unter den Namen Eberl geführt wird, nicht. Der Verbraucher sei derzeit nicht in großer Konsumstimmung. Von Kaufhäusern aus Baden-Württemberg weiß Goetzke jedoch, dass am ersten Öffnungstag 60 bis 80 Prozent der sonst üblichen Kundenfrequenz zu verzeichnen waren. „Ich bin optimistisch. Wir freuen uns sehr auf den Start.“

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