Gespräch mit Sozialpädagogin Jana Steffinger

Jugendzentrum „Innsekt“ in Wasserburg im Corona-Lockdown: Soziale Kontakte gehen verloren

Derzeit geschlossen: das Wasserburger Innsekt. Die Sozialpädagoginnen Jana Steffinger und Lena Lerpscher befürchten nun, dass sich viele Jugendliche woanders treffen, wo keiner die Abstandsregeln im Blick hat.
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Derzeit geschlossen: das Wasserburger Innsekt. Die Sozialpädagoginnen Jana Steffinger und Lena Lerpscher befürchten nun, dass sich viele Jugendliche woanders treffen, wo keiner die Abstandsregeln im Blick hat.
  • Sophia Huber
    vonSophia Huber
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Die Sozialpädagogin des Wasserburger Jugendzentrums versteht den Frust der jungen Leute über die Schließung ihres Treffpunkts wegen des Corona-Lockdowns. Sie warnt davor, den jungen Leuten ihren Kontakt mit Gleichaltrigen zu nehmen. Den bräuchten sie, um voneinander lernen zu können.

Wasserburg –„Es ist traurig“, sagt Jana Steffinger vom Innssekt mit Blick auf den geschlossenen Jugendtreff. Aus Laiensicht verstehe sie die Schließung natürlich. „Jeder der sagt, alles hat geschlossen, warum sollte der Jugendtreff offen haben, hat mein vollstes Verständnis.“ Aber aus fachlicher Sicht kann die Sozialpädagogin, genau wie ihre Kollegin Lena Lerpscher, über die Schließung nur den Kopf schütteln. „Jugendliche sind nicht nur Schüler“, sagt Steffinger. „Und das wird hier anscheinend vergessen.“

Rebellion statt Zusammenreißen

Die wachsende Frustration der Jugendlichen kann sie durchaus nachvollziehen. „Für Erwachsene ist diese Situation schon schwierig“, sagt sie, „aber für einen 13-Jährigen, der gar nicht oder nur teilweise versteht, was passiert, ist das noch viel schwieriger.“

In den vergangenen Monaten haben sie und Lerpscher auch viel Hilflosigkeit seitens der Jugendlichen erlebt. „Viele Jugendliche haben das Gefühl sie hätten nichts zu sagen“, so Steffinger. Immer wieder werde von ihnen verlangt, sich „einfach mal zusammenzureißen“, aber das sei in dem Alter nicht so einfach. „Da gehört Rebellion dazu.“ Die Tatsache, dass sie gegen ein Virus nicht rebellieren können, macht die Situation noch schwieriger.

Raum für soziale Kontakte fällt in der Coronakrise weg

Natürlich sei die Diskussion über Schule und Homeschooling wichtig, das wollen die beiden gar nicht abstreiten, aber zu oft werden die Jugendlichen derzeit nur als Schüler und nichts weiteres gesehen. „Jugendliche brauchen den Kontakt zu anderen Jugendlichen, um von ihnen zu lernen. Auch außerhalb der Schule.“ Das sei nun kaum bis gar nicht mehr möglich.

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„In diesem Alter herrscht sowieso viel Umbruch“, so Lerpscher, „viele werden mit der Schule fertig und starten in die Ausbildung. Dadurch gehen viele Kontakte verloren“ – auch ohne Corona. Das Jugendzentrum bot bisher den Raum, Kontakte aufrecht zu erhalten oder neue Kontakte zu knüpfen. „Das fällt jetzt einfach weg.“

„Der psychische Druck wird einfach irgendwann zu hoch“

So geht es auch Katrin (20) (Name von der Redaktion geändert). Sie ist derzeit auf der Suche nach einer Ausbildungsstelle, „im medizinischen Bereich“, sagt sie. Doch bisher kamen nur Absagen, unter anderem auch wegen Corona. „Viele meinten, sie nehmen im Moment keinen.“ Katrin sitzt seit knapp einem Jahr zuhause. Sie weiß, dass die Schutzmaßnahmen notwendig und wichtig sind. „Mein kleiner Bruder ist Risikopatient“, sagt sie, „ich möchte ihn nicht gefährden.“

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Doch sie kann nicht mehr, wie sie selbst sagt. „Der psychische Druck wird einfach irgendwann zu hoch. Man sitzt den ganzen Tag zuhause und kann nichts machen.“ Bisher hat sie sich die Zeit mit YouTube vertrieben und ist ins Jugendzentrum gegangen, das Innsekt war für sie eine der wenigen Möglichkeiten, in einem gesicherten Rahmen Kontakt zu Gleichaltrigen haben. Die Schließung hält sie für unfair. „Die Hygieneregeln wurden sehr gut eingehalten. Da haben immer alle Hände desinfiziert und Maske getragen.“

Das bestätigen auch die Pädagoginnen. „Gleich nach dem ersten Lockdown mussten wir noch öfter darauf hinweisen, im Sommer war das schon ganz normal“, so Steffinger.

Mehr als nur ein Treffpunkt

Dazu kommt, dass das Innsekt mehr bietet, als nur einen Treffpunkt für Jugendliche. „Es gibt einige, die den Kontakt außerhalb der eigenen Familie und der Schule brauchen. Mit uns können sie auch über Dinge sprechen, die sie dort nicht bereden.“

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Die Räume des Innsekts wieder zu öffnen, ist deshalb aus der Sicht der Pädagoginnen dringend notwendig. „Ansonsten werden sich einige wieder mehr draußen treffen“, so Steffinger, „wo die Hygienemaßnahmen nicht eingehalten werden können.“

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Auch Katrin trifft sich jetzt draußen mit ihren Freunden. „Beim Badria-Gelände wird nicht so viel kontrolliert“, sagt sie. Die Gruppe würde versuchen, sich im Abstand hinzusetzen, auch wegen Katrins Bruder, „aber im Innsekt haben die natürlich mehr darauf geschaut.“ Auch auf lange Sicht sieht Lerpscher Probleme. „Da werden leider viele Kontakte verloren gehen.“

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