Vor 75 Jahren notierte Haager Geistlichkeit: „Verdorbene Mädchen flirten mit GIs“

Auch noch kurze Zeit vor der Kapitulation der Deutschen mussten Haager in den Kriegseinsatz. Unser Bild zeigt einen Einheimischen, der von einem Geschäft in der Mühldorfer Straße mit Segenswünschen verabschiedet wurde. Meindl

Flirten mit den amerikanischen Soldaten oder sich gar mit ihnen einlassen – das war ein No-Go auf dem Land, als 1945 der Zweite Weltkrieg aus deutscher Sicht zu Ende ging. Interessant – und aus heutiger Warte bizarr bis erheiternd – sind die Berichte, die vor 75 Jahren in den Pfarreien in und um Haag von der Geistlichkeit verfasst wurden.

Von Ludwig Meindl

Haag – Die erbosten Pfarrer ermahnten „die leichtsinnigen“ Frauenzimmer eindringlich in ihren Predigten. Frech war natürlich, dass die GIs sich am Messwein bedienten und auch ansonsten oftmals wenig Manieren zeigten.

Den Amis schmeckte wohl der Messwein

Pfarrer Karl Kaiser von der „Expositur“ (kirchliche Außenstelle, Anm. d. Red.) in Oberndorf meldete nach dem Eintreffen der Amerikaner Plünderungen „in kleinerem Umfang in Privathäusern, gelegentlich in der Einquartierung“. In seinem „Expositurhaus“ kamen „ein paar Flaschen Messwein“ abhanden. Zwölf Flaschen Messwein gingen im Pfarrhofkeller von Ramsau ab. Expositus Kaspar Hauser entdeckte sie zu seinem Schrecken in der Kirche, wo ein amerikanischer Organist spielte und die Soldaten „Stille Nacht, Heilige Nacht“ auf Englisch sangen.

Eine ganze Kiste Messwein wurde Pfarrer Franz Gruber von Haag entwendet. Der schlaueste Geistliche von allen schien Pfarrer Johann Pallauf von Kirchdorf gewesen zu sein. Er hatte vor dem Eintreffen der Amerikaner den „Messwein vorsorglich schon außerhalb des Pfarrhofs an sicherer Stelle versteckt“, wie aus den Notizen der Pfarrei hervorgeht.

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Was die „leichtsinnigen und verdorbenen Mädchen und Frauen“ mit den amerikanischen Soldaten machten, gefiel dem Haager Pfarrer gar nicht. „Mit entsprechendem Ernste“ unterstrich er das in seiner Predigt.

Pfarrer Georg Meschütz aus Mittergars tadelte das „unkirchliche Verhalten“ der aus München evakuierten Frauen und wollte „dem Papier gar nicht anvertrauen, wie sie sich aufführten“. Dazu kamen „viele fremde Mädchen“, so wie die Nachrichtenhelferinnen, die sich auch – wie einige einheimische Damen, wie dem Pfarrer vertraulich zugesteckt wurde – mit den fremden Soldaten einließen.

Jugend lungerte an der American-Bar rum

Auch die Jugend fiel den frommen Männern auf. Sie lungerte an der „American-Bar“ herum, die neben dem Autopark aufgebaut war.

Pfarrer Kaiser schrieb aufgebracht in seinen Bericht über „Vergewaltigungen durch Negersoldaten“ (über die der Redaktion keine weiteren Informationen vorliegen). Der rassistische und abwertende Begriff zur Bezeichnung dunkelhäutiger Personen war damals noch in aller Munde. Koloniale Altlasten, die in einem aufgeklärten Deutschland – 75 Jahre nach der menschenverachtenden Nazi-Ära – keinen Platz haben (Anm. d. Red.).

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Über die Dreistigkeit der US-Army-Angehörigen polterte der Geistliche in Kirchdorf und schrieb seinen Ärger nieder. Er habe seinen Augen nicht getraut. Er befand sich auf Krankenbesuchen in Holzhäusl und Dietzmanning, kam heim – und der Pfarrhof war voller Amerikaner, die in der Küche und im Arbeitszimmer auf drei Gasöfen kochten. Er musste ab sofort in der Küche auf dem Boden schlafen. Als sie abzogen, fehlten Bettdecken, Eier und die silbernen Löffel.

Friedlich verlief es in Maitenbeth bei Pfarrer Nikolaus Mühlratzer. Der meldete nur: „Es kam niemand ums Leben.“

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Zusammenrücken hieß es bei Pfarrer Josef Weißthanner in Oberornau: „Jedes Haus war überbesetzt.“ Die ersten Heimkehrer trafen schon „hungrig und abgehetzt“ ein. Die Bauernstuben waren voll: „Sie mussten zwei- und gar dreimal am Tag backen. Vor dem Ofen wartete man schon auf das heiße Brot.“

Polen forderten mit Waffengewalt Most

Dazu kamen 30 gefangene Italiener. „Am schlimmsten waren die Polen, die vor allem Einödhöfe aufsuchten und mit Waffengewalt Schnaps und Most forderten. Ein Bauer wurde dabei durch einen Schuss in den Oberschenkel verwundet.“ In Oberornau hielt sich aber auch noch der Rest eines deutschen Landschützen-Bataillons versteckt. Die wurden entdeckt und gefangen. Das gefiel den Damen von Oberornau gar nicht, wie der Pfarrer notierte: „Helle Tränen weinten sie – ob der Schmach für die deutschen Soldaten, darunter zwei Dutzend Offiziere, dass sie sich in solch einem entlegenen Dorf von Negern gefangen nehmen lassen mussten.“

Ein bemerkenswertes Zitat stammt aus dem Munde eines einfachen amerikanischen Soldaten bei der Hausdurchsuchung in Lengmoos: „Hier alles katholisch! Aber warum dann Krieg?“

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