Vor 75 Jahren: „Fake-News“ läuteten die „Fasanenjagd“ ein: Estermann wollte kein Blutvergießen in Wasserburg

Die Fotografie, dessen Urheber unbekannt ist, zeigt den Einmarsch der Amerikaner in Wasserburg Anfang Mai 1945.
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Die Fotografie, dessen Urheber unbekannt ist, zeigt den Einmarsch der Amerikaner in Wasserburg Anfang Mai 1945.

„Sorgen Sie dafür, dass kein Blut fließt“, sagte Josef Estermann als Vertreter der Freiheitsaktion Bayern in Wasserburg am 28. April 1945 zu Oberstleutnant Nikolaus Puhl (NSDAP), der ihm entgegnete: „Sorgen Sie dafür, dass alles in Ruhe und Ordnung abgeht“. So begann eine Unterredung im Wehrmeldeamt, bei der es um eine unblutige Übergabe der Stadt Wasserburg an die Alliierten Streitkräfte ging.

Von Andrea Klemm

Wasserburg – Oberstleutnant Nikolaus Puhl, der Standortkommandant und Leiter des Wehrmeldeamtes Wasserburg, war in den letzten Kriegstagen offensichtlich kriegsmüde geworden. Er setzte sich nämlich mit einemFreiheitskämpfer – Josef Estermann – an einen Tisch, um über eine friedliche Kapitulation zu verhandeln. Mit dabei waren auch Kriegskreisleiter Kurt Knappe, Dr. Willi Moos (Landrat von Wasserburg) und Franz Baumann als Bürgermeister der Stadt.

Vorausgegangen war eine Rundfunkdurchsage von Soldaten der Dolmetscher-Kompanie – allen voran Oberleutnant Rupprecht Gerngross – die sich der Freiheitsbewegung, die eine friedliche Kapitulation anstrebte, angeschlossen hatten.

Anhänger der Freiheitsaktion verschafften sich Zutritt zu Radio

Die Männer verschafften sich in Freimann Zutritt zur Rundfunksendeanlage und läuteten die „Fasanenjagd“ ein. Gemeint waren die gold-betressten NSDAP-Funktionäre, denn sie hießen im Volksmund „Goldfasane“. Und sendeten immer wieder „Fake-News“, nämlich dass die Freiheitsaktion die Regierungsgewalt übernommen habe und die Kapitulation eingeleitet sei.

Fahrlässige Fake-News

Dies entsprach nicht den Tatsachen. „Die Fachliteratur kritisiert das als gefährlich und leichtsinnig, denn die Teilnehmer der bayernweiten Folgeaktionen haben sich in falscher Sicherheit gewogen“, sagt Robert Obermayr, bekannt von „Rio konkret“.

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75 Jahre sind die Ereignisse, die sich binnen Stunden überschlugen, nun her. Obermayr hat sich die Arbeit gemacht und ist tief in die Lokalgeschichte eingetaucht (wir berichteten). Die Abhandlung liegt der Wasserburger Zeitung in Auszügen vor, die die Basis einer kleinen Serie über die letzten Kriegstage in Wasserburg bildet.

Männer ab 16 mussten zum Volkssturm

Dass der Krieg längst verloren war, hielt viele NS-Befehlshaber auch in den letzten Kriegsmonaten und -tagen nicht davon ab, „gegen den vordringenden Feind der Alliierten Truppen“ erbitterte Gegenwehr zu leisten. Im September 1944 berief man noch alle waffenfähigen Männer zwischen 16 und 60 Jahren zu Volkssturmbataillonen ein. Befehligt wurden sie von den Gauleitern in den einzelnen Gauen der NSDAP.

Die militärische Situation war aussichtslos, die Menschen waren kriegsmüde und die Führung reagierte mit Durchhalteterror, wie der Historiker Klaus-Dietmar Henke über die Ereignisse am Vorabend der amerikanischen Besetzung schreibt. Henkes Forschung diente Obermayr auch als Hintergrundrecherche.

Himmler: Deserteure und Plünderer sofort erschießen

Ende Januar wurden militärische Führungskräfte angewiesen, mit äußerster Härte durchzugreifen. So befahl etwa SS-Reichsführer Heinrich Himmler, Deserteure und Plünderer auf der Stelle zu erschießen. Im März ’45 wurde per Führererlass ein „fliegendes Standgericht“ geschaffen, das die uneingeschränkte Vollstreckungsentscheidung hatte und kein Gnadenrecht vorsah. Wer als Zivilist eine weiße Fahne in seinem Fenster hisste, sollte laut Himmler erschossen werden – und alle weiteren männlichen Personen im Haus.

Vormarsch der Alliierten nicht aufzuhalten

Der Vormarsch der Alliierten war aber nicht aufzuhalten, sie stießen Richtung Alpen vor. Und in den Städten begann die Gegenwehr der Truppen zusammen zu brechen, so fielen am 24. April Ulm, zwei Tage später Ingolstadt und am 27. April Regensburg. Am Morgen des 28. April übergaben mutige Bürger die Stadt Augsburg und die Army bewegte sich auf München zu.

Kurt Knappe hörte die Proklamation gegen 6 Uhr im Radio

Das war die Ausgangslage für die Ereignisse in Wasserburg am Morgen des 18. April 1945. Nur wer Gelegenheit hatte, „Feindsender“ zu hören, konnte sich wohl ein umfassendes Bild über die Geschehnisse machen.

„Aus den Archiven geht hervor, dass sowohl der Korbmacher Estermann, als auch der Bürgermeister Baumann ,schwarz‘ hörten“, findet Obermayr bei seinen Recherchen heraus.

Aus den Spruchkammerakten von Kriegskreisleiter Kurt Knappe geht hervor, dass zu jener Zeit mehrere Einheiten der Wehrmacht in und um Wasserburg stationiert und zudem Soldaten in Lazaretten untergebracht waren.

Wasserburg war bis zur Kapitulation Standort des Wehrmeldeamtes, der Kommandobehörde der Wehrmacht, zuständig für die Landkreise Wasserburg und Ebersberg.

Die Radio-Proklamation hörte gegen 6 Uhr früh auch der örtliche NSDAP-Kriegskreisleiter Kurt Knappe (der Vater von Dorle Irlbeck, Anm. d. Red.), der das für die Propaganda eines Feindsenders hielt, wie er sich später, 1975, in einem Interview erinnert.

Estermann war Korbmacher und Kommunist

Auch Josef Estermann, der Korbmacher und Kommunist, hatte den Aufruf im Radio gehört, trommelte ein paar Gleichgesinnte zusammen, um etwa das Telegrafenamt und das Kreishaus in der Hofstatt zu besetzen. „Die darin befindlichen Nazi-Beamten sowie Angestellte wurden entwaffnet und in einem Zimmer [...] in Schutzhaft genommen.“ So erzählte es Estermann im Juni der amerikanischen Militärregierung, die ihn ab Mai als Bürgermeister eingesetzt hatte.

Das Kreishaus war die Dienststelle Knappes, der sich zu diesem Zeitpunkt in seiner Wohnung im Burgerfeld befand – wo ihn Estermann gegen 6.45 Uhr aufsuchte und sich als Kopf der Freiheitsaktion vor Ort outete.

„Er kam und hat meinen Vater abgesetzt“, erinnert sich Dorle Irlbeck, die als kleines Mädchen im Nachthemd – gemeinsam mit ihrer Mutter – Zeugin der Unterredung wurde, wie sie der Wasserburger Zeitung erzählt. Sie hat ab 2003 sämtliche Unterlagen, Entlastungsschreiben und Dokumente des Vaters dem Wasserburger Stadtarchiv übergeben - der Nachlass ist öffentlich zugänglich. Auch Obermayr forscht mit diesen Quellen.

Nicht sehr viele Quellen erhalten

„Sehr viele Quellen oder auch Fotos aus dieser Zeit sind generell nicht erhalten“, sagt Stadtarchivar Matthias Haupt. Das macht es der Forschung – wie so oft – nicht leicht, sich ein ganzheitliches Bild der Ereignisse zu verschaffen.

„Leisten Sie keinen Widerstand und geben Sie auch keinen Schießbefehl, wir wollen kein Blutvergießen“, erinnert sich Knappe später, nachzulesen in den Spruchkammerakten. In einem Interview, das er 1975 dem früheren Stadtrat Hans Klinger gab, erinnert sich Knappe auch an folgende Worte Estermanns: „Ich hab Sie als anständigen und ruhigen Menschen kennengelernt, deswegen komm ich auch zu Ihnen. Und wir wollen gut mit Wasserburg über diese Sache rüber kommen.“

Estermann hat sich für die Sicherheit von Knappes Frau und Kind verbürgt

Knappe war überrumpelt, bat Estermann ins Wohnzimmer, dachte dieser sei unter seinem Mantel bewaffnet. Die beiden waren nervös. Knappe holte sich eine Zigarette, Estermann bat auch um eine. „Die hab ich ihm dann angezündet. Dann hat er gesagt, Herr Knappe, also ich muss jetzt wieder gehen, Es bleibt also dabei, was wir ausgemacht haben. Meine Frau fragte mich, was wird jetzt eigentlich? Dann hat er gesagt, ja Herr Knappe, die Sache ist nun aus. Und Sie müssen damit rechnen, Sie werden wahrscheinlich irgendwie verhaftet werden. Dann fragte ich: ,Was geschieht mit meiner Frau und mei‘m Kind?’ Dann sagte er: Also diesen geschieht nichts, dafür verbürg ich mich.“

Beide Männer handelten besonnen

Der Besuch hat nur eine Viertelstunde gedauert, wie Obermayr feststellt. „Beide Männer handelten besonnen und legten es auf keine Eskalation an“, resümiert Obermayr anhand der Quellen.

Auch Oberstleutnant Puhl hatte Radio gehört und bestellte Knappe samt Landrat und Bürgermeister ins Wehrmeldeamt, um die Lage zu besprechen. Aber da wartete bereits Estermann und verlangte, dass es bei der friedlichen Kapitulation kein Blutvergießen geben darf. Sehr bald überschlugen sich die Ereignisse. Fortsetzung folgt.

Dorle Irlbeck über ihren Vater Kurt Knappe

Der Begriff „Nazi-Bonzen“, der im Zusammenhang, der mit der „Fasanenjagd“verwendet wird, stößt Dorle Irlbeck sauer auf. Das Wasserburger Original ist die Tochter des damaligen Kriegskreisleiters Kurt Knappe, der von Gauleiter Paul Giessler mit diesem Amt beauftragt war. „Wir waren keine Bonzen, wir lebten bescheiden, unsere Mama kochte selbst, wir hatten keine Haushaltshilfe, lebten vom eigenen Gemüsegarten“, berichtet Irlbeck. Als Gauleiter Giessler die Familie einmal besuchte, sei er entsetzt gewesen, „wie primitiv wir lebten“. Sie beschreibt ihren Vater als besonnenen Mann – auch in der NS-Zeit. „Durch seine Unterschrift ist nie jemand ins KZ gekommen“, sagt sie überzeugt. Auch ihm sei es zu verdanken, dass Wasserburg das Kriegsende vergleichsweise glimpflich erlebte. „Über meinen Vater und seine Verdienste für die Stadt auch nach dem Krieg lass ich nichts kommen.“

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