75 Jahre Frieden: Widerständler Josef Estermann versteckte sich im Wasserburger Leichenhaus

Auch er hatte sichmit dem Kommunisten und Widerständler Josef Estermann an einen Tisch gesetzt, um über eine friedliche Kapitulation zu diskutieren: Wasserburgs Bürgermeister Franz Baumann, der von 1937 bis 1945 im Amt war. Gauleiter Paul Giesler wollte ihn aufhängen lassen. Stadtarchiv Wasserburg Sammelmappe Bildarchiv V4a1

Doch keine Kapitulation: Und plötzlich wurde es ganz eng für die Freiheitsaktion Bayern – und auch die kriegsmüden NS-Leute in Wasserburg. Die Ereignisse überschlugen sich am späten Vormittag des 28. April 1945. Und Kreisleiter Kurt Knappe und seine Mitstreiter gerieten ins Visier der SS, galten sie doch jetzt als Verschwörer.

Von Andrea Klemm

Wasserburg – Und plötzlich wurde es ganz eng fürdie Freiheitsaktion Bayern – und auch die kriegsmüden NS-Leute in Wasserburg. Die Ereignisse überschlugen sich am späten Vormittag des 28. April 1945.

Gauleiter Paul Giesler dementierte ab etwa 10 Uhr per Rundfunksprechanlage des Süddeutschen Gleichwellensenders, dass die Freiheitsaktion Bayern die Regierungsgewalt errungen habe. Vielmehr sei der Aufstand in München niedergeschlagen und weiterhin müsse bis zum Letzten Widerstand geleistet werden.

Plötzlich erschall die Stimme des Gauleiters über den Sender in Ismaning

Parallel waren noch die Aufrufe der Freiheitsaktion über den Ismaninger Sender zu hören. Unklar ist, so sagt Robert Obermayr, bekannt von „Rio konkret“, der den letzten Kriegstagen in Wasserburg eine Forschungsarbeit gewidmet hat, welche Reichweite die Radiodurchsagen überhaupt erzielten. Gegen 12.30 Uhr erschall dann auch über den Sender in Ismaning die Stimme des Gauleiters.

Plötzlich war die Kapitulation hinfällig

Oberstleutnant Nikolaus Puhl, der noch wenige Stunden vorher gemeinsam mit dem Kommunisten und Freiheitsaktivisten Josef Estermann zusammen mit Kriegskreisleiter Kurt Knappe, Landrat Dr. Willi Moos und Bürgermeister Franz Baumann an einem Tisch gesessen hatte, um ein Flugblatt für die friedliche Kapitulation der Stadt zu verfassen – als Folgeaktion der Radiodurchsage der Freiheitsaktion Bayern – hörte gegen 10.30 Uhr Gauleiter Giesler im Radio und wusste: Alles ist hinfällig.

Als er beim Oberkommando der Luftwaffe in Gabersee anrief, was plötzlich wieder möglich war, erhielt er den Auftrag, den Führer der Freiheitsbewegung in Wasserburg – Josef Estermann – festnehmen zu lassen.

Estermann, der zunächst an der Innbrücke war und den Soldaten sagte, der Krieg sei aus und „sprengt’s ja die Brückn ned“ und ging dann zum Kreishaus in der Hofstatt. Dort wurde von Offizieren gebeten ins Wehrmeldeamt zu eine Besprechung zu kommen. Er dachte sich nichts Böses.

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Etwa zeitgleich informierte Puhl den Kriegskreisleiter Knappe über die Wendung. Knappe betont später, so geht es aus den Spruchkammerakten hervor, er habe auch hier nichts veranlasst, um die Aufständischen vor ein Standgericht zu bringen – wie es sein Amt verlangt hätte. Knappe traf gegen 10.45 Uhr am Wehrmeldeamt ein.

Estermann bei Verhaftung: „Ich allein steh‘ grad“

Estermann wurde vermutlich gegen Mittag gemeinsam mit allen am Putsch beteiligten Personen von Major Koller, Kommandeur des Pionierlehrganges, sowie einigen Offizieren verhaftet. In einem Interview, das er 30 Jahre später dem damaligen Stadtrat Hans Klinger gab, beschreibt Estermann ausführlich, wie er eingeschüchtert und bedroht wurde. „[...] Dann ist a Offizier rein, hat er gsagt: Wir haben sie, die Banditen! Dann bin ich der Verbrecher hin und der Verbrecher her gewesen.“ Er habe gebeten, seine verhafteten Mitstreiter heimgehen zu lassen. „Ich allein steh grad und was ich g‘macht hab, ist guat.“

Knappe und Puhl lassen Estermann fliehen

Die anderen wurden heimgeschickt und man habe zu ihm gesagt, „So, das weißt schon, dass wir dich jetzt aufhängen gell?“ Ein sogenannter Kradmelder wurde nach Gabersee geschickt, um die Bestätigung für die Exekution bei einem General einzuholen.

Als Knappe eintrifft, sind nur noch Oberstleutnant Puhl und Estermann in dem Raum. Puhl und Knappe wollten wohl nicht, dass Estermann hingerichtet wird, wie in den Interviews, die Klinger 1975 führte, deutlich wird. Sie nahmen ihm das Versprechen ab, dass er jetzt nichts mehr unternimmt – was er ihnen nicht geben wollte – und ließen zu, dass er abhaut. Das ist zumindest die Quellenlage.

Robert Obermayr resümiert in seiner Forschungsarbeit, dass Puhl und Knappe vermutlich nicht wollten, dass man sie irgendwann verantwortlich macht für die Hinrichtung eines Widerständlers. Auch hätte Estermann die beiden in einem Verhör belasten können, weil sie etwa das Flugblatt für die Kapitulation mitverfasst hatten.

Handwerkertrick: Entkam so der Kommunist?

Estermann erzählt später von einer spektakulären Flucht mit Verfolgungsjagd durchs Kreisleiterhaus durch Wachposten. Er habe einen Monteursanzug getragen, ein Ofenrohr abgerissen und sei mit dem „Handwerker-Trick“ als „Schlosser“ bei der Tür raus und rüber zum Auer Schlosser am Heisererplatz. Die Lehrbuben ermöglichten ihm den Fluchtweg über den Garten in Richtung des städtischen Krankenhauses „im Hag“. Dort angekommen, bat er Helene Müller, die Frau des Chefarztes, um Hilfe, die ihm im Vorfeld Unterstützung zugesagt hatte, „wenn es mal schlimm wird“.

Gattin des Chefarztes versteckte den Kommunisten

Obwohl sie sichtlich Angst hatte, so Estermann in den späteren Interviews, versteckte sie ihn im Leichenhaus, wo er sich neben einen Toten ebenfalls wie einer auf die Bahre legte. „Den ganzen Tag bin ich da drin g‘wesen. Ich hab den Leichengeruch immer vor mir g‘habt. Des war bestimmt nichts angenehms ned.“

Landrat Dr. Moos, Kriegskreisleiter Knappe sowie Oberstleutnant Puhl wurden zu den Generälen nach Gabersee zum Rapport zitiert, sie mussten, sich rechtfertigen, nicht zuletzt wegen Er Estermanns Flucht. Und wegen des „kindischen Putschversuches“, den es in der Stadt gegeben habe. „Also sagt einmal, was ist denn eigentlich bei euch da unten los?“, habe der Generalstabschef der Luftwaffe, Karl Koller, in der Kommandozentrale gesagt (der zufällig ein Namensvetter von Major Koller war, der die Widerständler um Estermann festnehmen ließ, Anm. d. Red.).

Puhl in brenzliger Situation

Puhl war als Ortskommandant in einer brenzligen Situation. Warum er den Estermann nicht gleich verhaftet habe, wurde er gefragt. Da sagte er taktisch, er habe die Hintermänner rauskriegen wollen. Außerdem habe es sich doch bei Estermann um einen Agenten der Gestapo gehandelt. Ein Ablenkungsmanöver?

Als Puhl so angegangen wurde, ergriff Knappe das Wort und warf den Generälen vor, stundenlang telefonisch nicht erreichbar gewesen zu sein, als man sie gebraucht hätte. „Jetzt auf einmal wird Gabersee und der ganze Stab aktiv“. Es wäre ein Leichtes gewesen, ein paar Herren runter in die Stadt zu schicken. „Und jetzt auf einmal sind wir die Schlechten und Sie sind die starken Männer“, erinnert sich Knappe später an seine eigenen Worte.

Befehl: Knappe, Puhl, Moos und Baumann liquidieren

Die Unterredung war vorbei und der joviale Fliegergeneral Koller amüsierte sich über die Erleichterung der „Schildbürger“, dass sie wieder gehen durften. Die Situation schwelte im Hintergrund weiter.

Gegen 14 Uhr erging aus Gabersee nach München im Befehlsbunker von Gauleiter Paul Giesler die Meldung, „in Wasserburg haben sich Kreisleiter Knappe sowie der Bürgermeister Baumann und Landrat Dr. Moos, außerdem noch der Standortälteste, Oberstleutnant Puhl, der Widerstandsbewegung angeschlossen.“

Öffentliches Erhängen am Rathaus angeordnet

Stellvertretender Gauleiter Bertus Gerdes erhielt den schriftlichen Befehl, sofort nach Wasserburg zu fahren, die Männer „durch öffentliches Erhängen am Rathausplatz zu liquidieren, die Widerstandsbewegung zu unterdrücken“. Fortsetzung folgt.

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