75 Jahre Frieden – Ein Kommunist und 4 Nationalsozialisten verfassen Flugblatt: „Wasserburg wird nicht verteidigt“

Galt als besonnen: Kriegskreisleiter Kurt Knappe.Das Foto zeigt ihn im Büro der Kreisleitung im ehemaligen NSDAP-Kreishaus an der Hofstatt, 1943. Seinen Nachlass mit Fotos und Dokumenten hat seine Tochter Dorle Irlbeck ab 2003 dem Stadtarchiv Wasserburg übergeben.
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Galt als besonnen: Kriegskreisleiter Kurt Knappe.Das Foto zeigt ihn im Büro der Kreisleitung im ehemaligen NSDAP-Kreishaus an der Hofstatt, 1943. Seinen Nachlass mit Fotos und Dokumenten hat seine Tochter Dorle Irlbeck ab 2003 dem Stadtarchiv Wasserburg übergeben.
  • Andrea Klemm
    vonAndrea Klemm
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Der Kommunist Josef Estermann dachte noch, die Macht sei mit ihm, weil die Freiheitsaktion Bayern – in deren Namen er handelte – doch die Regierungsgewalt erstritten habe und die Kapitulation bevorstehe, als er sich auf den Weg ins Wasserburger Wehrmeldeamt machte. So hatten sie es im Radio verkündet. Nur wusste am Morgen des 28. April 1945 noch keiner der Beteiligten: Es war nicht wahr.

WasserburgKommunist Josef Estermann dachte noch, die Macht sei mit ihm, weil die Freiheitsaktion Bayern – in deren Namen er handelte – doch die Regierungsgewalt erstritten habe und die Kapitulation bevorstehe, als er sich auf den Weg ins Wehrmeldeamt. So hatten sie es im Radio verkündet. Nur wusste das am Morgen des 28. April 1945 noch keiner der Beteiligten: Es war nicht wahr.

Wer hat noch Erinnerungen an das Kriegsende?

In seiner Forschungsarbeit taucht Robert Obermayr, bekannt von „Rio konkret“ tief in die Lokalgeschichte ein, wälzt Bücher und Originalakten, hört sich Ton-Interviews von Zeitzeugen an, die dem Stadtarchiv übereignet sind. „Ich bin fasziniert von Estermann und seiner Rolle in den letzten Kriegstagen. Er war maßgeblich daran beteiligt, dass die Kapitulation vergleichsweise glimpflich ausging“, so Obermayr. Wer hat noch Erinnerungen an diese Zeit? Der kann sich per eMail an ihn wenden: geschichte.ws@t-online.de.

Treffen anhand von Akten rekonstruiert

Anhand der Spruchkammerakten rekonstruiert Obermayr das Zusammentreffen von Estermann, Oberstleutnant Nikolaus Pfuhl, Kriegskreisleiter Kurt Knappe, Landrat Dr. Willi Moos und Bürgermeister Franz Baumann gegen 8 Uhr im Wehrmeldeamt. Vermutlich waren zeitweise auch Polizei- und Gendarmerie-Offiziere, ein Oberst des Heeres (der zufällig auch Knappe hieß) und ein Major anwesend.

Teilweise verlief Besprechung stürmisch

In einer späteren Zeugenaussage hob Puhl die Ernsthaftigkeit der Situation aus seiner Sicht hervor. „Wir haben uns dann zusammengesetzt und die ganze Lage besprochen und wie wir es machen, damit Wasserburg keine Kampfstadt wird. In Wasserburg lagen versprengte Truppenteile der SS und Luftwaffe usw. und wir fragten uns, was zu tun sei, um Wasserburg wieder in ein richtiges Geleise zu bringen.“

Mehrere Entwürfe für Flugblatt

Teilweise soll die Besprechung, was in dem gemeinsam verfassten Flugblatt stehen soll, stürmisch verlaufen sein. In der Urversion hieß es vermutlich, jetzt noch zu kämpfen sei ein Verbrechen und die Sprengung der Brücken und die Schließung der Panzersperren seien sinnlos.

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Als ein Funktionär in Ledermantel in den Raum kam mit der Nachricht, „der Führer ist tot“ (was zu diesem Zeitpunkt nicht stimmte; Hitler beging erst zwei Tage später Suizid, Anm. d. Red.), arbeitete man wohl eine neue Fassung aus – diese ist allerdings nicht als Dokument erhalten.

„Es lebe Deutschland“

Kriegskreisleiter Knappe erzählt 30 Jahre später in einem Interview, man habe dann geschrieben, dass der Führer tot sei und dass man wisse, Widerstand bringe nichts mehr. „Die Stadt wird nicht verteidigt, die Brücke nicht gesprengt, die vollziehende Gewalt liegt beim Wehrmeldeamt.“ Landrat Dr. Moos als Jurist brachte die Notizen zu Papier und die Männer unterzeichneten.

Ringen um den Erhalt der Innbrücke

Das Flugblatt, das im Stadtarchiv erhalten ist, enthält Knappes Unterschrift nicht. Auch vom Tod des Führers ist da keine Rede. Zudem wird an die ruhige Haltung der Bevölkerung appelliert. Mit der Verhängung des Standrechts und der Drohung, Plünderer zu erschießen, geben die Verfasser eine harte Linie vor, resümiert Robert Obermayr in seiner Forschungsarbeit. Oberstleutnant Puhl sei die vollziehende Gewalt übertragen worden. Das Flugblatt endet mit einem patriotischen „Es lebe Deutschland!“

„Die Zündung lag nicht nicht da“

Knappe soll sich passiv verhalten haben, was den Text betraf. Allerdings schilderte er Jahre später in einem Interview, dass er sich massiv mit Major Karl Koller auseinandersetzte, was die Brückensprengung betraf. „Es war ja die Kardinalsfrage in den letzten Tagen überhaupt, wird die Stadt verteidigt? [...] die Stadt wird nicht verteidigt, von mir aus nicht.“ Der Offiziersstab der Pioniere habe aber unbedingt die Verteidigung er Stadt gewollt und eine Sprengung der Brücke vorbereiten lassen. „Die Kammern waren gefüllt, aber die Zündung als solche, die lag noch nicht. Und ich hab mit Major Koller das eigentlich so vereinbart, dass nicht gesprengt wird“, erinnert sich Knappe im Jahr 1975 (in Interviews mit dem damaligen Stadtrat Hans Klinger, Anm. d. Red.).

Knappe: „Wer ist hier Freund und wer Feind? Ich kann Ihnen das nicht sagen“

Knappe wurde vermutlich nach der Flugblatt-Zusammenkunft auf den Flur raus gebeten – von einem Oberst Knappe, Kommandeur der Panzereinheit, die gerade durch Wasserburg in Marsch war. Dieser wollte den Aufstand niederschlagen. Er sagte: „Wir, Sie müssen den Schießbefehl geben. Ich sagte zu ihm, wer, gegen wen wollen Sie schießen? Wer ist hier Freund und wer ist Feind? Ich bin ein Wasserburger, ich kann Ihnen das nicht sagen und deswegen sage ich zu dieser Aktion nein“, erzählt Knappe 30 Jahre später dem Stadtrat Klinger.

Oberst droht Knappe

Kriegskreisleiter Kurt Knappe war in der Hierarchie vor Ort derjenige, der das Sagen hatte. Ohne seine Zustimmung hätte der Oberst keine Aktion durchführen dürfen. Was dem Oberst nicht passte. Er soll zu Knappe gesagt haben, „nicht, dass Sie diese Sache noch schwer bereuen, Kreisleiter Knappe“.

Polizeireservist Heinrich Kern hat nach eigener Aussage die Flugblätter an die Bevölkerung verteilt und in der Stadt aufgehängt.

Freiheitsaktivisten sagten, „wir wollen nicht schießen“

Bürgermeister Baumann und ein Polizist begaben sich an einen Lautsprecher, vermutlich im Rathaus, wo der Polizist den Inhalt des Flugblattes durchsagte. Vermutlich rissen die Offiziere der ersten Armee die Zettel schon bald wieder ab und stellten die Durchsage ein. So jedenfalls schrieb es Landrat Dr. Moos 1955 in einem Bericht in der Wasserburger Zeitung.

Oberkommando der Luftwaffe telefonisch nicht erreichbar

Kurt Knappe soll, nachdem er das Wehrmeldeamt verlassen hatte, wieder von Offizieren bedrängt worden sein, sich nicht so passiv zu verhalten. In seinen Interviews wies er darauf hin, dass man beim Oberkommando der Luftwaffe in Gabersee mehrfach hatte anrufen wollen, um sich Rat zu holen – auch schon während der Flugblatt-Besprechung – es sei jedoch niemand erreichbar gewesen. Unklar ist, ob es eine technische Störung war, oder niemand abhob. Knappe vermutete, wie in seinen Interviews deutlich wird, die Generäle in Gabersee hätten sich bewusst weggeduckt.

Knappe bittet Freiheitsaktivisten, Kreishaus zu verlassen

Gegen 10 Uhr ging Kurt Knappe ins von den Freiheitsaktivisten besetzte Kreisleiterhaus in der Hofstatt – eigenen Angaben zufolge unbewaffnet – und hat die Leute friedlich gebeten, heimzugehen. Laut Spruchkammerakten habe ein Herr Wiedemann (vermutlich Kaspar, Anm. d. Red.), zu ihm, der auch kein Blutbad wollte, gesagt, „Herr Knappe, wir wollen nicht schießen“. Widerstandslos seien die Männer gegangen. Knappe ging in sein Büro und räumte seinen Schreibtisch auf.

Gegenschlag der linientreuen Nazis beginnt

Die Angestellte des Kreishauses Else Holzapfel bestätigte dies später. Und auch, dass Knappe keine Anordnungen getroffen oder mit München telefoniert habe.

Und dann nahm die Sache eine gefährliche Wendung. Am späten Vormittag kam der Gegenschlag der linientreuen Nazis. Gauleiter Paul Giessler dementierte gegen 10 Uhr per Rundfunkansprache über den Süddeutschen Gleichwellensender die Machtübernahme durch die Freiheitsaktion Bayern. Er beschimpfte die Verräter und erklärte den Aufstand für beendet.

Fortsetzung folgt.

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