75 Jahre Frieden: Kommunist Estermann fährt mit US-Panzer in Wasserburg ein und schreit „weiße Fahnen raus! Schluss!“

„Die schmerzlichen Wunden der Heimat zu lindern“, dazu könne jeder Wasserburger beitragen „durch Ruhe, Ordnung, Disziplin und jeder auf seinem Platz“, appellierte Josef Estermann als Nachkriegsbürgermeister 1945. Der Aushang war vom 13. Mai bis 9. Oktober in der Stadt zu lesen. Er warnte vor „unverantwortlichen Elementen oder Anhängern des Werwolfes, die jetzt noch das Schlimmste über die Stadt heraufbeschwören könnten“. Stadtarchiv Wasserburg IVd5b

Die letzten Kriegsstunden am 2. Mai 1945 waren angebrochen, als der wegen mehrfacher Verwundung daheim in Wasserburg weilende Panzerjäger Andreas Reiser, der längst kriegsmüde war, in seinem Tagebuch notierte: „Die Wasserburger Bevölkerung ist in den Kellern. Die Nacht ist unruhig.“

Von Andrea Klemm

WasserburgWiderständler Josef Estermann, der nach der missglückten Freiheitsaktion verhaftet wurde, dann fliehen konnte und untergetaucht war, ging vermutlich am späteren Abend über den Schopperstadtweg Richtung „Giggerlberg“ zum Luftschutzkeller, der einst das Käselager der Molkerei Bauer war und sich in der Nähe seines Hauses befand.

Estermann suchte seine Frau im Luftschutzkeller

Rekonstruiert hat die Ereignisse der letzten Kriegstage in Wasserburg Robert Obermayr, bekannt von „Rio konkret“. Er hat sich die Spruchkammerakten vorgenommen und die Quellen, die dem Stadtarchiv Wasserburg zur Verfügung stehen, studiert. Besonderes Augenmerk hat er auf die Rolle Estermanns gelegt, dem späteren Bürgermeister und Landrat von Wasserburg. „Er hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die Kapitulation und Übergabe der Stadt vergleichsweise glimpflich ausging“, so Obermayr.

Im Luftschutzbunker Estermann freudig empfangen

Obermayr nimmt an, dass Estermann in dem Luftschutzkeller nach seiner Frau suchte oder nach seinen Mitstreitern der Freiheitsaktion. Die dort Schutzsuchenden empfingen ihn erfreut, wie Estermann 30 Jahre später in den Interviews erzählt, die er dem damaligen Stadtrat Hans Klinger gegeben hat und die im Stadtarchiv als Tonaufnahmen liegen. „Do san an Haufen droben g‘wesen. ,Ja, jetzt kommt da Estermann, jetzt ist da Kriag gar’. De ham gmoant, jetzt hob ich an Kriag gar gmacht[...].“

+++

Tipp der Redaktion: Kennen Sie schon unseren kostenlosen Feierabend-Newsletter? Die Top-Themen der Region um 17 Uhr per E-Mail – sauber ausrecherchiert und aufgeschrieben von Ihrer OVB-Redaktion. Jetzt Newsletter ausprobieren!

+++

Anton Sarcher, ein Zeitzeuge, der im Innwerk beschäftigt war, berichtete später, wie er sein Radl schiebend auf der Hauptstraße stadtauswärts unterwegs war. Er habe den Amerikanern entgegengehen und melden wollen, dass die Stadt nun frei von kämpfenden Truppen sei.

Im Amtsgerichtsgefängnis waren noch Inhaftierte im Keller

Er habe den „Kameraden Estermann“ aufgesucht und mit ihm abgemacht, am nächsten Morgen die Panzersperren zu entfernen.

Gegen 22 Uhr machte sich Estermann gemeinsam mit Verbündeten aufs ins Amtsgerichtsgefängnis. Gefängnisverwalter Donhauser hatte wohl nur die prominenten Häftlinge Oberstleutnant Nikolaus Puhl sowie Landrat Dr. Willi Moos frei gelassen.

Beide sollten wegen Hochverrats hängen, weil sie im Zuge der Falschmeldung der Freiheitsaktion dachten, die Kapitulation sei nah und sie verfassten gemeinsam mit Widerständler Estermann ein Flugblatt für die Bevölkerung, damit kein Blut vergossen wird.Auch Kriegskreisleiter Kurt Knappe sowie Bürgermeister Franz Baumann saßen mit am Tisch.

Estermanns Frau war wohl auch dort inhaftiert. Man habe den Donhauser rausgeklingelt. Estermann stellte schnell den Fuß in den Türspalt und verlangte, dass die Gefangenen frei kommen. „Ja, de san im Keller drunten, de haben in Keller obi miassn“, habe der Verwalter gesagt. Estermann wurde massiv: „Raus do, oder i schiaß di übern Haufen, wennstas ned bringst“, habe der Widerständler gesagt. Er musste dem Donhauser seine Unterschrift für die Entlassungen geben. Gemeinsam mit seiner Frau und vermutlich weiteren Widerständlern ging Estermann in sein Haus, wo sich alle auf den Boden legten, um zu schlafen.

Innwerk-Arbeiter Sarcher ging den US-Truppen entgegen

Einstweilen war Sarcher wieder mit seinem Rad in Richtung Gabersee unterwegs, als er gegen 4.30 Uhr plötzlich von einem Amerikaner aufgefordert wurde: „Hands up“ und „komm her“. Er schilderte die Lage in der Stadt, auch, wie viele in den Lazaretten liegen und sie wollten wissen, wie man über den Inn kommt. Man habe ihn losgeschickt, alle Panzersperren zu entfernen, „und zwar bis 7 Uhr morgens, sonst kracht‘s“ habe man ihm mit auf den Weg gegeben.

Wenn alle noch gesunden Soldaten den Amerikaner entgegen gingen, geschehe keinem was. Sarcher musste ihnen auf der Landkarte noch zeigen, auf welchem Weg sich die deutschen Truppen mutmaßlich zurückgezogen hatten.

Estermann trug noch Wehrmachtsuniform, als die Amerikaner kamen

Estermann berichtet später, er sei in seiner geliehenen Wehrmachtsuniform in der Früh am 3. Mai 1945 Richtung Gabersee gegangen. Gemeinsam mit Sarcher, der einen Bulldog organisiert hatte, und weiteren Helfern, hat er die Panzersperren entfernen wollen. Es handelte sich um tonnenschwere Zementquader, die das Pionierbataillon an der Schanz, vor der Griesstätter Brücke und etwa bei Forsting mit einem Kran aufeinandergestapelt hatte.

Kommunist durfte auf US-Panzer mitfahren

Gegen halb 7 kamen die Amerikaner in die Stadt. „Sie jagten ein paar Schüsse in die Luft“, so Sarcher. Der US-Panzer hatte keine Mühe, die Sperren zu durchbrechen. Der Wille der Widerständler und Helfer zur Mithilfe habe den Amis genügt.

Estermann, der noch die Wehrmachtsuniform trug, sagte ihnen zwar, er sei „Antinazi“, doch zunächst habe man ihn verhaften wollen. An seiner Uniform waren die silbernen Totenkopfsymbole; man hielt ihn vermutlich für einen SS-Mann. Ein Pfleger aus der Heilanstalt Gabersee habe einen Deutsch sprechenden Offizier aufgeklärt, Estermann sei der „der hat die Revolution o‘gstift“. Da sei der Ton ihm gegenüber freundlicher geworden, man schüttelte seine Hand und er durfte auf dem ersten US-Panzer, der zur Stadt fuhr, aufsteigen und mitfahren.

Ein forscher Bursch, der 16-jährige Marinus Baberl Huber, sei übermütig zu Estermann auf den Panzer gesprungen. Als Estermann, dem jungen „Gscheidmacher“ einen „Renner“ geben wollte, haben ihn die GIs gemaßregelt. „Die hätten mi bald g’haut da droben.“ Aber der „Bua“ hab den „Revoluzzer“ immer wieder als „good Mann“ gelobt.

Anton Sarcher wartete an der Kreuzung und fuhr den Militärfahrzeugen über das Innwerk voran, um den Weg zu weisen. Als ein Panzerwagen stecken bleibt, zeigte ihnen Estermann den Weg durch den Tunnel, „so rollten dann die nachfolgenden amerikanischen Panzer in die Stadt ein“. Die Amis gelangten über die Innstaustufe zum südlichen Stadtteil. Die Innbrücke hatten sie schnell provisorisch repariert.

Kreisleiter Knappe: „Die Sache ist gelaufen“

Estermann beschrieb in seinen Interviews, wie er teils auf dem Panzer sitzend, teils nebenher laufend sich der Stadt näherte und den verunsicherten Bürgern lauthals das Ende des Krieges verkündete. Er habe geschrien, „weiße Fahnen raus! Schluss! Weiße Fahnen raus. [...] Und dann war‘s gar, dann war der Kriag gar“.

Knappe tauchte unter

Kreisleiter Kurt Knappe kommentierte den Einmarsch der US-Armee in seinen späteren Interviews nüchtern: „Die Sache ist dann gelaufen, die Amerikaner sind oben reingekommen, ich bin zur Stadt raus“. Zunächst konnte er sich seiner Festnahme durch die Besatzer entziehen.

„Aus Quellen der US-Armee geht hervor, dass sie keine Mühen bei der Einnahme Wasserburgs hatten, die Operation ist laut General George S. Patton mustergültig abgelaufen“, resümiert Robert Obermayr in seiner Forschungsarbeit. Der raubeinige Patton gierte danach, beim „Run auf die Alpenfestung“ in Berchtesgaden dabei zu sein, darum war für seine Mannen die Wasserburger Innbrücke strategisch wichtig.

Am 8. Mai 1945 war der Krieg offiziell zu Ende

Während in Wasserburg der Krieg am 3. Mai 1945 faktisch sein Ende fand, kam der offizielle Friedensschluss erst später. Am Nachmittag des 4. Mai erreichten die Alliierten das Führersperrgebiet am Obersalzberg. Die bedingungslose Kapitulation musste Alfred Jodl als Chef des Wehrmachtsführungsstabes am 7. Mai 1945 in den frühen Morgenstunden im Hauptquartier der westlichen alliierten Streitkräfte in Reims unterzeichnen. Ratifiziert wurde es formell am Tag darauf durch das Oberkommando der Wehrmacht sowie die Oberbefehlshaber von Heer, Luftwaffe und Kriegsmarine in Berlin-Karlshorst.

Knappe im Versteck in Friedlsee aufgegriffen

Kreisleiter Knappe wurde am 8. Mai in seinem Versteck am Friedlsee aufgegriffen und musste seine Internierung antreten. Bürgermeister Franz Baumann kam mit dem Einmarsch der US-Truppen zurück in die Stadt, führte noch einige Tage die Amtsgeschäfte, bis die amerikanische Militärregierung den Kommunisten Josef Estermann als Bürgermeister einsetzte. Da war er 47 Jahre alt.

Im Oktober wurde er auch mit dem Amt des Landrates betraut. „Seine Zeit als Bürgermeister und Landrat währte nur kurz, da er beschuldigt wurde, ein V-Mann der Gestapo gewesen zu sein. Der Vorwurf konnte in der gerichtlichen Auseinandersetzung nicht geklärt werden. Im März 1946 wurde er von der Militärregierung seiner Ämter enthoben“, sagt Robert Obermayr.

Obermayr forscht weiter

Bereits im Dezember 1945 wurde Estermann aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen und trat später der SPD bei. Er war bis zu seinem Tod als Geschäftsmann in der Fertigung von Korb- und Spielwaren in Wasserburg tätig. Robert Obermayr wird sich weiterhin mit der Rolle Estermanns auseinandersetzen, wie er im Gespräch mit der Zeitung ankündigt.

Kommentare