75 Jahre Frieden: Fanatischer Gauleiter Giesler will Wasserburger NS-Ortsspitze hängen sehen

Hier waren die Amerikaner schon in Wasserburg. Die undatierte Aufnahme aus dem Stadtarchiv zeigt unter anderem Walter und Rudi Heßler vor dem militärisch gesicherten Stützpunkt der North Infantry Division Stockade der 20th Armored Division am Kaspar-Aiblinger Platz. Der Fotograf ist unbekannt.
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Hier waren die Amerikaner schon in Wasserburg. Die undatierte Aufnahme aus dem Stadtarchiv zeigt unter anderem Walter und Rudi Heßler vor dem militärisch gesicherten Stützpunkt der North Infantry Division Stockade der 20th Armored Division am Kaspar-Aiblinger Platz. Der Fotograf ist unbekannt.

Nun wird es gefährlich für Kreisleiter Kurt Knappe, Oberstleutnant Nikolaus Puhl, Landrat Dr. Willi Moos und Bürgermeister Franz Baumann. Die vier NS-Männer galten inzwischen beim fanatischen Gauleiter Paul Giesler als Verschwörer. Der wollte sie in Wasserburg vor dem Rathaus hängen lassen.

Von Andrea Klemm

Wasserburg – Sie hatten sich am Morgen des 28. April 1945 mit dem Widerständler und Kommunisten Josef Estermann zusammengesetzt und ein Flugblatt zur friedlichen Kapitulation der Stadt Wasserburg verfasst. Vorausgegangen war dieProklamation der Freiheitsaktion Bayern, die im Radio behauptet hatte, die den Nazis die Regierungsgewalt abgerungen zu haben – was nicht stimmte, wie sich wenige Stunden später herausstellte.

Den letzten Kriegstagen in Wasserburg und der besonderen Rolle von Estermann hat Robert Obermayr, bekannt von „Rio konkret“ eine Forschungsarbeit gewidmet und sich mit den noch vorhandenen Quellen in den Archiven beschäftigt. Er hörte sich die Interviews an und transkribierte sie mühsam. „Manchmal ist Estermann schwer zu verstehen, er sprudelte nur so und drückte sich manchmal unverständlich aus“, so Obermayr über die Tonaufnahmen.

Knappe dachte zunächst, er sei Zeuge, nicht Angeklagter

Giesler wollte Knappe und die anderen örtlichen NS-Spitzenmänner hinrichten lassen, was sein Stellvertreter Bertus Gerdes übernehmen sollte. Gerde schickte von München aus vier Volkssturmmänner nach Wasserburg, die dort auf ihn warten sollten. Aus den eidesstattlichen Erklärungen aus dem Nachlass von Kurt Knappe, die im Stadtarchiv liegen, geht hervor, dass Gerdes gar nicht vorhatte, nach Wasserburg zu fahren, weil dort sonst „ein ungeheures Blutbad“ entstanden wäre. Er soll sich mit seinem Chauffeur in Richtung Erding abgesetzt haben.

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In einer Aussage im Strafprozess 1947 in München wird Kriegskreisleiter Knappe vom Leiter des Volkssturm-Bataillon, Alfred Salisco bezichtigt, ein doppeltes Spiel gespielt zu haben. So soll Knappe die Wasserburger Freiheitsaktion selbst nach München gemeldet haben. Ob sich Salisco irrte – schließlich war es der übliche Dienstweg, dass ein Kreisleiter dem Gauleiter so etwas meldete – bleibt mangels weitere Informationen ungeklärt, schreibt Obermayr in seiner Forschungsarbeit.

Oberstleutnant Puhl wurde gegen 14.50 Uhr verhaftet von der „Heeresgruppe Gustav“. Knappe bot an, als Zeuge mitzufahren. Es ging zum Feldgericht in Holzhausen bei Griesstätt, auch Landrat Dr. Moos wurde dorthin verbracht.

Bürgermeister Baumann befand sich in seinem Büro, als seine Tochter kam und von der Verhaftung des Landrates berichtete. Sie soll gesagt haben, „Papa, es ist so weit, sie kommen dich holen.“ Baumann machte sich aus dem Staub, verließ das Rathaus. Zwei SS-Offizieren, die ihn offensichtlich nicht kannten und den Bürgermeister suchten, habe er noch im Gebäude gesagt, „den such ich ja selber“.

Neben dem Kommunisten Estermann war nun auch der Bürgermeister Baumann untergetaucht. Indes wurde die Stadt nach Widerständlern durchkämmt.

Inzwischen war es Abend. Estermann harrte den restlichen Tag des 28. April in seinem Versteck im Leichenhaus aus, bis gegen halb acht Uhr wieder die Frau des Chefarztes, Helene Müller, kam und ihn zum Schweinestall brachte. „Da war oben [...] a Heu g‘wesen und Stroh und da hab ich mich raufg’legt. Da hat‘s ma noch was zum Essen bracht“, erzählte Estermann 30 Jahre später in seinen Interviews, die der damalige Stadtrat Hans Klinger führte. Helfer brachten ihm eine Unteroffiziersuniform von der Panzerabwehr und eine Pistole, mit einem Schuss Munition. So verwandelte sich Estermann in einen Soldaten und blieb ein paar Tage im Heu versteckt.

Ein Zeitungsleser erinnert sich an Estermann im Heu

Ein Leser der Wasserburger Zeitung, Sebastian Mühlhuber senior, der die Serie „75 Jahre Frieden aufmerksam liest, erinnert sich, dass die „Schachner Kath vom Krankenhaus dem Estermann Essen in den Heuboden brachte“, wie er in einem Telefonat mit der Redaktion berichtet.

Laut Quellenlage eröffnete man gegen 21 Uhr dem Kreisleiter Knappe in der Stube beim Liedl-Bauern (Ort des Feldgerichts), er sei verhaftet wegen des dringenden Verdachts des Hoch- und Landesverrates. „So geht‘s ned. Sie können mich ned verhaften“, habe er entgegnet. Was den linientreuen Oberstleutnant nicht interessiert habe. Der kassierte die Hosenträger der drei Männer und sagte, die Verhandlung beginne erst spät nachts, sie bekommen einen Verteidiger, Fluchtversuche seien zwecklos, das Haus sei umstellt. „Ja, jetzt waren wir also in dieser Bauernstube und haben uns recht dumm ang‘schaut, alle miteinander“, erzählte Knappe später.

Die Verhandlung führte der „Oberfeldrichter Hämmerl“, ein Mann stellte sich als Staatsanwalt vor und ein Luftwaffenoberleutnant sollte als Verteidiger fungieren. Der habe gesagt, „meine Herren, wir werden nicht viel verteidigen können, Ihre Sache ist hoffnungslos“.

Das Flugblatt zur friedlichen Kapitulation war die Grundlage der Anklage gegen Moos und Puhl. Kreisleiter Knappe, der es nicht unterschrieben hatte, wurde seine passive Haltung vorgehalten, dass er die Stadt nicht habe verteidigen wollen oder den Aufstand niedergeschlagen habe. Der Oberst, dem er den Schießbefehl verweigert hatte, belastete ihn mit seiner Zeugenaussage.

Der Leiter des Volkssturm-Bataillons, Alfred Salisco, erhielt gegen 21 Uhr den Auftrag, Deserteure zu verhaften, darunter den Fahnenflüchtigen Joseph Mittermaier.

Saliscos Aussage, die Kreisleitung in Wasserburg, also Knappe, habe Mittermaiers Namen wohl schon am Vormittag nach München gemeldet, sollte sich 1947 belastend auf Knappes Spruchkammerverfahren auswirken. Dabei könne nicht geklärt werden, wer die Namen der Deserteure meldete, sagt Robert Obermayr anhand der Quellenlage. Mittermaier wurde am Abend des 29. April mit drei weiteren Männern im Perlacher Forst erschossen – ohne standgerichtliches Verfahren. SS-Männer hatten den Schießbefehl an den Volkssturm übertragen. Als Zeuge sagte später der damalige Truppführer Josef Apfelbeck aus: „[...] Einer der SS-Männer gab dann die Kommandos ,Laden, Entsichern, Legt an, Feuer!’ Dann krachte die Salve und die vier Männer sanken zusammen [...].“

Puhl und Moos von Feldgericht zum Tode verurteilt

Gegen 4 Uhr morgens am 29. April 1945 wurden Obertsleutnant Puhl und Landrat Dr. Moos zum Tode verurteilt und Knappe freigesprochen – aus Mangel an Beweisen. Es war auch die Rede von fünf Jahren Zuchthaus. Später sagte Knappe, er habe deutlich gemacht, für ihn als politischer Leiter sei nur der Reichsverteidigungskommissar oder der Gauleiter Giesler selbst zuständig.

Die drei Gefangenen wurden zu Fuß streng bewacht zum benachbarten Weiler in Viehhausen gebracht, wo sie Gnadengesuche verfassen durften. Gegen 6 Uhr wurden sie vorübergehend in den kalten Kartoffelkeller gesperrt und später hat man sie von acht Männern mit Maschinenpistolen bewacht hinter der Scheune in der Sonne ausharren lassen.

Als die schriftlichen Urteile gegen Mittag vorlagen, wurde Knappe, aus der Haft entlassen. Er sollte nach München zum Gauleiter Giesler gebracht werden. Er atmete auf. „Der Gauleiter Giesler hat auf mich immer große Stücke gehalten – und ich kann dann auch den anderen helfen“. Zunächst bat Knappe noch, bei seiner Frau in Wasserburg vorbeischauen zu dürfen.

Zeitgleich oder auch schon während Knappe noch in Viehhausen „vor Gericht“ war, dürfte des Exekutionskommando vom Volkssturm aus München in Wasserburg eingetroffen sein.

Knappe wurde von seiner Wohnung im Burgerfeld im eigenen Dienstwagen, einem Cabriolet, von Obergruppenführer Wisch und einem bewaffneten Volkssturmmann weggebracht, im Wagen saß auch Ortsgruppenleiter Hans Reichl. Knappe bat, nochmal ins Kreishaus zu dürfen, wo er geistesgegenwärtig den Zweitschlüssel seines Dienstwagens einsteckte.

Inzwischen dürfte Knappe bewusst geworden sein, dass seine Mitfahrt nicht ganz auf Freiwilligkeit beruhen konnte. Gegen 16 Uhr kamen die Männer im Gauleiter-Bunker in der Von-der-Tann-Straße in München an.

Dort saßen einige Offiziere und Gauamtsleiter an einem langen Tisch. Mehrere Männer hätten ihn gewarnt, „Du lebst no? Mensch, hau ab“ und „die knöpfen dich auf“. Knappe erzählt 1975 in seinen Interviews, er habe es nicht glauben wollen und dann dämmerte ihm die Gefahr und er wollte sich „drücken“. Plötzlich habe Gauleiter Giesler vor ihm gestanden, der nichts hören wollte von ihm. „Er hat mir die Hand auf die Schulter gelegt und gesagt, ,Knappe, ich hab Sie so gern g’habt. Ich hab so große Stücke auf Sie gehalten. Aber Sie sind genau so ein Verräter wie die andren auch und jetzt wird Schluss gemacht‘.“ Was mit „Schluss“ gemeint war, habe er nicht so recht gewusst.

Dann kam ein Adjutant rein und meldete, dass soeben acht amerikanische Panzer in Freimann eingefahren seien. Aufregung und Aufbruch habe eingesetzt, erinnert sich Knappe später. Die Offiziere griffen zu den Waffen, Giesler zog seinen Gauleiterrock aus und einen Hauptmannsrock an.

Er sei die Treppe raufgerannt, weil auf ihn in dem Durcheinander niemand mehr achtete. Reichl sei mit ihm entwischt.

Glücklicherweise hatte er seinen Zweitschlüssel vom Cabrio bei sich. „Bin gestartet und wieder Teufel ausm Hof rausgefahren. Es hat mich kein Mensch aufgehalten.“ Die zwei hörten von der Ferne Gefechtslärm und bretterten durch bis nach Wasserburg. So erzählte er es 1975. Allerdings hatte Knappe laut Spruchkammerakten von 1947 noch erwähnt, dass ihn Gauleiter Giesler in dem Trubel entlassen habe, mit dem klaren Auftrag nach Holzhausen zu fahren, wo Puhl und Dr. Moos noch inhaftiert waren, und dem Gericht dort des Gauleisters Einwilligung zur Vollstreckung des Todesurteils der beiden Männer zu überbringen. Den gleichen Auftrag habe auch Ortsgruppenleiter Reichl erhalten.

Reichl und Knappe seien sich einig gewesen, diese Anordnung zu verschweigen und somit Puhl und Moos zu retten.

Knappe erzählt später, er sei gegen 18 Uhr wieder ins Kreishaus gekommen, wo er eigenen Angaben zufolge aus Pflichtbewusstsein weitere zwei Tage seine Tätigkeit fortsetzte. Dass er nach wie vor in Gefahr schwebte und zum Tode verurteilt war, habe er zu diesem Zeitpunkt nicht geahnt. Er habe außerdem auch die Sprengung der Innbrücke verhindern wollen. Währenddessen wurden Puhl und Moos in Holzhausen noch festgehalten. Allerdings: Die dort zuständigen Funktionäre hätten sich ohnehin geweigert, die Todesurteile zu bestätigen, erinnern sich die Männer später.

Fortsetzung folgt.

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