Integration in Wasserburg: Flüchtling wird Klassenbester – und hat Lehrvertrag in der Tasche

Talentierter Schüler: Flüchtling C. aus Afghanistan hat die Praxisklasse an der Mittelschule geklappt – und wird Maler, sein Traumberuf.
+
Talentierter Schüler: Flüchtling C. aus Afghanistan hat die Praxisklasse an der Mittelschule geklappt – und wird Maler, sein Traumberuf.

Vom unbegleiteten Flüchtling zum erfolgreichen Schüler und Maler-Lehrling: An der Mittelschule Wasserburg hat ein begabter junger Mann aus Afghanistan den Grundstock Bildung für die Integration gelegt. Das ist seine Geschichte, aufgeschrieben von der Schulleitung.

Wasserburg – „Vor fünf Jahren kam C. – damals 13 Jahre alt – als unbegleiteter Flüchtling aus Afghanistan nach Deutschland. Seine Eltern und seine Schwester leben heute noch in einem griechischen Flüchtlingslager. C. kann seit Jahren nur per Skype mit ihnen kommunizieren. Er hatte Glück im Unglück - er wurde in eine Wasserburger Pflegefamilie aufgenommen, in der afghanisch gesprochen wird. An der Mittelschule Wasserburg besuchte er die Übergangsklasse (Deutsch-Lernklasse).

Große Lernerfolge – trotz Trennung vom Elternhaus

Im September 2018 wechselte C. dann in die Praxisklasse. Schritt für Schritt entwickelte er seine sprachlichen Fähigkeiten, das grundlegende Wissen und seine Berufsreife. Nach einem Jahr Praxisklasse beschlossen alle gemeinsam (Lehrer, Sozialpädagogin, C. und seine Pflegeeltern), dass er noch ein weiteres Jahr in dieser Klasse gefördert wird. Die dortigen Hilfestellungen nahm C. sehr gut an, sodass seine Lernfortschritte immens waren und er auch die deutsche Lebens- und Wertekultur mehr und mehr verstand. Dies alles bewältigte er, getrennt von den Eltern, in einem völlig neuen Kulturkreis mit fremder Sprache.

Das könnte Sie auch interessieren: Erwachsen werden ist nicht leicht, aber für Maxi aus Eiselfing ist es durch einen Paten leichter

Die Praxisklasse an der Mittelschule Wasserburg besuchten heuer drei Schülerinnen und elf Schüler. Ihre Begabungen liegen eher im praktischen Arbeiten. Die klassischen Schulfächer wie Mathematik, Deutsch und Englisch bereiteten den Schülern und damit auch ihren Eltern oft jahrelang große Schwierigkeiten. In der Praxisklasse setzen die Lehrkräfte mit dem Stoff dort an, wo die Schüler stehen. Für jeden Lernfortschritt werden sie viel gelobt, um ihre Motivation zu fördern und ihre Anstrengungsbereitschaft zu sichern. Jeder reift hier in seinem Tempo ohne Vergleich mit den Leistungsanforderungen der Regelklassen.

In Malerkluft Wunschberuf vorgestellt

Zu Gute kommen den Schülern die neun Wochen Praktikum. Hierbei können sie ihre Qualitäten wie Pünktlichkeit, Höflichkeit, ihren Arbeitswillen und -eifer zeigen, sodass bei der Lehrstellenvergabe nicht in erster Linie ihre Noten ausschlaggebend sind, sondern ihre Taten und ihr Fleiß.

Seit 20 Jahren gibt es nun die Praxisklasse, unter der Betreuung von Sozialpädagogin Claudia Fischer, an der Mittelschule Wasserburg. Ihre Aufgabe ist es, gemeinsam mit den Schülern eine realistische Berufswegeplanung zu erarbeiten und die Praktika so gut vorzubereiten, dass sie nach der Praxisklasse direkt eine Ausbildungsstelle erhalten oder in eine passende berufsvorbereitende Maßnahme entlassen werden können. Niemand geht ohne direkten Anschluss aus der Praxisklasse, lautete das Ziel der Mittelschule.

Dies galt auch heuer für Flüchtling C. Er hat den „erfolgreichen Abschluss der Mittelschule im Rahmen der Praxisklasse“ bestanden – als Klassenbester. Sein Techniklehrer Stefan Schrag war voll des Lobes über die praktische Prüfung seines Schützlings. Beeindruckt hat der künstlerisch begabte Schüler bei der mündlichen Deutschprüfung: In „Malerkluft“ (sein Wunschberuf) hielt er frei ein Referat über seine Praktika. Einen Ausbildungsvertrag bei einem Wasserburger Malerbetrieb hat er bereits in der Tasche.“

Kommentare