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Inklusion: Dominik Liedl aus Griesstätt und die Hürde Arbeitsmarkt

Geschafft! Stolz hat Dominik Liedl aus Griesstätt sein Abschlusszeugnis in Empfang genommen. Doch jetzt ist es für ihn eine Herausforderung, einen passenden Arbeitsplatz zu finden.
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Geschafft! Stolz hat Dominik Liedl aus Griesstätt sein Abschlusszeugnis in Empfang genommen. Doch jetzt ist es für ihn eine Herausforderung, einen passenden Arbeitsplatz zu finden.

Dominik Liedl aus Griesstätt muss feststellen, dass ihm die Türen für den Eintritt ins Berufsleben nicht so weit offen stehen wie anderen Absolventen. Der 22-Jährige hat ein Handicap: Im Alter von sechs Monaten erlitt er nach einem Unfall eine Halbseitenlähmung.

Griesstätt – Im dunklen Anzug mit roter Krawatte strahlt er in die Kamera: Dominik Liedl ist der Stolz darüber, dass er die Prüfung zum Fachpraktiker für Bürokommunikation bestanden hat, deutlich anzusehen. Sogar Staatsministerin Kerstin Schreyer hat ihm persönlich gratuliert – ebenso wie der Chef des Münchener Flughaftens. Und trotzdem ist die Freude etwas gedämpft. Denn der Griesstätter musste feststellen, dass ihm die Türen für den Eintritt ins Berufsleben nicht so weit offen stehen wie anderen Absolventen. Der 22-Jährige hat ein Handicap: Im Alter von sechs Monaten erlitt Dominik Liedl nach einem Unfall eine Halbseitenlähmung. Bis heute muss er eine Handschiene zur Unterstützung tragen.

Handschiene zur Unterstützung

Seine körperliche Einschränkung hat er akzeptiert, denn in den vergangenen Jahren ging es dank vieler neurologischer und orthopädischer Therapien oft bergauf. Jetzt hat er jedoch einen Talpunkt erreicht, denn als junger, gehandicapter Mann auf dem Land, ohne Führerschein, fällt es ihm schwer, einen Arbeitsplatz zu finden. „Wir befinden uns in einer Sackgasse", bringt seine Mutter Marion Liedl das Problem auf den Punkt.

Bis zum 22. Lebensjahr war das Hilfsnetz für ihren Sohn eng geknüpft. Als Kind erhielt er in der Pfennigparade in München unter anderem erfolgreich Therapien nach dem ungarischen Arzt Petö. Bis zum 14. Geburtstag ging es zwei bis drei Mal pro Woche zur Physio-, Ergo- und Sprachtherapie.

Therapien wurden hier in den Alltag eingebaut

Bis zur sechsten Klasse besuchte Dominik die Förderschule Wasserburg. In der siebten Klasse wechselte er an die Förderschule mit Schwerpunkt motorische Entwicklung der Pfennigparade in München. Dort besuchte er auch das Internat. Therapien wurden hier in den Alltag eingebaut. Nach dem Mittelschulabschluss folgte eine vom Arbeitsamt geförderte Ausbildung im Münchener Berufsbildungswerk ICP, das 30 Jahre Erfahrung mit Cerebralparesen hat. Hier hat er jetzt nach drei Jahren Berufsvorbereitung und drei Jahren Ausbildung zum Fachpraktiker für Bürokommunikation die Prüfung mit IHK-Abschluss bestanden.

Trotzdem ist Dominik Liedl nicht so richtig nach Feiern zu Mute. Denn seinen Freunden, die er im Internat in München kennengelernt hat, musste er Lebewohl sagen, zurück zu Mutter und Vater ziehen. Ganz alleine leben, das geht nicht ohne Betreuung. Ideal wäre eine Wohngemeinschaft für Menschen mit Handicaps.

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Eine Wohnung kann er sich jedoch nicht leisten. Das liegt auch daran, dass es auf die von ihm verschickten Bewerbungen seit Wochen nur Absagen gibt. „Es geht nicht voran“, sagt der 22-Jährige, der seine Verzweiflung kaum mehr verbergen kann.

Seit Wochen nur Absage

Was jedoch oft noch schlimmer wirkt: Viele potenzielle Arbeitsplätze kann Dominik Liedl nicht eigenständig erreichen. Er ist auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Natürlich stehen ihm hilfsbereite Eltern zur Seite, die 22 Jahre lang alles getan haben, damit er sich trotz Behinderung gut entwickelt. Doch die Eltern wünschen sich, dass Dominik sein Leben möglichst selbstständig gestalten kann. Abhängig sein vom Elterntaxi, um den Arbeitsplatz zu erreichen, oder sich mit Freunden zu treffen: Das möchte auch der junge Mann nicht, „das nervt“, sagt er knapp.

Bus- und Zugverbindungen sind jedoch im Land kreis Rosenheim nicht optimal – es gibt große Lücken im Netz, vor allem auf dem Land. Dominik Liedl muss außerdem weiterhin Therapien absolvieren, diese sollten, wenn möglich, in den Arbeitsalltag integriert werden.

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Vielen seiner Kollegen aus der Ausbildung in München, alle mit Handicaps, geht es ähnlich, berichtet er. Die meisten ziehen jetzt nach erfolgreichem Abschluss der Ausbildung wieder heim zu den Eltern – nach mehreren Jahren im Internat, daran gewöhnt, Bus, U- und S-Bahn für die Mobilität zu nutzen, daran gewöhnt, in einer Großstadt mit vielen Angeboten auch für Behinderte zu leben. Dominik Liedl beispielsweise hat in Fürstenried sogar Integrationsfußball im Verein gespielt.

Auch in Griesstätt ist er gut integriert. Er ist aktiv in der Schützengesellschaft Griesstätt, spielt Keyboard, er trifft sich mit Freunden, genießt das Familienleben. Doch er würde gerne seinen Bewegungsradius erweitern – nicht nur räumlich, sondern auch finanziell gesehen. Denn es fehlt ein erreichbarer Arbeitsplatz – am besten in einem Unternehmenslager, in Poststellen oder Vertrieb. Denn Domenik Liedls Stärke ist sein Perfektionismus. In der Lehre und in Praktika hat es ihm vor allem überall dort gut gefallen, wo es auf das Ordnen, Sortieren und Organisieren ankam.

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Es ist ein Kreislauf: „Ohne Arbeit kein Geld, keine Wohnung, keine Selbstständigkeit“, sagt Marion Liedl. Sie wünscht ihrem Sohn die bestmögliche Unabhängigkeit. Er soll sein Erwachsenenleben selber gestalten können: am Arbeitsplatz, in der

Freizeit. Dass sie für ihn nun Arbeitslosengeld beantragen muss, schmerzt. Ebenso wie der Kampf durch den Behörden-Dschungel. Die Mutter befinde sich auf Ämterrallye, um herauszufinden, welche Hilfen es nun für ihren Sohn gibt, kämpft sich durch einen Berg von Anträgen. „Wir fühlen uns allein gelassen“, sagt sie. Zum ersten Mal ist das so, denn bisher gab es stets viel Unterstützung und Förderung von Fachstellen. Bis zum Ausbildungsabschluss war alles gut organisiert, „jetzt befinden wir uns im danach.“

Dominik Liedl zeigt sich äußerlich ruhig und gelassen, doch im Innern brodelt es in ihm, weiß seine Mutter. „Wie soll es weitergehen?“ fragt ihr Sohn.

Das sagt die Fachstelle Inklusion beim Landratsamt Rosenheim:

Tun sich junge Leute mit einem kleinen Handicap trotz abgeschlossener Ausbildung nach wie vor schwer bei der Arbeitsplatzsuche? Ja, sagt Jakob Brummer, Leiter der Fachstelle Inklusion am Landratsamt Rosenheim. Dominik Liedl sei kein Einzelfall. Menschen mit Behinderungen hätten nach wie vor oft Probleme beim Übergang von Schule und Ausbildung zur Festanstellung, dazu bestehe weitgehend Konsens, so Brummer. Er bestätigt auch, dass es auf dem Land besonders schwierig ist für junge Leute, die keinen Führerschein haben. 

Derzeit werde im Landkreis jedoch ein neues Konzept für den ÖPNV mit deutlichen Verbesserungen entwickelt, verweist er auf zu erwartende bessere Zeiten. Zum Thema Arbeitsweg und zur Anschaffung eines behindertengerechten Fahrzeuges würden die Agentur für Arbeit und der Integrationsfachdienst Hilfestellung geben. 

Anerkennung für die Leistungen

Es gebe auch Unterstützung bei der Arbeitsplatzsuche – ebenfalls durch die Agentur für Arbeit, das Jobcenter, den Integrationsdienst Oberbayern-Süd-Ost und weitere Dienste wie die Junge Arbeit oder das Kompetenzzentrum berufliche Teilhabe der Diakonie. Diese Stellen seien vernetzt und würden je nach Bedarf vermitteln. 

Was rät Brummer Eltern und Betroffenen? „Erste einmal verdienen Betroffene wie Dominik Liedl und seine Eltern alle Anerkennung dafür, was sie alles leisten und wie sie mit dieser belastenden Situation umgehen. Wenn Menschen nahezu alle bekannten Wege gegangen sind, sind Ratschläge fehl am Platz. Man kann nur wünschen, dass sich mehr und mehr Betriebe Arbeitssuchenden wie Dominik Liedl öffnen und adäquate Arbeitsmöglichkeiten schaffen.“ 

Beratung durch die Fachstellen

Nicht nur einzelne arbeitsuchende Menschen mit Behinderungen, sondern auch Betriebe brauchen nach Erfahrungen der Fachstelle Inklusion am Landratsamt behördliche und finanzielle Unterstützung, um Menschen mit Behinderungen beschäftigen zu können. 

Bei dauerhafter Leistungsminderung oder -einschränkung und erhöhtem Anleitungsbedarf seien unbürokratische Hilfen notwendig – beispielsweise ein finanzieller Ausgleich für die Betriebe sowie zusätzliche Unterstützung, etwa durch Arbeitsassistenten oder weiteres Personal, das für die Anleitung und Betreuung zum effizienten Einsatz von Mitarbeitern mit Behinderungen erforderlich ist. Welche Möglichkeiten es hierzu gibt, auch dazu beraten und informieren die Fachstellen.

Hier finden junge Leute mit Handicap Unterstützung: 

  • Agentur für Arbeit, Team Reha, Leiterin Astrid Schneider (Astrid.Schneider3@arbeitsagentur.de) 
  • Jobcenter Landkreis Rosenheim, Franz Heuberger (Franz.Heuberger@jobcenter-ge.de)
  • Integrationsfachdienst Bayern Süd-Ost: Leiterin Astrid Schlegel (ifd.schlegel@bfz-peters.de) und Agnes Lang (ifd.lang@bfz-peters.de), hier geht es zur Website des Integrationsfachdienstes 
  •  Landratsamt-ÖPNV, Hans Zagler (Johann.Zagler@lra-rosenheim.de) 
  • Junge Arbeit Rosenheim, Leiter Hans Mittere (hm@junge-arbeit-rosenheim.de)
  • Kompetenzzentrum berufliche Teilhabe, Carsten de Vries und Michael Jahn (kompetenzzentrum@sd-obb.de), hier geht es zur Website des Kompetenzzentrums.

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