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Hilfe auf dem Arbeitsmarkt

Inklusion: Christine (23) ist dank Fairjob Wasserburg auf dem Weg nach oben

Bis auf 26 Meter Höhe hat sich Christine Brixen am Turm der Vogtareuther Kirche St. Emmeran, ihrem aktuellen Einsatzort beim Wasserburger Inklusionsunternehmen fairjob, bereits hoch gearbeitet.
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Bis auf 26 Meter Höhe hat sich Christine Brixen am Turm der Vogtareuther Kirche St. Emmeran, ihrem aktuellen Einsatzort beim Wasserburger Inklusionsunternehmen Fairjob, bereits hoch gearbeitet.
  • Petra Maier
    VonPetra Maier
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Es gibt Menschen, die sich auf dem ersten Arbeitsmarkt etwas schwerer tun – unter anderem weil sie langsamer arbeiten oder etwas mehr Hilfestellung benötigen. Bei Fairjob, einem Inklusionsunternehmen der Stiftung Attl, wachsen viele über sich hinaus – so wie Christine und Georg.

Wasserburg – Christine Brixen (23) hat eine Malerlehre gemacht, aber danach hat sie es in keinem Betrieb lange ausgehalten. „Ich war eigentlich immer auf Arbeitssuche, bin nirgendwo lang geblieben“, beschreibt sie ihren Weg. „Das lag daran, dass ich die Geschwindigkeit beim Arbeiten nicht schaffen konnte“, gesteht sie freimütig. Jetzt sei das anders: Christine arbeitet inzwischen für das Wasserburger Inklusionsunternehmen Fairjob und dort geht man vor allem auf die besonderen Fähigkeiten der Mitarbeiter ein.

Christine wächst über sich hinaus

Das hat Christine beflügelt. Sie fühlt sich wohl beim Arbeiten und wächst sogar über sich hinaus: Beim Malern auf dem hohen Gerüst an der Kirche in Vogtareuth wagte sie sich jeden Tag ein Stück weiter noch oben – bis sie in 26 Metern Höhe das Kranzgesims erreichte. Bis zur Turmuhr sind es nur noch vier weitere Meter. Stolz blickt sie heute auf ihre neu gewonnene Furchtlosigkeit und schwärmt dementsprechend von ihrem Arbeitgeber: „Chefin und Kollegen sind wirklich nett, ich fühle mich sehr wohl in der Firma.“

40 Prozent Menschen mit Behinderung

Die Firma heißt Fairjob. Im April 2015 eröffnete sie die Bereiche Garten- und Landschaftsbau sowie den Malerfachbetrieb, in dem Christina Brixner heute als Helferin mitarbeitet. 2016 folgte die Eröffnung des dritten Betriebsbereiches: das „Cafesito“ in der Wasserburger Altstadt. Geschäftsführer ist Guido Zwingler.

Jeder der drei Bereiche hat seinen eigenen Meister, der zusammen mit Gesellen und Helfern die anfallenden Arbeiten erledigt. Sabina Sewald, Bereichsleiterin für den Malerfachbetrieb, erklärt: „Das Spezielle an unserem Unternehmen ist, dass wir einerseits wirtschaftliche Ziele verfolgen und andererseits dauerhaft rund 40 Prozent Menschen mit Behinderung beschäftigen. Die fachliche Kompetenz und die praktische Anleitung werden durch unser Fachpersonal in den jeweiligen Branchen erbracht.“

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Fairjob ist eine Tochterfirma der Stiftung Attl und sowohl der Maler- als auch der Landschafts- und Gartenbaubetrieb haben auf dem Stiftungsgelände ihren Hauptsitz – für den sie auch Miete zahlen. „Alle Mitarbeiter sind sozialversicherungspflichtig. Wir erwirtschaften unsere Löhne selbst – und die Miete und die Arbeitsgeräte und den Fuhrpark.“

20 Prozent der Aufträge bekommt die Firma Fairjob von der Stiftung Attl, aber die restlichen Aufträge kommen von außerhalb, von Privatkunden, vom Staatlichen Bauamt, von der Kirche, Gemeinden oder anderen Behinderteneinrichtungen“, beschreibt die Bereichsleiterin die Auftragslage. Abgerechnet wird in der gemeinnützigen GmbH mit einer Mehrwertsteuer von sieben Prozent.

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Zwischen Ebersberg und München, Mühldorf und Rosenheim liegen ihre Arbeitseinsätze – „und es werden erfreulicherweise immer mehr“, betont Sewald. Vom Hauptsitz in Attel aus machen sich die Helfer morgens um sieben Uhr mit dem Bus auf den Weg. Keiner von ihnen wohnt in der Stiftung. Sie kommen alle von daheim. Bei den Malern ist Christine die einzige Helferin mit Beeinträchtigung, beim Gartenbau sind es drei. Der Meister und die Gesellen des jeweiligen Bereichs bringen am jeweiligen Einsatzort nicht nur ihr technisches Know-how mit, sondern leiten auch die Helfer unterstützend bei ihrer Arbeit an.

Fairjob kann auch als Sprungbrett dienen

„Bis 17 Uhr dauert auch bei uns ein Arbeitstag. Wir erklären unseren Helfern jeden Tag auf’s Neue einen Arbeitsschritt nach dem anderen, leiten sie an und geben ihrem Tag so die nötige Struktur“, beschreibt Sewald ihren Arbeitsalltag. „Manche der Helfer kommen trotzdem an ihre Grenzen, aber es gibt auch welche, die unsere Firma als Sprungbrett genutzt haben und nun wieder ein ‚ganz normales‘ Arbeitsleben führen können“, freut sich die Malermeisterin. Jeder könne etwas leisten und erlernen, glaubt sie, man müsse nur erkennen, wo die Begabung des Einzelnen liege.

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Georg Kammerer ist im Wasserburger „Cafesito“ von der Bestellaufnahme bis zum Abrechnen und Kassieren für „seine“ Kunden zuständig. Hier präsentiert er stolz sein Gerät zum mobilen Bonieren.

Georg Kammerer (26) hat sein Talent erkannt. Der junge Mann arbeitet seit fünf Jahren im „Cafesito“ in Wasserburg. Viel hat er vorher schon ausprobiert: Georg war bei einem Metzger, einem Maler, einem Kfz-Mechaniker und auf dem Bauernhof – aber im „Cafesito“ ist er geblieben. Der Umgang mit Menschen macht ihm Freude. „Inzwischen weiß ich auch, was meine Stammkunden so lieben“, verrät er. „Eben war noch einer der Chefs von Attl da, Herr Hartl, der trinkt immer Wasser, das weiß ich schon,“ verrät er.

Drei Fragen an Andreas Harraßer, Deutsche Angestellten Akademie Rosenheim

Warum ist es so wichtig, dass auch für Mitarbeiter mit Handicap Arbeitsplätze zur Verfügung stehen? Was glauben Sie als Regionalleiter der Deutschen Angestellten Akademie (DAA) Rosenheim?

Andreas Harraßer: Wenn wir Personen mit Handicap – egal welcher Art – vom (Arbeits-)Leben ausschließen, schließen wir uns selbst von großen Potenzialen aus. Menschen mit Handicap sind gleichzeitig auch Menschen mit anderen Sichtweisen, großem Durchsetzungsvermögen, hoher Loyalität, voller Kreativität – und sicherlich einem hohen Maß an Organisationstalent und Selbstmanagement. Man sollte als Arbeitgeber nicht vergessen, dass diese Menschen im Alltag oft bereits schier unglaubliches zu leisten im Stande sind und diese Fähigkeiten auch im Arbeitsleben zum Einsatz bringen. Beispiele für solche Leistungen gibt es genug: der Rollstuhlfahrer, der trotz der nicht durchweg vorhandener Barrierefreiheit „überall hinkommt“, oder die hörgeschädigte Mutter von drei pubertierenden Kindern, die mit Leichtigkeit die Verwaltung eines mittleren Unternehmens organisiert und dabei noch die gute Seele der Belegschaft ist.

Werden es immer mehr Arbeitssuchende, die einen „besonderen“ Arbeitsplatz benötigen und sind diese besonderen Arbeitsplätze in unserer Region leicht zu finden?

Harraßer: Es werden meiner Meinung nach nicht immer mehr Arbeitssuchende, die einen „besonderen“ Arbeitsplatz suchen, sondern es werden immer mehr Menschen, die sich – zum Glück für uns alle – nicht mehr ausgrenzen lassen. Und zum Glück werden es auch immer mehr Menschen, die das unterstützen und erkennen, was wir uns selbst über so lange Zeit als Gesellschaft angetan haben. Darum fällt es seit einiger Zeit auch leichter, solche besonderen Arbeitsplätze zu finden, aber leider sind das noch längst nicht genug.

Was würden Sie sich zum Thema Inklusion wünschen?

Harraßer: Allenthalben hört und liest man von Bewegungen und Ideen zu gendergerechter Sprache, Kampf gegen Fremdenhass, LGBTIQ-Organisationen und dergleichen – dabei geht es doch ganz schlicht um eins: Alle Menschen sollten gleich behandelt werden, gleichwertig akzeptiert und frei leben und arbeiten dürfen – auch die Menschen mit Handicaps. Wenn die Gesellschaft – und vor allem auch die Arbeitgeber – es schaffen, diese simple Idee wirklich zu leben, erschließen sich uns sicherlich noch unglaubliche weitere Potenziale und Wachstumsmöglichkeiten, von denen wir aktuell noch nicht mal träumen können.

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