AUFARBEITUNG DER NS-ZEIT

In Haag entsteht ein Denkmal für einen standhaften Demokraten

Georg Jäger war ein standhafter Demokrat, dem seine Nachkommen jetzt ein Denkmal setzen.
+
Georg Jäger war ein standhafter Demokrat, dem seine Nachkommen jetzt ein Denkmal setzen.
  • Heike Duczek
    vonHeike Duczek
    schließen

Er weigerte sich, in die NSDAP einzutreten – und musste diese klare Haltung büßen: 1933 wurde Georg Jäger, Großvater des heutigen Geschäftsführers der Milchwerke Jäger, als Haager Bürgermeister abgesetzt – und kam nach Dachau ins KZ. An den standhaften Demokraten erinnert demnächst ein Denkmal.

Haag – 2020 hätte das Milchwerk Jäger eigentlich das 150-jährige Bestehen begehen sollen. Ein großes Fest war geplant. Doch Corona machte einen Strich durch die Rechnung. Außerdem starb der Seniorchef. Auch deshalb war seinem Sohn Hermann Jäger nicht nach feiern zumute.

Zum Rückzug aus Bürgermeisteramt gezwungen

Trotzdem: Das Familienunternehmen sammelte Informationen für ein Buch zum 150-Jährigen. Tief tauchten Hermann Jäger junior, seine Frau und der befreundete Kulturmanager Peter Syr in die Historie ein. Und stellten bei ihren Recherchen in den privaten und betrieblichen Archiven fest: Es wird Zeit, Georg Jäger ein Denkmal zu setzen. Denn er stehe nicht nur für wirtschaftliche Erfolge der Milchwerke, so die Familie. Der Sohn des Gründers sei auch ein Mann gewesen, der 1933 als Bürgermeister von Haag den Nationalsozialisten Widerstand geleistet habe.

Diese Fotomontage von Peter Syr zeigt, wo das Denkmal in Haag stehen und wie es aussehen wird.

NSDAP-Mitglieder stürmten das Rathaus

Am 27. März stürmten NSDAP-Mitglieder, vermutlich SA-Männer, ins Haager Rathaus und forderten Georg Jäger auf, in die NSDAP einzutreten, haben die Recherchen ergeben. Dies lehnte er ebenso ab wie die Aufforderung, aufgrund seiner Weigerung als Bürgermeister zurückzutreten. Er sei vom Volk gewählt worden, deshalb käme das für ihn nicht Frage, waren seine Worte.

Molkerei wurde enteignet

Georg Jäger wurde zwangsweise abgesetzt, ebenso der Zweite Bürgermeister Weißmüller. Auch den Kreistag musste Georg Jäger verlassen, wie aus Briefen der Nationalsozialisten herauszulesen ist. Anschließend kam Georg Jäger, 56 Jahre alt und schwer krank, ins KZ-Dachau, das gerade erst gebaut worden war. Die Molkerei wurde unter die Aufsicht des „Reichsnährstandes“ gestellt.

Mit diesem Brief wurde Georg Jäger 1933 aufgefordert, sein Amt als Bürgermeister niederzulegen.

Das könnte Sie auch interessieren: Wasserburg lobt 18.000 Euro Preisgeld für Forschung über NS-Zeit in der Stadt aus

Setzt dem Großvater ein Denkmal: Hermann Jäger.

Wie lange Georg Jäger in Dachau ausharren musste, ist nicht bekannt, berichtet sein Enkel Hermann Jäger. Irgendwann kehrte der Großvater zurück, arbeitete auch weiter in seinem Betrieb, war jedoch enteignet. Produktionsabläufe, Preise, Verkaufsstrategien: Alle Entscheidungen lagen beim nun NS-Regime, weiß der Enkel aus Unterlagen, die ihm vorliegen. „Einmal bekam mein Großvater einen auf den Deckel, weil seine Preise angeblich zu billig waren“, hat er aus den Archivmaterialien herausgelesen.

Weitere Artikel und Nachrichten aus der Region Wasserburg finden Sie hier.

Hermann Jäger, geboren 1963, hat den 1966 gestorbenen Großvater noch gekannt. Er erinnert sich vor allem daran, dass dieser auf einem Stuhl saß, von dem aus er immer einen Blick auf den zentralen Bräuhausplatz hatte. Denn das Leben in seinem Heimatort – wirtschaftlich und gesellschaftlich – lag ihm sehr am Herzen.

„Es gab nicht viele, die in dieser Zeit Widerstand gegen den Nationalsozialismus geleistet haben“, betont Syr, der die Idee für das Denkmal hatte. Sie griff der Enkel gerne auf, denn auch er findet, der Großvater habe als „standhafter Demokrat“ eine Würdigung verdient. Georg Jäger war 19933, als er aus dem Amt des Bürgermeisters verjagt wurde, Mitglied der Bayrischen Volkspartei. Nach dem Krieg war er noch einmal von 1946 bis 1948 Zweiter Bürgermeister von Haag. Für seine Verdienste ernannte ihn die Marktgemeinde 1947 zum Ehrenbürger. 1966 verstarb er.

Kommunalpolitisch sehr erfolgreich, ehrenamtlich aktiv

Georg Jäger war kommunalpolitisch sehr erfolgreich: Er sorgte dafür, dass Haag das erste Krankenhaus bekam, war Erbauer der Turnhalle. Er war auch ein sehr geselliger und ehrenamtlich aktiver Mensch: als Vorstand des TSV-Haag und Mitbegründer der Haager Schäffler. Außerdem war er Mitglied im Verwaltungsrat der Kreis- und Stadtsparkasse, Vorstand der Ortskrankenkasse und in zahlreichen berufspolitischen Ämtern in Landwirtschaft und Molkereiwesen tätig.

Syr: „Mutiger Widerstand“

Syr ließ im Auftrag von Enkel Hermann das Denkmal für Georg Jäger fertigen. „Es soll nicht nur an den mutigen Widerstand gegen ein totalitäres Regime erinnern. Es ermahnt uns auch, gerade in einer Zeit des Erstarkens neuer rechter Bestrebungen, unsere freiheitliche Gesellschaft mutig zu verteidigen“, sagt der Künstler.

Gerne hätte die Unternehmerfamilie Jäger die Einweihung des Denkmals – genau am Tag vor 88 Jahren, als Georg Jäger von der NSDAP zum Rückzug aus dem Bürgermeisteramt gezwungen wurde – mit einem größeren Festakt gefeiert. Doch die Einweihung kann aufgrund der Pandemie nur im kleinen Kreis stattfinden.

Denkmal kann besichtigt werden

Das Denkmal am Pettenbeckweg in Haag (unterhalb des Marktplatzes) ist jedoch für jedermann einsehbar und kann jederzeit besichtigt werden, betont die Familie Jäger.

Das Milchwerk Jäger in Haag: Auch unternehmerisch war der Sohn des Firmengründers erfolgreich.

Kommentare