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Auch kranker Vater darf Impfdosis nicht übernehmen

„So unglaublich traurig“: 16-Jähriger aus Gars trotz Termin im Impfzentrum Mühldorf abgewiesen

Der Impfstoff AstraZeneca steht in einem Kühlschrank bei der Eröffnung des überregionalen Impfzentrum Gera. In der Pandorfhalle stehen zwölf Impfkabinen zur Verfügung.
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Weil der Impfstoff von Astrazeneca nicht für unter 18-Jährige zugelassen ist, wurde ein Jugendlicher aus Gars bei seinem Impftermin abgewiesen. (Symbolbild)
  • Andrea Klemm
    VonAndrea Klemm
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Die Impf-Software hat einen Fehler gemacht und einem 16-jährigen Garser einen Impftermin gegeben. Am Impfzentrum Mühldorf musste er abgewiesen werden, weil dort nur AstraZeneca vorrätig war, was aber nicht an Minderjährige verimpft werden darf. Sein schwerkranker Vater hat die Dosis nicht übernehmen dürfen.

Gars – Wieder gibt’s Ärger mit der Impfsoftware BayIMCO, die die Terminvergabe in den Impfzentren organisieren soll: Sie hat dem 16-jährigen Asthmatiker Paul Thiel aus Gars einen Impftermin zugewiesen, obwohl im Impfzentrum Mühldorf nicht der erforderliche Impfstoff von Biontech/Pfizer vorrätig war, sondern nur AstraZeneca. Und damit dürfen Minderjährige nach Vorgaben der Ständigen Impfkommission nicht geimpft werden. Er und sein Vater, der als schwer Vorerkrankter die Dosis gerne übernommen hätte, wurden ohne Corona-Impfung wieder heimgeschickt.

Ministeriumssprecher schiebt Schwarzen Peter weiter

Das Landratsamt Mühldorf bedauert den Vorfall und spricht von einem Softwarefehler, der bereits an die Regierung gemeldet worden sei. Das für die Software zuständige Staatsministerium für Gesundheit und Pflege weicht den konkreten Anfragen unserer Zeitung aus und erklärt stattdessen, wie die Registrierung verläuft und sagt Allgemeines zum Algorithmus. Wie dieser funktioniert ist aus Sicherheitsgründen geheim.

Haben generell Verständnis für die Maßnahmen zur Einschränkung der Pandemie: Andreas Thiel und seine Lebensgefährtin Sandra Rappolder aus Gars. Dass aber der 16-jährige Paul Thiel einen Impftermin zugeteilt bekam, der auf einem Softwarefehler basierte, und deswegen wieder heimgeschickt wurde, ärgert die beiden.

Außerdem wird der „Schwarze Peter“ weiter geschoben – zurück nach Mühldorf. „Die Terminvergabe selbst und die damit verbundene Koordination sowie Information der impfberechtigten Personen liegen in der Verantwortung der Impfzentren“, teilt ein Ministeriumssprecher auf Anfrage mit.

Landrat stellt sich hinter Impfzentrum

Mühldorfs Landrat Max Heimerl geht näher auf den konkreten Fall ein und erklärt: „Ich kann sehr gut die Ängste und die Enttäuschung darüber nachvollziehen, dass die ersehnte Impfung nicht durchgeführt werden konnte und ich bedauere dies sehr“, sagt er auf Nachfrage der Redaktion.

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Er erklärt zum Prozedere: „Das Team des Impfzentrums konnte nicht anders handeln. Zum einen weil der Impfstoff nicht unter 18 zugelassen ist, zum anderen, weil Impfberechtigungen und –reihenfolgen nach der Impfverordnung vorgegeben sind. Mit der Verfügbarkeit der Impfstoffe ändern sich die Vergabekriterien in der CoronaImpfverordnung und folgend die Auswahlmöglichkeiten in BayIMCO regelmäßig.“

Vater trägt die Maßnahmen mit, aber er verzweifelt

„Das ist so dumm gelaufen, das kann man nicht für sich behalten“, sagt Andreas Thiel, Vater von Paul, im Gespräch mit der Wasserburger Zeitung. Was hier beim Impfen passiert sei, nimmt er als Anlass zu sagen: „Es ist alles nicht mehr nachvollziehbar, nichts passt mehr zusammen“.

Der 53-Jährige betont, er trage die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie geduldig mit, finde die Lockerungen sogar falsch. Er mache sich Gedanken, wohin sich die Gesellschaft entwickle: „Zu einem empathielosen Haufen von Egoisten, für den 500 Corona-Tote täglich nur eine statistische Zahl ist.“

„Ich verstehe mittlerweile gar nichts mehr“

Er habe generell viel Verständnis, „aber mittlerweile verstehe ich gar nichts mehr. Was ist dann erst mit den Leuten, die eh schon zweifeln und wackeln?“, warnt er mit Blick auf die kippende Stimmung in der Bevölkerung. Täglich schaue er sich die Informationen in Sachen Corona auf der Homepage des Landkreises Mühldorf an. Und täglich würden sich die Regeln ändern.

Verständnis: Arzt darf Kompetenzen nicht überschreiten

Sein Sohn hatte Mitte Februar per Mail den Impftermin bekommen und sich zwei Wochen wie wild darauf gefreut, „geimpft zu werden und sicherer zu sein“. Er wollte endlich seine Schwestern und seine Mutter in Nürnberg besuchen, ohne die Angst vor einer Ansteckung mit Covid19. Paul brachte die erforderlichen Arztunterlagen mit zum Termin im Mühldorfer Impfzentrum – und wurde weggeschickt.

„Warum mein Sohn schon vom System ausgewählt worden war, wissen wir nicht, aber wir hatten einen bestätigten Termin, den haben wir uns ja nicht ausgedacht“, so Andreas Thiel zum Impfarzt. Als Antwort habe er bekommen, die Terminvergabe liege bei der bayerischen Staatsregierung (der Software BayIMCO, Anm. d. Red.), man habe vor Ort keine Handhabe.

„Wenden Sie sich an Herrn Söder oder den lieben Gott“

„Wenden Sie sich an Herrn Söder oder den lieben Gott, aber das ist in Bayern eh das selbe“, habe ihnen der Doktor etwas schroff gesagt, berichtet Thiel. Der Vater hätte die Dosis AstraZeneca gern übernommen. Er sei noch nicht dran, lautete die Absage. „Dass der Arzt seine Kompetenzen nicht überschreiten darf, dafür habe ich Verständnis. Der Mann will ja seinen Job nicht riskieren“, so Thiel, der selbstverständlich warten wolle, bis er an der Reihe sei.

Doch sein Junge, der sei schwer enttäuscht. „Paul war so unglaublich traurig.“ Zudem habe man ihm gesagt, sein Termin sei ersatzlos gestrichen.

Lebensgefährtin schreibt stocksauer an die Regierung

Stocksauer ist Thiels Lebensgefährtin Sandra Rappolder, die „über diese bodenlose Frechheit“ eine Beschwerde-Mail an die Bayerische Regierung geschrieben hat und bis jetzt auf eine Antwort wartet.

Sie fordert darin einen schnellen Ersatztermin für ihren Stiefsohn. Diesen in den Wechselunterricht zu schicken, sei wegen seines schweren Asthmas unverantwortlich von der Regierung.

Der 53-Jährige ist schwer vorerkrankt

Die 40-Jährige ist in großer Sorge um ihren Lebensgefährten. „Er leidet an COPD (fortschreitende unheilbare Lungenerkrankung, Anm. d. Red.), Asthma, Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht und Psoriasis, bekommt heftige Medikamente, die sein Immunsystem runterfahren. Er würde eine Infektion mit Corona wohl nicht überleben, sagen seine Ärzte“, so Sandra Rappolder im Gespräch mit der Wasserburger Zeitung.

Für sie ist es unbegreiflich, dass er weggeschickt wurde, obwohl die für Paul reservierte Impfdosis ja übrig bleiben musste.

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Hierzu erklärt das Landratsamt Mühldorf: Das Impfzentrum meldet über die BayIMCO-Software der Staatsregierung die Anzahl der verfügbaren Dosen und damit Terminslots für die Impfung mit den entsprechenden Impfstoffen Biontech, Moderna und AstraZeneca. Die Zuteilung der Impftermine entsprechend der gemeldeten Dosen erfolgt dann ausschließlich über die BayIMCO-Software, das Impfzentrum hat darauf keinen Einfluss.“

Termin für 16-Jährigen als Softwarefehler an Regierung gemeldet

Die Sprecherin erklärt, bei der Terminvergabe für den 16-Jährigen zur Impfung mit AstraZeneca über BayIMCO handle es sich um einen Softwarefehler, da dieser Impfstoff nicht an unter 18-Jährige verimpft werden darf. „Diesen Fehler haben wir bereits an die Regierung gemeldet“, sagt die Sprecherin.

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Das Impfzentrum sei gesetzlich verpflichtet, beim Impftermin Belege zur Priorisierung der impfwilligen Person zu prüfen. Impfberechtigte, die andere Priorisierungsgründe als ihr Alter angegeben haben, weisen ihre Berechtigung beim Impftermin über eine entsprechende Bescheinigung nach. „Das kann eine Bescheinigung beispielsweise des Arbeitgebers sein, bei Vorerkrankungen des behandelnden Arztes oder bei engen Kontaktpersonen die Bestätigung der pflegebedürftigen Person oder Schwangeren“, so die Pressesprecherin des Landratsamtes.

Begleitperson kann nicht geimpft werden

Das Impfzentrum sei ihren Worten zufolge auch bei kurzfristigem Ausfall eines Termins dazu verpflichtet, diese Vorgaben einzuhalten. „Aus diesem Grund ist es nicht möglich, Begleitpersonen zu impfen, die selbst nicht entsprechend priorisiert sind“, erklärt sie mit Blick auf Andreas Thiel.

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