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HISTORISCHES

Im Altlandkreis Wasserburg wird das Geheimnis des Feldgeschworenen gelüftet

Franz Meier ist seit 25 Jahren Feldgeschworener und hat dafür eine Urkunde vom Freistaat erhalten. Spaten und Pflöcke sind seine Begleiter.
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Franz Meier ist seit 25 Jahren Feldgeschworener und hat dafür eine Urkunde vom Freistaat erhalten. Spaten und Pflöcke sind seine Begleiter.
  • Winfried Weithofer
    VonWinfried Weithofer
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Früher waren die Feldgeschworenen auch im Altlandkreis Wasserburg angesehen und gefürchtet zugleich. Sie waren Geheimnisträger und vergruben nur ihnen bekannte Zeichen in der Nähe jedes Grenzsteins, um im Zweifelsfall prüfen zu können, ob jemand die Markierung versetzt hatte. Heute braucht man für dieses Amt einen guten Leumund.

Wasserburg/Babensham/Maitenbeth – Es ist eines der ältesten Ehrenämter in Bayern: Feldgeschworener. Bis heute sind die Feldgeschworenen wichtige Leute im Dorf. Immer wieder werden von den Kommunen „Posten“ ausgeschrieben. „Feldgeschworene gesucht“ – Mit diesem Aufruf hat sich kürzlich die Gemeinde Maitenbeth an die Öffentlichkeit gewandt. Die amtierenden Helfer hätten nicht so viel Zeit wie erforderlich, so Bürgermeister Thomas Stark. Doch was wird von einem Feldgeschworenen eigentlich verlangt?

Ein unverzichtbarer Assistent der amtlichen Vermesser

Der Reitmehringer Konrad Eß, 66, ist solch ein ehrenamtlicher Feldgeschworener, einer, der mit seiner Ortskenntnis die behördliche Vermessungsarbeit unterstützt. Vor sechs Jahren hat ihm die Stadt Wasserburg diese Aufgabe übertragen. Bis zu seiner Bewerbung hatte er keine Ahnung von dem Job. „Ich habe mich im Internet informiert, was da auf mich zukommen könnte“, erinnert er sich.

Dabei sei er zu der Überzeugung gekommen, dass ihn eine solche Tätigkeit reizen könnte. „Da bin ich draußen, kann mich körperlich betätigen, lerne Menschen kennen“, sagt er bezüglich seiner Motivation. Im Stadtrat habe er sich vorgestellt und sei dann auch prompt verpflichtet worden.

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Die Voraussetzungen für die Aufgabe hat er problemlos erfüllen können: „Man muss fit sein, mit dem Meterstab umgehen können.“ Und vor allem: im Team gewissenhaft, zuverlässig und unparteiisch mitarbeiten. Klar: Der Feldgeschworene ist schließlich ein unverzichtbarer Assistent der amtlichen Vermesser. Ein gutes dutzend Mal im Jahr wird Konrad Eß zum Dienst gerufen, mal ist er nach ein paar Stunden fertig, mal braucht es Tage. „Mit gefällt die Arbeit, bin gern in der Natur.“

Der Begriff „Feldgeschworener“ deutet auf eine alte Tradition hin – und tatsächlich: Die Tätigkeit gibt es seit vielen Jahrhunderten. Feldgeschworene bekleiden damit eines der ältesten kommunalen Ehrenämter, so das Bayerische Finanzministerium. Allein im Freistaat gibt es etwa 27.000 Feldgeschworene, davon 15.000 in Franken.

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Vor wenigen Tagen wurde Eß vom Bauamt Wasserburg nach Attel gerufen. Der Auftrag: Bei der Grenzziehung im Rahmen eines Bauprojekts mitwirken. In einem Schreiben wird er informiert, was er für den Einsatz benötigt: Grenzsteine, Holzpflöcke, Eisenrohre. Utensilien, die er im Bauhof abholt. Mit den amtlichen Vermessern trifft er sich vor Ort, man sondiert die Lage. Die Grenzpunkte werden dann mittels GPS genau bestimmt. Die Aufgabe des Feldgeschworenen ist es, die Grenzsteine entsprechend zu setzen – die 17 Kilogramm schweren und 50 Zentimeter großen Granitbrocken in die Löcher zu versenken, die er vorher mit dem Spaten gegraben hat. Wenn der Platz dafür fehlt, wird ein dünnes Eisenrohr mit roter Kappe in den Boden gerammt, oder ein sogenanntes Meiselzeichen gesetzt.

Konrad Eß findet schnell raus, ob jemand einen Grenzstein einfach so versetzt hat.

In Babensham amtiert Franz Meier (68), ehemaliger Landwirt, zusammen mit 2 Kollegen als Feldgeschworener. Seit 25 Jahren schon – stolz zeigt er seine Urkunde, die er zum Jubiläum vom Freistaat erhalten hat.

Seinen letzten Einsatz hatte er 2019 in Irlham, im vergangenen Jahr musste er wegen eines Rückenleidens und der Pandemie passen. Wie sein Amtskollege Konrad Eß ist auch er mit Herzblut bei der Sache, erzählt, wie er alte Grenzmarken ausfindig gemacht hat, um etwa bei einer Erweiterung eines Grundstücks oder beim Bau einer Straße wichtige Daten zu liefern. In diesem Jahr erwartet er wieder Aufträge: „Ich bin gern mal wieder dabei.“ Zurück nach Maitenbeth: Dort tut man sich mit der Suche nach Feldgeschworenen weiter schwer. Feste Zusagen hat Bürgermeister Stark nach seinem Aufruf nicht erhalten. Es ist eben ein zeitraubender Job, der den ganzen Mann erfordert.

Das Siebenergeheimnis

Die Feldgeschworenen kennzeichneten früher die Lage der Grenzpunkte mit geheimen Zeichen. Die sogenannten Siebenerzeichen sind meist besonders geformte und beschriftete Zeichen aus dauerhaftem Material, wie etwa gebranntem Ton, Glas, Porzellan oder Metall. Sie werden im Bereich des Grenzsteins in einer bestimmten, nur den Feldgeschworenen bekannten Anordnung ausgelegt. Die Art dieser Anordnung bezeichnet man als „Siebenergeheimnis“. An Form und Lage der Zeichen erkannten die Feldgeschworenen, ob der Stein willkürlich verändert wurde.

Quelle: Landesamt für Digitalisierung, Breitband und Vermessung

Aus dem Dorfrecht

Das Wissen um die Grundbesitzverhältnisse und die Richterfunktion machte die Feldgeschworenen einst zu wichtigen Leuten im Dorf. Gab es Streit um den Boden, das wichtigste Produktionsmittel damals, kam es auf ihr Zeugnis an. Es gibt Hinweise, dass dieses Amt in Bayern schon im Mittelalter existierte. Seit dem 16. Jahrhundert sind Protokolle sowie Steinsetz-Ordnungen überliefert, die anfangs Dorfrecht waren, dann von den Territorialherren vereinheitlicht wurden.

Nach den Reformen des Grafen von Montgelas in Bayern zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden die Regeln bei den Landgerichten, den Vorläufern der Landratsämter, zu sogenannten Siebenerordnungen zusammengefasst. Daraus leitete sich das Siebenergeheimnis ab.

In Deutschland ist es seit 1900 die gesetzliche Pflicht, Grundstücke abmarken zu lassen. Die Aufgabe übernahmen Mitarbeiter des Staatlichen Vermessungsamtes. Die Arrondierung der Felder und Wiesen hat man mit dem Maßband vorgenommen.

Das Siebenergeheimnis erledigte sich im Lauf der Zeit durch die Technisierung, erklärt ein Pressesprecher des Landesamtes für Digitalisierung, Breitband und Vermessung. „Heute rücken die Ingenieure mit ihren Geräten an und bestimmen die Lage jedes Grenzsteins anhand von Koordinaten zentimetergenau.“ In einigen Gebieten Bayerns hält sich das Siebenergeheimnis noch – als eine Art Traditionspflege.

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