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Sucht und Corona

„Ich war wieder am Saufen“: Trockener Alkoholiker aus Wasserburg wird durch Corona rückfällig

Fünf Jahre war der Wasserburger Willi trocken, dann mitten in der Corona-Pandemie wurde er rückfällig und griff, wie der Mann auf unserem Symbolfoto, wieder zum Alkohol.
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Fünf Jahre war der Wasserburger Willi trocken, dann mitten in der Corona-Pandemie wurde er rückfällig und griff, wie der Mann auf unserem Symbolfoto, wieder zum Alkohol.
  • VonSimon Mühlbacher
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  • Sophia Huber
    Sophia Huber
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Willi aus Wasserburg ist krank. Er ist Alkoholiker, seit er zwölf Jahre alt ist. Seit mehreren Jahren ist er erfolgreich trocken - bis im März 2020 der erste Corona-Lockdown kommt und seine Tagesstrukturen wegfallen.

Wasserburg – Willi, 58 Jahre, schwarze Brille, grauer Bart, hastet eine Einbahnstraße in Wasserburg herunter. Die Aral-Tankstelle liegt vor ihm. Sie leuchtet blau in der Dunkelheit und zieht ihn an. Er steuert über die Hauptstraße an den Zapfsäulen vorbei und hinein ins Gebäude. Drei klirrende Flaschen Wodka, zwei zitternde Hände, der Geldbeutel klappert. Willi ist trockener Alkoholiker. Er hat seit fünf Jahren nicht mehr getrunken. Jetzt kann er sich nicht mehr beherrschen.

„Ich habe mich zugegossen und das wohl gleich ein paar Tage lang“, sagt Willi. Er erinnert sich nur verschwommen. „Man ist dann gar nicht mehr so richtig bei sich. Das Hirn ist wie abgeschaltet.“

„Hilfe kennt keine Pandemie“, sagt Willi

Willi hat ein abgeschlossenes Maschinenbaustudium und eine Freundin, Fabienne. Er hat einen „leichten Sauberkeitstick“, wie er sagt. In seinem Bücherregal stehen Bücher über Kunst und Geschichte.

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Willi ist krank. Er ist Alkoholiker, seit er zwölf Jahre alt ist. Seit mehreren Jahren ist er erfolgreich trocken geblieben. Er besucht dafür regelmäßig die Meetings einer anonymen Selbsthilfegruppe - bis in den März. 2020. Dann kommt die Corona-Pandemie nach Wasserburg – und der erste Lockdown.

Die Gruppe darf nicht mehr vor Ort zusammenkommen. Willi ist unzufrieden: Die Treffen seien nur in Präsenz sinnvoll durchführbar, findet er. Hilfe kenne keine Pandemie. Er erwirkt eine Sondergenehmigung über das Landratsamt und das Gesundheitsamt. Er argumentiert: „Die Treffen existieren auf medizinischer Basis.“ Und er bekommt Recht – erstmal.

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Präsenztreffen sorgen für Streit in der Gruppe

Doch Gewissenskonflikte spalten die Selbsthilfegruppe. „Ganz viele sind dafür gewesen, vor Ort weiterzumachen, aber einige hatten Bedenken“, erklärt Willi. Ein paar Mitglieder der Gruppe setzen ihn unter Druck. Sie drohen ihm anonym über Anrufe und Emails. Aber Willi kämpft weiter: „Ich war nur noch für die Gruppe da, nur noch, dass es weiter ging. Ich habe mich immer weiter reingesteigert in die Arbeit für die Gruppe“, sagt Willi.

Seine Beziehung mit Fabienne zerbricht. Die beiden trennen sich. Und Willi ist allein - mit sich, dem Stress und dem Kampf um persönliche Gruppentreffen. Mitte November 2020 greift er wieder zur Flasche. „Der Stress hat letztendlich bewirkt, dass mein Hirn das alles nicht mehr verarbeiten konnte. Und dann war wieder die Flasche da.“

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Irgendwann liegt Willi auf der Couch. Der Alkoholpegel im Blut ist gesunken. Er zittert, schwitzt, die Bücherrücken im Regal verschwimmen vor seinen Augen. Er krallt sich die Vodka-Flasche. Ein tiefer Schluck, noch einer - und noch einer. Die Anspannung fällt von ihm ab. Die Finger lassen locker. Zwei Promille im Blut und er gewinnt die Kontrolle über seinen Körper zurück. Ein Ruck durchfährt ihn - und er weiß, was zu tun ist. Er tastet nach seinem schwarzen Handy und ruft Fabienne an: „Bitte komm vorbei. Ich brauche Hilfe.“

Wie lange Willi getrunken hat, weiß er nicht. Er lässt sich freiwillig in die Suchtstation des Inn-Salzach-Klinikums einweisen – nicht weit weg von seiner Wohnung. 2,6 Promille messen die Pfleger bei der Aufnahme.

Willi ist enttäuscht von sich selbst

Das Personal schiebt ihm ein Wattestäbchen in den Rachen – Corona-Test – und fragt seine Personalien ab. Er muss ins Beobachtungszimmer, Ausnüchtern. „Ich konnte nichts machen, ohne, dass die Pfleger das sehen.“

Zwei Tage später heißt es Vierbettzimmer. Die weißen, sterilen Wände der Station funkeln ihn an. Er hört die Schreie der anderen Patienten auf Entzug - Tag und Nacht. Manche laufen herum, wollen ihn schlagen, einige werden fixiert.

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Willi fühlt sich wie ein Versager, ist enttäuscht von sich selbst. Er liest viel und hört Musik. Er lernt andere Suchtkranke kennen, die nicht nur mit Alkoholismus kämpfen. Fabienne kümmert sich wieder um ihn. Sie besucht ihn jeden Tag.

Er hat seine Ämter in der Gruppe abgegeben

Nach zehn Tagen darf er die Station verlassen. Er hat einen Termin bei seinem Psychiater. An einem Dezembernachmittag geht er seine ersten Schritte – durch die Straßen der Klinik und zur Ambulanz. Er schlendert gemächlich und atmet die frische Luft tief ein. Er setzt sich in eine kleine Kirche. „Es war dort so, wie wenn man unter Wasser sitzt. Da war kein Ton“, erzählt er.

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Sechs Wochen nach Willis Entlassung: Er hat seine Ämter in der Selbsthilfegruppe abgegeben. „Es heißt ja immer so schön: Lass einfach das erste Glas stehen. Aber ich habe gar nicht gemerkt, dass ich auf einmal am Saufen war“, sagt er. Daraus will er lernen. Wieder gemeinsam mit seiner Fabienne. Denn die beiden wollen zusammenziehen.

Die vollständigen Namen sind den Autoren bekannt.

Wasserburger Suchtberater über die Gefahren von Corona-Maßnahmen für Suchterkrankte

Maximilian Jaroljmek ist Bereichsleiter Fachambulanz für Suchterkrankung der Diakonie Rosenheim. Auch in Wasserburg befindet sich eine Außenstelle. In einem Kurzinterview erklärt er, warum die Isolation in Corona-Zeiten für Suchtkranke gefährlicher ist.

Verzeichnen Sie einen Anstieg von Suchterkrankungen, auch von Rückfällen in Corona-Zeiten?

Maximilian Jaroljmek: Auch meiner Erfahrung in der Fachambulanz würde ich sagen, dass wir seit Mitte des vergangenen Jahres einen Anstieg von Anfragen zur Beratung verzeichnen. Dabei geht es auch um Rückfälle oder auch Verlagerungen des Konsumverhaltens. Auch Beratungen im Glückspielbereich sind angestiegen.

Maxmilian Jaroljmek

Wie gefährlich ist die Isolation in Corona-Zeiten für Suchterkrankte?

Jarolimek: Die Gefahr ist, dass das stabilisierende Umfeld in diesen Zeiten möglicherweise wegfällt. Das kann sein die Therapie sein, dazu gehören auch Beschäftigungstherapien und Hobbies. Bei Langweile besteht die Gefahr, in alte Muster zurückzufallen. Auch die generelle Unsicherheit, die wir alle empfinden, ist ein Faktor, der sich noch einmal stärker auf einen Menschen auswirkt, der zuvor schon instabil war.

Wie steht es um persönliche Treffen von Selbsthilfegruppen für Suchterkrankte?

Jaroljmek: In Corona-Zeiten haben wir den Eindruck, dass es sehr unterschiedlich ist. Wir haben hier einige Mitglieder, die sich den Winter über auch gerne online getroffen haben. Sie sind zum Teil auch bei den persönlichen Treffen sehr vorsichtig, weil es doch mehrere Haushalte sind, die hier zusammen kommen. Andere sind aber auch der Meinung, dass sie diese persönlichen Treffen brauchen oder, dass Online-Treffen für sich aus welchen Gründen auch immer nicht möglich.

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