Wasserburger Autorin sieht Ähnlichkeiten zwischen Corona-Pandemie und Pest-Epidemie von 1634  

Tanzten 2019: die Schäffler aus Wasserburg. Nach dem Ende der Corona-Pandemie wünschen sich viele Bürger erneut Auftritte. Gartner
  • Heike Duczek
    vonHeike Duczek
    schließen

„Der Reifenschwinger“ heißt ein Roman, den die Wasserburger Autorin Irene Kristen-Deliano zum Schäfflerjahr 2019 geschrieben hat. Noch immer kann die Stadtentdeckerin nicht fassen, dass die Kontaktsperren, die 1634 in Wasserburg aufgrund der Pest verhängt wurden, fast 400 Jahre später wieder gelten.

Wasserburg – Vor gut einem Jahr tanzten die Wasserburger Schäffler auf den Plätzen und Straßen. Für viele Zuschauer waren die Auftritte, die nur alle sieben Jahre stattfinden, Unterhaltung – auch, weil dieser Tanz in der Faschingszeit von Heilige Drei König bis Faschingsdienstag aufgeführt wird. Die Tanzfiguren stecken jedoch voller Symbolkraft – und erinnern die Zeit, als die Pest in Deutschland wütete, berichtet Autorin Irene Kristen-Deliano, die sich zum Schäfflerjahr 2019 auch in ihrem Roman „Der Reifenschwinger“ intensiv mit der Symbolik der Tänze auseinandergesetzt hat. Die Schäffler, Fassbinder, tanzten nach der Pestepidemie, um das wiederkehrende Leben zu feiern und die damit verbundene Freude darzustellen.

Tanzfigur der Schlange symbolisiert giftige Dämpfe

Eine Figur, die die Schäffler zeigen, ist die „Schlange“, die giftige Dämpfe, sprich die Pest – der unsichtbare Feind – in Stadt und Land bringt, berichtet Kristen-Deliano. Außerdem gebe es die „Laube“: Dieses Zusammenrücken der Schäffler versinnbildliche, wie das eigene Heim zum Gefängnis werde. Des Weiteren die Figur mit dem Kreuz als Schutzsymbol. Es folgen noch sieben Tanzformen, die Autorin Kristen-Deliano in ihrem Buch aufzeigt.

+++

Lesen Sie auch: Der Corona-Ticker – Aktuelle Entwicklungen zu Covid-19 in der Region, Bayern und der Welt

+++

„Ich hätte nicht gedacht, dass mir jemals eine Situation begegnen würd, welche dem Roman ähnlich ist“, schreibt sie in unserer Serie „Ich und Corona“. Ihr Buch „Der Reifenschwinger“ erzählt unter anderem von Maßnahmen gegen die Seuche, welche die Stadt vor knapp 400 Jahren ergriffen habe, um der Lage Herr zu werden.

1634 dauerte die Isolation sechs Wochen

„Mit welchen Ängsten, Zweifeln, apokalyptischen Prophezeiungen und wirtschaftlichen Nöten der Einzelne zu kämpfen hatte! Wo sollte er Kraft und Hoffnung schöpfen? In der Hochphase der Epidemie war er sechs Wochen im Haus gefangen, angewiesen auf die Hilfe von außen. Auch damals gehörten Solidarität, Freundschaft und Hilfsbereitschaft jenseits der Standesunterschiede zum alltäglichen Überleben“, weiß die Autorin aus ihren Recherchen in den Archiven.

Gerade in diesen Tagen bestehe die Chance, sich die Menschen vergangener Zeit ins Gedächtnis zu rufen, wie sie – fernab von Telefon, TV und Social Media – diese Herausforderung gemeistert hätten. „In China von 2020 wurden Türen vernagelt, Betroffene eingesperrt – 1634 dauerte die Isolation sechs Wochen. Das Essen wurde über Luken an die Menschen weitergegeben. Der älteste Markt der Stadt, der Michaelimarkt, wurden abgesagt. Einzig die Salzfahrer waren unterwegs – mit Tüchern vor dem Mund. Auch Abstand halten war eine Anweisung: siebenmal siebenundsiebzig Schritte. Wie ist es wohl dem Einzelnen gegangen? Die Ängste, die Unsicherheit, die Einsamkeit, die Krankheit … für viele eine Strafe Gottes, so der Glaube“, schreibt Kristen-Deliano.

+++

Tipp der Redaktion: Kennen Sie schon unseren kostenlosen Feierabend-Newsletter? Die Top-Themen der Region um 17 Uhr per E-Mail – sauber ausrecherchiert und aufgeschrieben von Ihrer OVB-Redaktion. Jetzt Newsletter ausprobieren!

+++

Ihr Buch „Der Reifenschwinger“ berichtet von dieser schwierigen Epoche, mit der die Stadt zu kämpfen hatte. Der Umgang mit dem unsichtbaren Feind zu einer unwirtlichen Jahreszeit – November, Dezember 1634. Der Roman erzählt aber auch von Hoffnung, Freundschaft und Hilfsbereitschaft in Tagen des Ausnahmezustandes. Letztendlich verbreiten die Schäffler die Botschaft des wiederkehrenden Lebens und der damit verbundenen Freude.

Vielleicht sollten die Schäffler,, wenn die Corona-Pandemie vorbei ist, ausnahmsweise nicht sieben Jahren warten, bis sie wieder tanzen? fragt sich die Autorin.

Der Reifenschwinger“, 14,90 Euro, zu beziehen über creAstro-Verlag, Wasserburg, oder über I.Kristen-Deliano@gmx.de, Telefon. 08071/ 4107.

Mehr zum Thema

Kommentare