„Ich tät alles genauso wieder machen“

Jakob Schwimmer. Günster
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Jakob Schwimmer. Günster

St. Wolfgang – Weit über seinen Heimatort St. Wolfgang hinaus ist Jakob Schwimmer bekannt.

Als langjähriger Bürgermeister, Landtagsabgeordneter, Ortsvorsitzender der CSU, leitend in der Landjugend, im Gemeindetag, in Ausschüssen und bisher als stellvertretender Landrat. Und dazu verfügt er über einen eigenen Eintrag im bekanntesten Internetlexikon Wikipedia und ist Ehrenbürger seiner Heimatgemeinde. Während andere in seinem Alter schon lange in den Ruhestand gegangen sind, hat er mit 70 Jahren entschieden, weiterzumachen.

Jakob Schwimmer kombiniert erfolgreich zwei Fähigkeiten: Empathie und rationales Denken. Damit lässt sich nicht nur Klavierspielen und Betriebswirtschaft verbinden, es erlaubt auch, sich von der zentralen Frage „Wem nutzt es?“ leiten zu lassen.

War die Kindheit auf dem Bauernhof in Thon bei Pyramoos „sehr schön“, folgte schon bald die Trennung vom Elternhaus, denn der Pfarrer befand, dass der Bub aufs Gymnasium gehört, „so war das damals.“ Der Umzug ins Internat nach Traunstein war ein Einschnitt, doch das ging der Zehnjährige bald pragmatisch an und suchte die Vorteile. Erstens hatten andere das gleiche Schicksal, zweitens gab es viele Freiheiten und drittens Möglichkeiten, etwas auszuprobieren, sei es im Sport oder in der Musik. Allein die Auswahl an Musikinstrumenten erstreckte sich über mehrere Klassenzimmer. „Das war eine schöne Zeit“, so Schwimmer rückblickend.

Auf eine gewisse Weltoffenheit war er stolz, denn Flüchtlinge wohnten nach dem Krieg noch einige Zeit daheim. Darunter befand sich ein bekannter Geiger, der ihn beeindruckte und der ihm später sogar sein Klavier vermachte. Die Kinder des Gastes besuchten ihn später immer noch in Fürstenfeldbruck.

Nach der Bundeswehr begann das Studium der Betriebswirtschaftslehre in München, Arbeit fand Schwimmer 1986 bei den Erfindern des heute gebräuchlichen Kopierverfahrens Xerox. Erst im Management, dann als selbstständiger Verkäufer mit zwölf Angestellten. Der sichere Gebietsschutz ging zu Ende, als die Elektronikmärkte diese Geräte massenhaft unters Volk brachten.

In dieser Firma lernte Schwimmer so gut verkaufen, dass er regelmäßig zu den Besten zählte, die – typisch amerikanisch – hervorgehoben und mit großzügigen Vergünstigungen bedacht wurden. „Da war auch viel heiße Luft dabei, außerdem rausholen was geht, „hire and fire“, also anheuern und wenn es nicht gut läuft, wieder rauswerfen. 2003 war Schluss, da folgte der Wechsel in den Landtag.

Das Interesse für Politik hatte Jakob Schwimmer wahrscheinlich von seinem Vater geerbt, der nebenher Zweiter Bürgermeister und Gemeinderat von Pyramoos war. Durch das Engagement bei der Landjugend bis zum 21-jährigen Diözesanvorsitzenden und später stellvertretenden Bundesvorsitzenden wurde die CSU für ihn interessant. Warum diese Partei? „Die konnten was bewegen, da ging was, alle wollten voran, das war eine Aufbruchstimmung, und das hat mich fasziniert.“

Die hatten scheinbar auch auf ihn gewartet, denn schon nach zwei Jahren bekleidete er das Amt des Ortsvorsitzenden, war 1978 Gemeinderat und – sofort – Zweiter Bürgermeister. Zeitgleich saß er im Kreistag, das bis jetzt. St. Wolfgangs Erster Bürgermeister war er von 1983 bis 2014.

In dieser Zeit ging es für die damaligen Verhältnisse rund, denn beobachtet hatte der junge Lokalpolitiker schon früh, dass ein Kindergarten fehlte, dass viele weit in die Arbeit fahren mussten, dass es an der Infrastruktur mangelte. Dabei ließ ihn ein Muster nicht mehr los, das ihm etwa im Landtag in der Zeit von 2003 bis 2013 aufgefallen war: Eine gute Idee, und wie die sich negativ entwickeln kann.

Das regte ihn auf und tut es noch heute, wenn der Bundestag etwa vorgebe, Bauen zu erleichtern und dieses Vorhaben etliche Stellen hinunter in die Landesregierung, den Bezirk und den Landkreis passiert, die alle mit Einwänden ihre Daseinsberechtigung nachweisen und so dafür sorgen, „dass am Schluss durch ihre Regelungswut nichts mehr davon übrig bleibt“.

So nutzte er seine Gabe, andere mitzureißen, Gesetze zugunsten der Allgemeinheit auszulegen und überhaupt die Zahl der Einwohner und der Arbeitsplätze stark zu erhöhen.

Maßgabe war für ihn „stets die Allgemeinheit, der muss es nutzen, nicht dem Einzelnen“, auch wenn es manchmal enttäuschte Gesichter, etwa bei Grundstücksverhandlungen, gab. Und: „Ja, man braucht einen langen Atem, Verbündete und einen breiten Buckel“, aber: „Ich tät alles genau so wieder machen, nein ich bereue nichts“, bekräftigt er, der jedes Wort genau abwägt und sich scheinbar gedanklich stets in sein Gegenüber begeben mag. Lediglich eine Krebserkrankung hat Jakob Schwimmer vor zehn Jahren verändert, „ich war dann nicht mehr der harte Hund, da wurde anderes wichtiger.“

Wie lassen sich aktuelle Probleme lösen? „Ja, wir verbrauchen zu viele Rohstoffe“, doch vertraut Schwimmer auch auf die Technik, Wasserstoff sollte eine viel größere Rolle spielen. Der Autoverkehr sei aus dem Ort nur mit einer B15-neu herauszubringen, alles andere sei eine Verlagerung.

Wie nachhaltiges Wirtschaften geht, bewies er schon vor Jahren mit dem Bau eines Heizkraftwerks und der umstrittenen Vorgabe in einem Baugebiet, zentral anzuschließen. Das war aber nichts, was er nicht auch machen würde, und auch tat, denn dann ist es auch für die anderen gut, ist er überzeugt. Oder: Zwischen Spekulation einerseits und Verschwendung andererseits liegt der Wunsch, dass die Gemeinde den Preis des Baulands selbst bestimmt. Oder: Soll ein Gemeindefest auf die Beine gestellt werden, agierte er ähnlich unkonventionell: „Sperrzeit ist, wenn der Bürgermeister heimgeht!“

Diese Anekdoten ließen sich noch fortsetzen, „ohne Humor geht‘s nicht, den brauchst“, bekennt er. Selbst Schwächen gewinnt er Positives ab: „Ich war nie detailverliebt.“

Dafür ist der „Jok“ nach wie vor gesellig, nahbar, ging so gerne nach den Ratssitzungen zum Wirt, dass das auch schon wieder einigen aufstieß.

Seine Frau Hermine aus Taufkirchen lernte er 1970 beim Tanzen kennen, sieben Jahre später war die Hochzeit, Thomas und Evi kamen auf die Welt. Heute spielen die fünf Enkel eine große Rolle. Überhaupt ist die Familie mit Frau und Kindern eine geduldige Unterstützung für ihn, bekennt er, besonders bei seiner Erkrankung. Stillsitzen ist trotzdem nichts, Radlfahren macht Freude und Gemüse im Gewächshaus hochziehen.

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