JUNGE TRADITION

Hungerbaum für Bernhard Heiß und Julia Deuschl aus Isen: Bis endlich g‘heirat‘ is‘

Seit mehr als sieben Jahren ein Paar: Bernhard Heiß und Julia Deuschl. Hinter ihnen steht ihr Hungerbaum, der sie wohl noch bis zum kommenden Jahr begleiten wird.
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Seit mehr als sieben Jahren ein Paar: Bernhard Heiß und Julia Deuschl. Hinter ihnen steht ihr Hungerbaum, der sie wohl noch bis zum kommenden Jahr begleiten wird.

Sieben Jahre ohne Trauschein sind der Grund, warum Freunde und Familie Bernhard Heiß und Julia Deuschl aus Isen einen „Hungerbaum“ gesetzt haben. Weil man das in Bayern gern als „g‘schlamperts Verhältnis“ bezeichnet, ist der Baumbehang auch „g‘schlampert“. Wenn geheiratet wird, kommt das Teil weg.

Isen – Ihn aufzustellen, ist ein noch recht junger Brauch – aber der hat es in sich.

Wer aus Richtung Haag nach Isen in den Ort fährt und etwa 200 Meter nach dem Eingangsschild nach rechts schaut, hat am Siedlungsrand vielleicht schon einmal dieses seltsame Gebilde entdeckt.

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Ein kahler Baumstamm, an dem Gerümpel hängt. Ein altes Fahrrad, ein Fußball, Töpfe und Pfannen, Spielsachen und verschiedene Stofffetzen. Bis vor Kurzem zierte noch ein kleiner Weihnachtsbaum die stabile Einfassung der hochgewachsenen Schrottsammlung.

Wuida Baum für g‘schlamperts Verhältnis

Doch was soll das? Will hier ein Müllsammler seine Schätze vor unbefugtem Zugriff bewahren, also eine neue Messi-Marotte?

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„Nein“, sagt Bernhard Heiß und lacht. Die Fragen zum Baum kennt er schon. „Wir wollten auch schon mal eine Erklärung dranheften, damit auch jeder weiß, was das ist“.

„Wir“ – sind Bernhard Heiß und seine Freundin Julia Deuschl. Beide Vornamen sind auch auf einem Schild am Stamm verewigt, zusammen mit dem Datum „04.05.19“. „Das ist ein sogenannter Hungerbaum“, erklärt Bernhard. Und den bekommen Paare aufgestellt, die seit sieben Jahren zusammen sind, aber noch nicht geheiratet haben.

Dieser Brauch ist noch relativ neu. Wo er eigentlich herkommt, lässt sich nicht genau ermitteln. Er scheint Anfang der 2000er Jahre aufgekommen zu sein, und ist laut Berichten im Internet aus dem Chiemgau nach Oberbayern gewandert. Im Landkreis Erding sind allerdings schon seit ein paar Jahren einige Bäume zu entdecken.

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Wie Bernhard und Julia erzählen, waren es bei ihnen Freunde und Familienangehörige, die den Baum am 4. Mai 2019 errichtet haben. Die beiden gebürtigen Isener sind im Ort und der Umgebung fest verwurzelt, da wundert es nicht, dass 42 Leute zusammenkamen, um so etwas auszuhecken.

Bernhard zählt 34 Lenze, und ist als zweiter Vorsitzender der Feuerwehr Isen sowie erster Vorsitzender der Mittbacher Goaßlschnalzer aktiv. Seine Julia ist 28 Jahre alt und hat früher aktiv bei den Forsterner Damen Fußball gespielt.

Stabil und 13 Meter hoch

Der Baum misst 13 Meter in der Höhe, zwei davon stecken fest in der Erde. „Ich habe gesagt, falls ich mal einen bekomme, muss er so stabil ein, dass ich ihn nicht mit dem Rasenmäher umfahren kann“, scherzt Bernhard.

Das Aufstellen wurde damals natürlich zünftig gefeiert. Der Behang des Stangls ist übrigens nicht ganz so willkürlich zusammengewürfelt, wie es aussieht.

„Wer hier in Bayern unverheiratet zusammenlebt, ist ‚a bissl gschlampert‘, daher sieht er zwar alles andere als ordentlich aus, aber viele der Sachen haben eine Bedeutung“, sagt Bernhard. So ist Julias altes Fußball-Trikot mit der „7‘“ als Rückennummer ebenso dabei wie Fußballschuhe und Bälle, Bremsscheiben wegen Bernhards Begeisterung für den Rennsport sowie eine Skibrille, die das Hobby der beiden symbolisiert. Die Klobrille und die Lampen stehen für den kommenden Hausstand, ein Spielzeugkipper für den Kinderwunsch.

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Hungerbaum hat eine Satzung

Wie es jetzt weitergeht, regelt die „Hungerbaum-Satzung“ in zwölf Paragrafen. Die beiden mussten das Papier sogar unterschreiben. Da steht zum Beispiel, dass der Baum in Ehren gehalten werden muss, das Umfeld zu pflegen ist. Aber auch, dass er an Fasching, Ostern und Weihnachten zu schmücken ist. „Und an Halloween, weil unsere Freunde genau wissen, dass ich das nicht leiden kann“, wie Bernhard schmunzelnd erzählt.

„Für spontane Besuche muss immer genügend Bier im Haus sein“, heißt ein Paragraf, außerdem müssen immer mindestens sieben Stamperl Schnaps bevorratet werden. Einmal im Jahr gibt’s ein Fest für alle Aufsteller – mit Verköstigung, versteht sich. Wenn das Paar gegen eine der Regeln verstößt, muss es auf einem Volksfest für jeden der Aufsteller eine Mass Bier spendieren, es sei denn, das jährliche Hungerbaumfest findet nicht statt aus, dann sind es zwei Mass und ein Hendl.

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„Die Paragrafen treten am Tag der Hochzeit außer Kraft“, heißt es in der Satzung. Und wann wird die sein? Das können die zwei noch nicht sagen. „Der Baum steht schon mal auf meinem Grundstück und hier wollen wir schon seit Längerem unser Haus bauen“, erzählt Bernhard.

So ist es eben Tradition – bauen, heiraten, sich um Nachwuchs kümmern. Dass das Haus noch nicht steht, hat eine ganz profane Ursache: Das Grundstück ist noch nicht als Bauland ausgewiesen. Damit rechnen die zwei aber demnächst, noch in diesem Jahr soll Baubeginn sein. „Ziel ist natürlich, den Baum wegzukriegen“, sagt Julia. Dann wird er sicher durch einen Hochzeitsbaum ersetzt – ganz, wie es Tradition ist.

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