Pflegemaßnahmen vom Landkreis und Bund Naturschutz am Haager Toteiskesselweg zahlen sich aus

Hochmoor-Mosaikjungfer und Binsenjungfer freuen sich

Libellenkartierer Klaus Burbach bei seiner Arbeit an einem Toteiskessel.
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Libellenkartierer Klaus Burbach bei seiner Arbeit an einem Toteiskessel.

Haag - "Libellen fliegen vor allem bei Sonnenschein und man muss nicht so früh aufstehen, deswegen sind sie meine Lieblingstiere", sagt mit einem Augenzwinkern der Landschaftsökologe Klaus Burbach. Im Mai und Juli war er schon im Haager Toteiskesselgebiet und bestimmte einige Libellenarten. Jetzt war er zum dritten Mal dort, ausgerüstet mit Kescher, Fernglas und Diktiergerät.

Klaus Burbach erarbeitet im Auftrag des Landratsamts in Mühldorf eine Libellenkartierung im Toteiskesselgebiet bei Haag. Ziel ist es, die Artenvielfalt zu erkunden und zu dokumentieren sowie Vorschläge zur Pflege und Entwicklung der Toteiskessel zu erarbeiten. Trotz des durchwachsenen Sommers hat der Experte im Mai, Juli und August an drei Tagen im Toteiskesselgebiet bisher 22 verschiedene Libellenarten bestimmt. "Durch die eng beieinanderliegenden, verschieden ausgeprägten Biotope ist hier auch eine große Libellenvielfalt zu finden", sagt Burbach.

Seit 2005 gibt es südöstlich von Haag den Toteiskesselweg. Auf dem etwa vier Kilometer langen Rundweg kommt der Wanderer zu neun Biotopen, die ihre Entstehung der letzten Eiszeit vor rund 20000 Jahren zu verdanken haben. In den vom Gletscher und Toteis geschaffenen Mulden haben sich unterschiedliche Biotope entwickelt. Die Weiher, unterschiedlich verlandete Riede und Sümpfe, Moore und ein Bruchwald sind Lebensraum für viele, teilweise bedrohte Tier- und Pflanzenarten.

Wenn der Landschaftsökologe für seine Kartierung unterwegs ist und sich nichts tut, fährt er mit dem Stiel des Keschers über die Ufervegetation, um versteckt sitzende Libellen aufzuscheuchen.Wie viele andere Insekten nutzen auch die Libellen die Sonnenwärme zur Aufheizung ihres Körpers, besonders der Muskulatur.

Unterschieden werden Klein- und Großlibellen. Zu den Großlibellen gehört zum Beispiel die Gefleckte Smaragdlibelle. Sie ist besonders typisch für zeitweise überstaute Großseggenriede wie in den Toteiskesseln bei Maxau.

In zwei Biotopen des Toteiskessel-Wandergebietes hat Burbach die Torf-Mosaikjungfer entdeckt, die als Charakterart mooriger Gewässer gilt. Eine Besonderheit bei dieser Libelle ist, dass die Larve erst zehn Monate nach der Eiablage schlüpft und danach zwei bis vier Jahre bis zur Umwandlung zu einer ausgewachsenen Libelle benötigt. Durch die Zerstörung vieler Moorgewässer, sei es durch Entwässerung, Verfüllung oder die starken Nährstoffeinträge aus umgebenden Ackerflächen oder gegülltem Grünland, verlieren diese spezialisierten Arten ihren Lebensraum. Deshalb stehen viele auf der Roten Liste gefährdeter Arten. Im Haager Toteiskesselgebiet finden einige dieser Arten noch ausreichende Lebensbedingungen.

Ist der Kessel begehbar, erkundet Klaus Burbach in seinen hohen Gummistiefeln auch das Innere des Biotopes. Dem Fachmann reicht zur Bestimmung auch die Larvenhaut, die nach dem Schlupf der Tiere manchmal noch an den Pflanzen zu finden ist. Auf diese Weise wurde an dem am besten erhaltenen Moor des Landkreises die stark gefährdete Hochmoor-Mosaikjungfer nachgewiesen. Dies ist eine ebenso große Überraschung wie der Fund der Kleinen Binsenjungfer an einem vermoorten Toteiskessel bei Unterhart. Die nächsten bekannten Vorkommen liegen erst deutlich weiter südlich, im an Mooren reicheren Landkreis Rosenheim.

Die Diplom-Geografin Lucia Karrer begleitete den Libellenfachmann auf seinen Kartierungen. Sie ist vom Landratsamt Mühldorf, und dem Bund Naturschutz, Kreisgruppe Mühldorf beauftragt, das von ihr aufgestellte Pflegekonzept an den Toteiskesseln umzusetzen.

Bei den ganztägigen Begehungen bekam sie Hinweise von Klaus Burbach, wie die Toteiskessel verbessert werden können, um die Libellenbestände zu schützen und sogar noch zu erweitern. Besonders freut sie, dass genau an den Stellen, wo bei den Pflegemaßnahmen im Frühjahr durch Herausnahme von Wurzelstöcken große Wasserlöcher in Moor und Ried entstanden, sich nun die Libellen tummeln.

Könnte man die Löcher dauerhaft von beschattender Vegetation freihalten, so Burbach, wäre es möglich, dass sich auch eine sehr seltene Art, die Arktische Smaragdlibelle, wieder ansiedelt, eine Art, die in der Gegend nur noch nördlich des Kesselsees bei Wasserburg vorkommt und eine spezialisierte, stark gefährdete Moorlibelle ist.

Untersucht wurden auch jene Biotope, die für die geplante Erweiterung des Toteiskesselweges in Frage kommen, und einige im weiteren Umfeld des Toteiskesselweges, wie zum Beispiel ein vermoorter Toteiskessel bei Unterhart. Leider ist hier das eingeschleppte Indische Springkraut bis in die Bereiche der Torfmoose eingedrungen und droht diese zu überwachsen. Daher wurden als Sofortmaßnahme die Pflanzen in mehrstündiger Arbeit ausgerissen, bevor sie aussamen und sich noch mehr ausbreiten.

Im September kommt der Fachmann wieder, da zu allen Jahreszeiten verschiedene Libellenarten unterwegs sind. Erst danach wird die Kartierung weitgehend vollständig sein.

Der Toteiskesselwanderweg erfreut sich großer Beliebtheit. Start ist bei Grandl's Hofcafé in Sandgrub, östlich von Haag. Im Café und auch bei der Schautafel liegen kostenlose Faltpläne auf. Weitere Informationen unter http://www.toteiskessel.de

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