Hilfe für Wohnungslose

Die „Traube“ in Wasserburg hilft Menschen ohne Dach über dem Kopf - durch Corona muss sie es öfter

Hilfe bei Wohnungslosigkeit oder dem drohenden Verlust eines festen Wohnsitzes bieten Claudia Forster (links) und Ingrid Öfele, beide Mitarbeiterinnen der „Traube“. Huber (1)/privat (2)
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Hilfe bei Wohnungslosigkeit oder dem drohenden Verlust eines festen Wohnsitzes bieten Claudia Forster (links) und Ingrid Öfele, beide Mitarbeiterinnen der „Traube“. Huber (1)/privat (2)
  • Sophia Huber
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30 Betten bietet die „Langzeit- und Übergangshilfe Wasserburg“. Die Einrichtung hilft Wohnungslosen und von Wohnungslosigkeit bedrohten Männern. In der Pandemie ist das Haus so wichtig wie nie zuvor, denn noch mehr Menschen als sonst sind in Gefahr, ihr Zuhause zu verlieren.

Wasserburg – „Langzeit- und Übergangshilfe Wasserburg“ steht auf der Tür und den Dienstwagen. Die meisten Wasserburger kennen die Institution jedoch als „Traube“. In der Realität ist das Haus am Heisererplatz eine Einrichtung der Wohnungslosenhilfe Bayern. In der Einrichtung des Internationalen Bundes (IB) stehen dreißig Plätze für wohnungslose oder für von Wohnungslosigkeit bedrohten Männern zur Verfügung.

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„Wir planen derzeit ein Haus für Frauen“, sagt Leiterin Ingrid Öfele, „und sind auch schon mit der Stadt im Gespräch, aber die Wahrheit ist: Bei Frauen ist der Bedarf an Wohnungsloseneinrichtungen augenscheinlich nicht so groß.“ Mitarbeiterin Claudia Forster stimmt ihr zu. „Obdachlose Frauen sind oft nicht so sichtbar. Sie haben häufig ein stabileres soziales Netz und es gibt auch viele Hilfsangebote wie Frauenhäuser und Ähnliches.“ Männer landen da eher auf der Straße, „und da versuchen wir zu helfen.“

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Ein Geflecht an vielfältigen sozialen Problemen

Denn meist stecke hinter Wohnungslosigkeit ein Geflecht an anderen sozialen Problemen. „Da geht es um Jobverlust, Schuldenprobleme, psychische Probleme, Suchtproblematik. Die Gründe können sehr vielfältig sein.“

Die IB bietet in mehrfacher Hinsicht Hilfe. Zunächst finden die Männer hier ein Dach über dem Kopf – was für die meisten Menschen vollkommen selbstverständlich ist, ist hier überlebenswichtig.

Hier finden Männer, die ohne Wohnsitz sind, oder denen Wohnungslosigkeit droht, eine Zuflucht: in der „Traube“.

Schwerpunkt liegt auf Sozialer Arbeit

„Letztes Jahr um diese Zeit habe ich noch im Zelt gewohnt“, erklärt ein Bewohner, „vor allem im Winter ist das nicht gerade toll.“ Neben Schutz vor Wind und Wetter bietet die „Traube“ eine Alltagsstruktur und Therapiemöglichkeiten durch Psychologen und Ergotherapeuten.

„Wir sind ein Team von 27 Mitarbeiteten aus verschiedenen Professionen.“ Der Schwerpunkt liege auf Sozialer Arbeit. „Jeder Bewohner hat feste Ansprechpartner aus den einzelnen Berufsgruppen.

Individuelle Betreuung

Die Mitarbeiter würden sich um sehr vielfältige Dinge kümmern. „Die Betreuung ist ganz individuell.“ Jeder Bewohner habe eine auf ihn abgestimmte Hilfeplanung. „Da geht es zum Beispiel um die Frage nach dem Schuldenregulieren, aber auch ärztliche Anbindung und die Versorgung mit Medikamenten sind immer wieder Thema. Solche Sachen bleiben oft über Jahre auf der Strecke.“ Schließlich seien andere Probleme der Männer oft drängender, wie die Frage, woher die nächste Mahlzeit komme.

Ziel: kontrolliertes Trinken im „nassen Haus“

Ein Teil des therapeutischen Angebots ist auch die Suchtberatung. Diese bietet mit Programmen wie „Kontrolliertes Trinken“ ihre Unterstützung.

„Wir sind ein nasses Haus“, erklärt die Einrichtungsleitung, „das bedeutet, unsere Bewohner dürfen in den Zimmer Bier trinken, wenn sie das wünschen.“ Das sei sehr ungewöhnlich. „Viele Einrichtungen sind trocken, aber wir glauben, das stellt für manche zu hohe Anforderungen dar und kann den Zugang zu Hilfsmaßnahmen verhindern.“ Stattdessen habe man sich hier dazu entschieden, mit Transparenz zu arbeiten. „Bier ist erlaubt, alles andere, also Wein und Schnaps, ist verboten. In den Aufenthaltsräumen darf ebenfalls nicht getrunken werden.“ Das Ziel sei ein kontrollierter, bewusster Konsum oder das Erreichen von Absitzen, so Öfele. „Wenn das Ganze eskaliert, dann müssen wir natürlich Konsequenzen ziehen, das geht nicht.“ Aber das komme nicht sehr häufig vor. „Wir haben hier auch viele Bewohner, die gar nicht trinken.“

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Einmal im Jahr geht es in den Bewohnerurlaub

Neben Therapie und Unterstützung kommt auch der Spaß beim IB nicht zu kurz. „Wir machen sehr viele Ausflüge.“ Einmal im Jahr geht es für eine Woche in den Bewohnerurlaub, ansonsten gibt es viele Tagesausflüge, zum Beispiel zum Fischen. Zudem werden jedes Jahr verschieden Feste gefeiert, wie Weihnachten oder das Sommerfest. Normalerweise stehen auch täglich Spielabende auf dem Programm. Das sei derzeit alles nicht möglich. „Wir haben sehr strenge Auflagen“, erklärt die Leiterin. „Es dürfen sich zum Beispiel nur fünf Menschen im Abstand im Aufenthaltsraum aufhalten. Dadurch fehlen natürlich viele Aktivitäten.“ Auch die üblichen Bewohnerversammlungen müssten derzeit ausfallen.

Kurzarbeit, Jobverlust: Probleme, die Miete zu bezahlen

Doch die Mitarbeiter der Einrichtung haben trotzdem genügend zu tun. Denn Wohnungslosenhilfe sei gerade jetzt besonders wichtig. „Im März hatten wir wie jede Einrichtung erst einmal einen Aufnahmestopp“, erklärt Forster, „aber kaum war der Lockdown vorbei, hatten wir einen großen Andrang.“ Denn viele Menschen hätten in Corona-Zeiten ihren Job verloren, oder mussten in Kurzarbeit und konnten die Miete nicht bezahlen. Auch häusliche Gewalt und Streitereien sei gestiegen „Bei uns haben sehr viele geklingelt, weil sie plötzlich wohnungslos geworden sind.“

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„Das geforderte Zu-Haus-Bleiben aufgrund der aktuellen Lage ist für wohnungslose Menschen nicht möglich“, so Forster weiter. Umso wichtiger sei es, Schutz-, Hygiene- und medizinische Versorgungsangebote für wohnungslose Menschen umzusetzen. „Aber auch die Solidarität ist in dieser Zeit unglaublich wichtig.“ Einen Beitrag dazu leistet der IB.

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